Zum Jubiläum gab es eine edle Uhr ans Handgelenk. So ehrten Unternehmen ihre treuen Mitarbeiter. Doch «heute gilt dies als alter Zopf, und die Jubiläumsuhr ist längst abgeschafft. Eine Belohnung erhält nur noch, wer sich frühzeitig pensionieren lässt.»

Das schreibt die Geschäftsleitung des Kaufmännischen Vereins Zürich 1997 und stützt damit die Aussage des ABB-Personalchefs, ebenfalls in den 1990er Jahren: «Beschäftigung ist nichts als ein Tauschvertrag, Arbeit gegen Geld.» Kündbar auf drei Monate, von Loyalität ist nicht die Rede. Vorbei die Zeit, als ­Patron und Belegschaft als grosse ­Familie galten.

Heute, bald 20 Jahre später, müsste Firmentreue ganz und gar verschwunden sein. Dies umso mehr, als schon im Jahr 2020 die Hälfte der Arbeitnehmer zur Generation Y gehören werden, also nach 1980 geboren wurden und als Jobhopper gelten. 38 Prozent der Berufs­anfänger mit Studium suchen bereits in den ersten drei Jahren nach einer neuen Stelle, 43 Prozent sind offen für Neues. Zu diesem Ergebnis kommt 2011 eine Studie von PwC.

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Schwindende Loyalität

Die Generation Y pfeift auf Loyalität. Und die Alten, die sich ihrem Arbeit­geber besonders verbunden fühlen, erfahren keine mehr. «Die Unternehmen streiten das zwar ab», sagt Norbert Thom. «Aber in Tat und Wahrheit ist die Altersdiskriminierung massiv. Nibelungentreue gibt es tatsächlich nicht mehr.»

Der emeritierte Wirtschaftsprofessor der Universität Bern hat die Beziehung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern über Jahrzehnte ­erforscht. Auch er spricht von schwindender Loyalität. Die Ursache sieht er unter anderem in den Restrukturierungen, die niemand voraussagen könne. «Eine Garantie für einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit abzugeben, wäre unverantwortlich», so Thom.

So gut wie nichts geändert

Unter diesen Umständen müsste die Fluktuation in den letzten Jahren deutlich gestiegen sein. Ob das zutrifft, soll eine Spezialauswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) zeigen, die das Bundesamt für Statistik (BfS) für BILANZ gemacht hat. Das Ergebnis überrascht. In den letzten zehn Jahren hat sich so gut wie nichts geändert. Im Jahr 2003 waren 14,6 Prozent der Beschäftigten 20 Jahre oder mehr im Betrieb, 2013 waren es 14,9 Prozent.

Leicht abgenommen hat der Anteil der 55- bis 64-Jährigen an der Gesamtzahl der Beschäftigten. 1998 stellten sie 15,1 Prozent, 2014 sind es 12,7 Prozent. Das verwundert nicht, denn jeder und jede Dritte dieser Altersklasse lässt sich frühpensionieren, davon 17 Prozent «aus betrieblichen Gründen», wie es in der BfS-Auswertung heisst. Darin sind jene enthalten, die in die Pension abgeschoben wurden.

An Hinweisen, dass die Altgedienten zwar weiterbeschäftigt, aber finanziell besonders kurzgehalten werden, fehlt es. Nach den Zahlen des Bundesamts für Statistik verdienten Beschäftigte mit über 20 Dienstjahren 2012 rund 20 Prozent mehr als der Durchschnitt der Angestellten, 1998 lag die Differenz bei 23 Prozent. Hingegen ist der Abstand gegenüber Arbeitskollegen mit fünf bis neun Dienstjahren kleiner geworden. 1998 lag der Bruttolohn der Mitarbeiter mit 20 und mehr Dienstjahren gut 26 Prozent höher, 2010 waren es nur noch 18 Prozent.

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Wunsch nach Langfristigkeit

Aus allen diesen Zahlen lässt sich der Schluss ziehen, dass Firmentreue bis zu 20 Dienstjahren so normal ist wie vor zehn Jahren, dass sich Arbeitnehmer über 55 aber öfter als früher aus dem Erwerbsleben zurückziehen, vier von fünf aus persönlichen oder gesundheitlichen und nicht aus betrieblichen Gründen. Dass die Loyalität zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern tatsächlich sehr gelitten hätte, lässt sich jedenfalls nicht nachweisen.

Eine Erklärung dafür bietet das HR-Barometer 2012 von Universität und ETH Zürich, dessen Ergebnisse für die Beschäftigten in der Schweiz repräsentativ sind. 79 Prozent der Befragten geben an, sie möchten «eine lange Zeit in einem Unternehmen arbeiten». Allerdings wollen nur 22 Prozent ihre Karriere vom ­Arbeitgeber planen lassen.

Sie bleiben, wenn er ihnen bietet, was sie erwarten: Das sind neben angemessenem Lohn eine gute Work-Life-Balance, herausfordernde und sinnvolle Arbeit, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, eine positive und ermutigende Arbeitsatmosphäre und ein sicherer Job. Diese Attribute machen einen attraktiven Arbeitgeber aus, wie die Studie «Die attraktivsten Arbeit­geber» von Universum und die Mitarbeiterbefragung für den Swiss Arbeitgeber Award 2014 zeigen.

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