Vom Arbeitgeber entsandt. Oder auf eigene Faust hergekommen. Expats verlassen ihre Heimat oft für die Karriere. Meist, um die eigene Lebenssituation zu verbessern. Aber immer mit demselben Gefühl: Sie fühlen sich zwar wohl, aber auch irgendwie fremd. Hier, in der Schweiz.

Expats gehören zum Land wie Banken, Uhren und Raclette. Ohne diese Fachleute und Arbeitsmigranten – meistens gut ausgebildet und hoch qualifiziert – würde der Schweizer Wirtschaftsmotor ins Stottern kommen.

Je höher die Position, desto grösser die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Fachkraft aus dem Ausland kommt, da es auf dem Topniveau einen internationalen Wettbewerb gibt.

Der soziale Anschluss fehlt

Was diesen Fachkräften aber oft fehlt, ist der soziale Anschluss. Softe Aspekte wie Heimatgefühl, wie einfach es ist, Freunde zu finden, oder wie die Offenheit der Schweizer Mitmenschen von Expats empfunden wird, das findet in den Lebensqualitäts- und Expat-Rankings von Mercer und PwC kaum Niederschlag.

Geld ist eine Kategorie, Gefühle nicht. Dort geht es mehr um Löhne, Preise, Sicherheit und Infrastruktur. Die Schweiz schneidet jedes Jahr top ab. Umso überraschender ist das Ergebnis einer Umfrage unter 15'000 Expats der weltgrössten Expat-Plattform Internations.

Die Schweiz ist da nicht, wie bei diesen Umfragen üblich, mit einem Platz auf dem Podest vertreten. Sondern auf Rang 26 von insgesamt 58 Ländern. Denn fast ein Drittel der Expats fühlt sich in der Schweizer Kultur nicht zu Hause.

Nur weniger als die Hälfte lebt sich hier leicht ein. 60 Prozent haben es schwer, Schweizer Freunde zu finden. Auf den Plätzen eins bis drei: Taiwan, Mexiko und Portugal.

«Ich könnte besser integriert sein»

Orlando Oliveira ist Portugiese. Er kam vor acht Jahren im Auftrag von Amgen nach Zug. Davor war er für die Biotech-Firma in Portugal, Schweden und Frankreich tätig. Heute ist er leitender Manager für die Pharmafirma Agios in Zug.

Seine Ehefrau hat er hier kennengelernt, sie ist Schweizerin. Die meisten von Oliveiras Freunden und Bekannten seien aber wie er auch Expats. «Ich könnte bestimmt noch besser integriert sein, das ist dann mehr eine Frage der Sprache.»

Der Karriere wegen würde er auch in ein anderes Land gehen. Aber nicht gegen den Wunsch der Familie. «Für mich als Portugiesen kommt die Familie an erster Stelle.» Und die Schweiz an zweiter – vor allem für die Karriere: «Um im Biotech-Bereich zu arbeiten, ist die Schweiz eines der weltweit attraktivsten Länder.»

Oliveira möchte gerne bleiben. Seit 2019 wohnt er mit seiner Familie nicht mehr in Zug. «Vier Jahre hat es gedauert, bis wir eine passende Bleibe im Raum Zürich gefunden haben. Der Wohnungsmarkt in der Schweiz ist nicht einfach.»

So geht es den Expats in der Schweiz

  • Die beliebtesten Expat-Ziele sind laut dem Netzwerk Internations und unter 15'000 Befragten Taiwan, Mexiko und Portugal. Die Schweiz liegt mit den USA und den Niederlanden im Mittelfeld. Am unbeliebtesten sind Südafrika, Indien und Kuwait.
  • Die Mehrheit der Expats in der Schweiz sind ex aequo italienischer, deutscher und französischer Nationalität, gefolgt von Briten und Amerikanern.
  • Top vier Expat-Gründe, in die Schweiz zu ziehen: Arbeit, Partner, Entsendung, Liebe.
  • Fast jeder dritte Expat fühlt sich nicht zu Hause in der Schweizer Kultur. Weniger als die Hälfte findet es leicht, sich hier einzuleben. Drei von fünf Expats sagen, es ist schwer, einheimische Freunde zu finden. Mehr als die Hälfte der Expats hat Schwierigkeiten mit der Landessprache.

Hürden in der Wohnungssuche

Gudrun Bürgi weiss, wovon Oliveira spricht. Die Anwältin für Expatriates-Management kennt die Hürden, mit denen Expats kämpfen. Oft fragt der Vermieter zuerst nach dem Aufenthaltstitel, bevor eine Besichtigung gewährt wird. Das kann noch weiter gehen.

Bürgi erinnert sich: Ein Expat wurde gefragt, wie oft er pro Woche in dieser Wohnung übernachten wolle. Täglich, sagte dieser. Worauf der Vermieter meinte, das ginge nicht, weil an dieser Adresse schon dreissig Personen wohnen würden. Ob es sich dabei um Steuerflüchtlinge handelte?

Man weiss es nicht. Was Bürgi aber aus Erfahrung weiss: Expats leben deshalb häufig gerade im ersten Jahr in möblierten Appartements mehr oder weniger aus dem Koffer. «Das ist nicht immer einfach, ist belastend und sie verlieren das Gefühl für Heimat.»

Vasily Suvorov ist 2014 als Chief Technology Officer der Softwarefirma Luxoft mit seiner Familie aus Russland in die Schweiz gekommen. Das Unternehmen verlegte Headquarter und Führungskräfte von Moskau nach Zug – aus Finanz- und Steuergründen. «Ich stand meiner Migration in die Schweiz anfangs skeptisch gegenüber.»

Podcast: Diese Firma kümmert sich um die Expats

Nest Temporary sorgt dafür, dass sich Expats in der Schweiz schnell zuhause fühlen - und nimmt damit Konzernen Arbeit ab.

Hier gehts zu allen Podcasts der Serie «upbeat».

Zug als Sonderfall

Nach gut sechs Jahren in der Schweiz bezeichnet Suvorov Zug als Sonderfall: Die Menschen, die hier leben, seien sehr international, Schweizer eher in der Minderheit. «Das hat vielleicht den Nachteil, dass man mit der lokalen Bevölkerung weniger in Kontakt kommt, was zu einer gewissen Ghettoisierung führt.»

Freundlich gesagt: «Die Schweizer nötigen dich nicht, am Leben teilzunehmen, und sind sehr diskret. Da braucht es eine gewisse Initiative von Zuwanderern.» Die er gezeigt hat: Suvorov nahm am alljährlichen «Chriesisturm» teil. Menschen rennen mit Leitern und Tragkörben bestückt durch die Innenstadt, um die Kirschernte zu feiern. Ein Kulturschock. Sein bislang verrücktestes Erlebnis in der Schweiz.

Oliveira und Suvorov sind prototypische Expats – in der für Expats prototypischen Gegend Zug. Privilegiert, wohlhabend, internationales Umfeld. Aber es gibt auch Expats, die nicht in dieses Schema passen. Expatriate ist auch, wer einen dauerhaften Aufenthalt im Zielland anstrebt.

Zum Beispiel Haydar Karatas. Er ist ursprünglich aus ganz anderen Gründen in die Schweiz gekommen, um hier schliesslich ein Unternehmen aufzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu zahlen. 2003 kam er als Flüchtling. Heute betreibt er ein Bio-Lokal und einen Lebensmittelladen, ist Schriftsteller und Übersetzer von Telefonprotokollen für die Kriminalpolizei.

Schwieriger Einstieg ins Unternehmertum

Der Einstieg ins Unternehmertum war für ihn nicht einfach. «Als ich mich ins Handelsregister eintragen lassen wollte, konnte mir die Amtsperson nicht weiterhelfen.» Dabei waren alle Dokumente parat.

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«Als meine Mitarbeiterin in akzentfreiem Schwyzerdütsch anrief, war das plötzlich kein Problem.» Und dann war da der Lieferant für seinen Gemüseladen. «Er wollte mir zuerst die Ware nicht schicken, weil er mir nicht traute.»

Was aber auch stimme: Polizisten und Richter zum Beispiel würden Ausländern gegenüber bei Gesetzesverstössen einen gewissen Vertrauensvorschuss mitbringen. «Die calvinistische Strenge wird hier auf eine gute Art deutlich», sagt Karatas.

Mit Schweizern gehe man härter um, weil sie es besser wissen müssten. Fremden erlaube man, dazuzulernen. Das hilft Expats, Zuwanderern und Migranten, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Auch wenn man nicht immer alles versteht.