Serena Williams will ein Vorbild sein «für alle Mamis da draussen». «Wenn ich es tun kann, könnt ihr es auch!», rief die Tennisikone ihren Fans per Twitter zu, als sie neun Monate nach der Geburt ihrer Tochter im schwarzen Catsuit auf den Sandplatz von Paris zurückkehrte.

In der letzten Woche, kurz vor dem Start des legendären Wimbledonturniers, liess Williams die Welt teilhaben an den Sorgen einer stillenden Mutter. «Vor einem Spiel sitze ich in der Umkleide und pumpe ab, weil meine Brüste so gross sind», verriet sie in einem Interview. «Dann schrumpfen sie um ein bis zwei Nummern, und ich gehe raus und spiele.»

Kind und Karriere, klar geht das, lautet die Botschaft von Williams. Frauen von heute würden der Profi-Sportlerin von Herzen recht geben. Je gebildeter sie sind, desto stärker ist die Überzeugung, dass Kinder im 21. Jahrhundert kein Karrierehindernis mehr sind – zumindest zu Beginn der Karriere denken wohl die meisten so.

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Eine neue Studie aus den USA zeigt jetzt allerdings: Dieser Optimismus schwindet, sobald tatsächlich ein Kind geboren ist. Dann tritt ein Realitätsschock ein. Vielen Frauen kommt dann der Kämpfergeist à la Williams abhanden – und sie machen im Kopf eine Rolle rückwärts.

Gut ausgebildete Frauen überschätzen sich

Den «Mommy Effect» nennen die Forscherinnen von den renommierten Universitäten Princeton, Yale und NUS Singapore diese Ernüchterung, die einhergeht mit einem kräftigen Dämpfer der eigenen Karriereambitionen.

Die Ökonominnen haben für ihre Studie eine Reihe repräsentativer Befragungen aus den USA und Grossbritannien der vergangenen Jahre ausgewertet und kommen zu dem Schluss: Vor allem gut ausgebildete Frauen unterschätzen die Kosten und Anstrengungen des Mutterseins. Die grosse Mehrheit von ihnen gibt an: «Ein Elternteil zu sein ist härter, als ich es mir vorgestellt hatte.» Damit nicht genug. Sie ändern nach der Geburt des ersten Kindes die eigenen Einstellungen grundlegend – hin zu einem konservativeren Familienbild.

Womöglich sind die «Kosten des Mutterseins» wieder gestiegen.

«Die Familie leidet, wenn eine Mutter Vollzeit arbeitet.» Oder: «Der Mann sollte der Verdiener sein, die Frau zu Hause bleiben.» Ist erst einmal ein Kind auf der Welt, gibt es signifikant mehr Frauen, die solche Sätze unterschreiben würden. Eine Folge davon ist: Obwohl Frauen von Generation zu Generation besser ausgebildet sind, hat ihr Gewicht auf dem Arbeitsmarkt seit den 90er-Jahren kaum zugelegt.

Die Wissenschaftlerinnen haben auch eine Vermutung, woran das liegen könnte: Womöglich seien die «Kosten des Mutterseins» in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Im 20. Jahrhundert hätten eine Reihe von Innovationen – von der Spülmaschine über die Fertigmilch bis zu den Wegwerfwindeln – Müttern das Leben erleichtert.

Heute machten sie es sich selbst durch steigende Ansprüche wieder schwerer. Nach dem Motto: Für mein Kind nur das Beste, und dazu gehören mindestens zwei Stunden «quality time» am Tag. Zudem seien sowohl die Kosten der Kinderbetreuung als auch der Anteil stillender Mütter gestiegen. Und wenn selbst eine Profi-Tennisspielerin wie Serena Williams ihre inzwischen zehn Monate alte Tochter noch stillt, steigt zweifelsohne der Druck auf andere Frauen, es ihr nachzutun.

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Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am Berliner DIW, sieht das Hauptproblem in «hartnäckig verwurzelten Rollenbildern». Da passten manche Mütter trotz bester Ausbildung ihre beruflichen Ambitionen an die Erwartungen ihres Umfeldes an. Holst nennt das den «Saure-Trauben-Effekt». Die eigene Karriere sei mit Familie keine süsse Traube mehr, nach der Frau strebe. Sie werde im Kopf umdefiniert in etwas, das der Familie nur schade. Angenehmer Nebeneffekt: Damit sinkt der Druck, sich im Beruf zu behaupten.

Leisten Frauen Busse am Herd für mehr Lohn?

Alte Klischees leben weiter. Das konnte unter anderen die Ökonomin Marianne Bertrand von der University of Chicago zeigen. Paare entschliessen sich danach eher zur Hochzeit, wenn der Mann beim zu erwartenden Einkommen vorn liegt. Könnte die Frau ihn angesichts ihrer Qualifikation doch überholen, bleibt diese bei Gehalt und Arbeitszeit häufig unter ihren Möglichkeiten.

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Finanzen für junge Familien – die Serie

Geld ist nicht wichtig, solange man welches hat. Die allermeisten Familien müssen mit ihrem Budget haushalten. Worauf es sich bei den Familienfinanzen zu achten lohnt, erläutern wir in dieser Serie.

► Teil 1: So viel kostet ein Kind

► Teil 2: Als Paar sein Geld verwalten

► Teil 3: Als Familie sparen und vorsorgen

► Teil 4: Geldanlage fürs Kind: Wie Eltern es richtig machen

Und bringt sie tatsächlich mehr Geld nach Hause als er, haben die Forscher eine merkwürdige Art der Kompensation für die gebrochenen Rollenerwartungen entdeckt. Dann nämlich verbringt die Frau überdurchschnittlich viel Zeit mit Hausarbeit. Busse am Herd dafür, dass der Mann im Berufsleben im Schatten steht? Es sieht so aus.

Selbst topqualifizierte MBA-Studentinnen sind vor alten Mustern nicht gefeit. Einer aktuellen Studie des Chicagoer Ökonomen Leonardo Bursztyn zufolge verbergen unverheiratete Studentinnen ihren Ehrgeiz durch reduzierte mündliche Mitarbeit. Zudem geben sie in Fragebögen, die ihre Klassenkameraden einsehen können, niedrigere Gehaltsziele an. Bloss nicht zu ambitioniert erscheinen, heisst ihre Botschaft.

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Auch Väter sollen Verantwortung in der Familie übernehmen

Um an solch zementierten Geschlechterbildern zu rütteln, fordern Forscherinnen wie Elke Holst Hilfe vom Staat. Durch zusätzliche Vätermonate und eine sogenannte Familienarbeitszeit solle die gleichmässigere Verteilung der Kinderbetreuung gefördert werden. «Wir müssen Männer durch finanzielle Anreize ermuntern, mehr Verantwortung in der Familie zu übernehmen», sagt die DIW-Forscherin.

Der Schlüssel zur Veränderung, so viel ist klar, liegt auch in den Köpfen der Männer. Die schauen dem täglichen Spagat ihrer Frauen bisher noch recht unbelastet zu. Die Autorinnen der Studie zum «Mommy-Effect» jedenfalls können keinen «Daddy-Effect» erkennen. Die grosse Mehrheit der Väter finde das Elternsein keinesfalls «härter als erwartet». Wie auch, wenn sie gedanklich alle Familienprobleme auf die Frau abschieben, möchte man fragen.

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Alexis Ohanians Instagram-Eintrag zu seinem Kind.

Sein «Ein und Alles»: Nach der Geburt seiner Tochter macht sich Alexis Ohanian auf Instagram für «Vätermonate» stark.

Quelle: Instagram

Da hat sich Tennis-Star Serena Williams einen hilfreicheren Mann ausgesucht. Der Internet-Unternehmer Alexis Ohanian nahm zur Geburt seiner Tochter 16 Wochen Elternzeit. Die kleine Alexis Olympia habe ihm geholfen, sein Leben neu zu ordnen, liess er die Welt über Instagram wissen.

«Dieses Glück sollte jeder Vater im Land erleben!» Deshalb wolle er sich nun dafür einsetzen, dass auch die USA bezahlte Vätermonate einführen. Ob er in seinen eigenen Firmen mit gutem Beispiel vorangeht, schrieb Ohanian nicht. Aber das wäre doch mal ein Anfang.

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Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel Wenn der „Mommy Effect“ die Karriere beendet.