Die Schweizer Gründerinnen- und Gründerszene boomt. Immer mehr Investorengelder fliessen in die innova­tiven Jungunternehmen des Landes; eine Karriere als Gründer ist im Vergleich zu früher inzwischen viel mehr zur Normalität geworden.

Bei all den kurzatmigen Erfolgsmeldungen zu Finanzierungsrunden, Übernahmen und Neugründungen geht der Blick auf das gesamte Ökosystem teilweise etwas vergessen. Umso verdienstvoller ist auch in diesem Jahr der «Swiss Startup Radar», der federführend von Startupticker.ch-Chef­redaktor Stefan Kyora und dem Department of Finance der Universität Lausanne herausgegeben wird. In einer Datenana­lyse von 5000 Schweizer Startups verglichen mit 250'000 Startups in aller Welt wird untersucht, welche Trends die Szene bewegen und was die Schweiz in diesem Bereich von anderen Ländern unterscheidet.

Der Schwerpunkt in diesem Jahr liegt auf dem Phänomen der Exits – also wenn Gründerinnen und Gründer ihr Unternehmen verkaufen. Dieser Prozess ist für das Entstehen eines erfolgreichen Start­up-Ökosystems entscheidend. Ehemalige Gründer werden oft Investoren, mit den erhaltenen Geldern schaffen sie neues ­Risikokapital, das anderen Startups nützt. Der «Swiss Startup Radar 2019/2020» untersucht zum ersten Mal umfassend die Exits von Schweizer Startups und stellt sie in einen internationalen Kontext.

500-Millionen-Bewertungen

Die Grundlage dazu bilden Daten zu mehr als 4000 Schweizer, 4000 israe­lischen und 12'000 deutschen Startups, die ursprünglich vom Marktforschungs­institut Pitchbook stammen und aufwendig bearbeitet wurden, um nur relevante Daten zu berücksichtigen. 450 Exits von Schweizer Unternehmen wurden auf diese Weise identifiziert. Bei mehr als 100 Transaktionen ist die Bewertung des Unternehmens bekannt.

«In Sachen Exit ist der Trend in der Schweiz positiv. Die Zahl ist über die Jahre gestiegen; 2015 und 2017 konnten jeweils gegen fünfzig Exits realisiert werden. Besonders stark ist der Anstieg bei Software-Unternehmen: Hier wuchs die Anzahl von fünf Exits im Jahr 2006 auf zwanzig im Jahr 2017», so die Autoren des «Swiss Startup Radar». Mit der Quantität verbessere sich auch die Qualität. Am offensichtlichsten sei dies bei Exits, bei denen die Startups eine Bewertung von über 500 Millionen Franken erreichen. Diese gibt es mit einiger Regelmässigkeit erst seit fünf Jahren in der Schweiz.

upbeat - die Schweizer Startup-Serie

Unsere neue Startup-Serie «upbeat» porträtiert jede Woche ein Schweizer Jungunternehmen multimedial in Print, Audio und Video. Bleiben Sie dran, im Format Ihrer Wahl: Text, Bild und unterhaltsame Videos finden sie jede Woche auf handelszeitung.ch/upbeat oder in den sozialen Netzwerken. Den Podcast, mit vielen Tipps für Menschen, die selber in der Startupwelt durchstarten möchten, finden Sie auf Apple Podcasts und Spotify – und überall da, wo Podcasts zu Hause sind.

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Schweizer Gründer streben den Exit nicht an, um danach ihren Wohlstand zu geniessen. Nach dem Verkauf ihres Unternehmens bleiben 36 Prozent der CEOs im Unternehmen, wie Kyora analysierte. «Wir haben dazu die weiteren beruflichen Stationen von denjenigen CEOs untersucht, die ein Unternehmen für mehr als 10 Millionen Franken verkauft haben. Diese ­Personengruppe hat nach dem Verkauf aufgrund ihres Wohlstandes die Wahl, was die weitere Karriere angeht. Über 50 Prozent der ehemaligen CEOs sind weiter in der Start­up-Szene aktiv. Die grösste Gruppe, 30 Prozent, ist operativ in einem weiteren Start­up tätig, 14 Prozent sind als Investoren tätig, weitere 9 Prozent als Berater oder Mentoren für Startups.»

Startup bleibt unabhängig

Ein guter Drittel der Startup-CEOs bleibt nach der Übernahme beim kaufenden ­Unternehmen. So bleibt das ehemalige Startup relativ unabhängig und im Sinne des Teams weiter aufgebaut wird. Der Exit diente dazu, einen weiteren Wachstumsschritt zu ermöglichen. Nur bei weniger als 5 Prozent der ehemaligen CEOs lässt sich keine weitere Tätigkeit nachweisen – ein klarer Beleg dafür, dass Schweizer Gründer nicht gründen und verkaufen, um möglichst schnell möglichst reich zu werden.

Der Blick auf die Exits der einzelnen Jahre ist aufschlussreich: «Für das Jahr 2002, das Jahr nach dem Platzen der Internetblase, enthält unsere Datenbasis nur einen Exit, in den Jahren 2011 bis 2014 schwankte die Zahl jeweils um dreissig. Danach werden die sehr guten Jahre 2015 und 2017 mit jeweils rund fünfzig Exits von den schwächeren Jahren 2016 und 2018 abgelöst. Bei gut hundert Exits in unserer Datenbasis ist bekannt, wie viel Geld bei der Akquisition geflossen ist beziehungsweise wie hoch die Unternehmen beim Börsengang bewertet wurden», so Kyora im Report.

Das Wachstum werde besonders beim Vergleich von Fünfjahresperioden deutlich. So war die Zahl der Exits in der Periode von 2009 bis 2013 knapp doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor. Danach stieg sie noch einmal um mehr als 50 Prozent. Bei den Exits bei einem Unternehmenswert von über 100 Millionen Franken habe sich die Zahl zwischen 2009 und 2013 gegenüber den Jahren 2004 bis 2008 mehr als verdoppelt und konnte sich danach auf diesem Niveau halten.

Nachhaltiger Aufschwung seit 2012

Gleichzeitig fällt aber auf, dass das Wachstum bei den Exits kleiner ist, als es aufgrund des Gründungsbooms von Schweizer Startups seit 2005 sein sollte, so die Analyse. Warum aber ist bei den Exits die Häufigkeit noch nicht so hoch wie bei den Gründungen? Ein Grund dafür sei der Mangel an Risikokapital in den Jahren nach der Finanzkrise. So ging in der Schweiz die Zahl der Finanzierungsrunden nach 2008 über mehrere Jahre zurück. Erst 2012 setzte ein nachhaltiger, lang ­anhaltender Aufschwung bei den Finanzierungsrunden ein. Aufgrund des fehlenden externen Kapitals setzten die Startups mehrheitlich auf langsames, selbst finanziertes Wachstum.

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Beim Vergleich der Schweizer Startups untereinander sticht die Biotech-Branche heraus. Sie stellt fast die Hälfte der Exits, bei denen die Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Franken bewertet wurden. Zudem sind Biotech-Firmen und Startups, die sich als Zulieferer von Biotech-Firmen positionieren, die einzigen Schweizer Unternehmen, die durchschnittlich grössere Investments anziehen als die entsprechenden Startups aus Israel. Im Biotech-­Bereich ist der Aufbau eines Startup-­Ökosystems in der Schweiz besonders weit fortgeschritten.