Noch vor wenigen Monaten hatte Homeoffice das Flair des Besonderen, seit Corona gehört es zum Alltag. Rund die Hälfte aller Schwei­zer Erwerbstätigen arbeitet derzeit regelmässig von zu Hause aus – vor der Krise waren es lediglich 25 Prozent, ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte. Und jeder Dritte glaubt, dass es mit der Arbeit in den eigenen vier Wänden weitergeht.

Auch die Arbeitgeber stellen sich darauf ein. «Früher hat sich der Bewerber nach der Möglichkeit zur Heimarbeit erkundigt – jetzt fragen die Unternehmen den Kandidaten, ob er fit dafür ist», beobachtet Marc Lutz, Managing Director bei der Personalberatung Hays in Zürich. Homeoffice ist von der Kür zur Pflicht geworden. Aber wie können Mitarbeitende beweisen, dass sie für die Arbeit auf Distanz geeignet sind? Und welche Eigenschaften braucht man dafür?

Regeln gelten auch im Homeoffice

Die Frage, wer fürs Homeoffice taugt, muss Alexander Frison, CEO der Webagentur Inpsyde, jeden Tag beantworten. Seine Firma ist offiziell in Deutschland beheimatet, tatsächlich aber sitzen die fünfzig Mitarbeitenden überall auf der Welt – in Schweden, den USA, Thailand.

Bis zu 250 Personen bewerben sich bei Inpsyde pro Monat und Frison muss im Videogespräch herausfinden, wer für die Zusammenarbeit auf Distanz geeignet ist. «Ich frage oft als Erstes, wie sich der Kandidat oder die Kandidatin den Job vorstellt.»

Viele reden dann vom Reisen und freier Zeiteinteilung. «Sie denken, sie können tun und lassen, was sie wollen», so Frison. Solche Anwärter haben schlechte Karten. «Remote Work bedeutet volle Arbeitstage und klare Anwesenheitsregeln.» Inpsyde legt die Latte hoch, wenn es um neue virtuelle Kollegen geht. Von 250 Bewerbern pro Monat werden in der Regel nur ein bis zwei als kompetent genug und Remote-geeignet eingestuft.

Welche Eigenschaften haben gute Heim­arbeitende? Dieser Frage ist Professor Hartmut Schulze von der Fachhochschule Nordwestschweiz in mehreren Studien nachgegangen. «Grenzen ziehen zu können, ist sehr wichtig», so Schulze. Vor allem, wer Familie hat, tue sich schwer damit. Daneben müsse das Selbstmanagement beherrscht werden. Schulze beschreibt die Herausforderung so: «Man muss sich mo­tivieren und jeden Morgen aufs Neue in eine Arbeitshaltung hineinfinden – ohne die stützenden Strukturen im Büro.»

Unerlässlich sind daneben digitale Kompetenzen. Wer über Distanz arbeitet, muss darin versiert sein, den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, Führungskräften und Kunden auf elektronischem Weg zu halten. Wissenschafter Schulze rät Angestellten, auf die mehr Homeoffice zukommt, sich zu Themen wie Arbeitsmanagement und Online-­Moderation weiterzubilden.

Ein interessantes Detail aus seinen Studien: Erfahrene Arbeitskräfte bilden die Mehrheit der Homeoffice-Nutzer. »Wahrscheinlich, weil sie schon gelernt haben, eigenständig zu handeln, ihre sozialen Netzwerke etabliert haben und man es ihnen von der Firmenseite her auch zutraut«, so Arbeitspsychologe Schulze.

Führungsqualität im Videocall

Bislang setzen Unternehmen bei der Auswahl von Heimarbeitenden vor allem auf Selbstselektion. «Die Möglichkeit zum autonomen Arbeiten wird in der Arbeitgeberwerbung stark herausgestellt, sodass sich vor allem Leute bewerben, die dafür geeignet sind», erklärt Michael Beckmann, Professor für Personal und Organisation an der Universität Basel und Experte für mobiles Arbeiten. Geeignet für das Homeoffice sind seiner Meinung nach vor allem Menschen mit hoher Eigenmotivation.

Derzeit beginnen die ersten Unternehmen damit, Bewerber gezielt nach solchen Eigenschaften auszusuchen. «Dafür wird die sogenannte kompetenzbasierte Interviewführung genutzt», erklärt Experte Lutz von der Personalberatung Hays.

Was einen guten «Remote Worker» auszeichnet

  • Zeitmanagement: Sie sind pünktlich, gut vorbereitet und arbeiten effektiv (zum Beispiel mit der Pomodoro-Technik: 25 Minuten konzentriert arbeiten, dann 5 Minuten Pause).
  • Organisation: Sie teilen sich Aufgaben selbstständig ein, sodass sie sich im vereinbarten Zeitraum erledigen lassen.
  • Kommunikation und Kollaboration: Sie können auf den Punkt formulieren und informieren die Kollegen proaktiv über ihren Arbeitsfortschritt.
  • Technik: Sie nutzen versiert digitale Werkzeuge – vom Chatprogramm über die Videokonferenz bis zu Teamplattformen wie Slack.
  • Balance: Sie grenzen sauber die Arbeit von der Freizeit ab und widerstehen der Versuchung, 24/7 für die Kollegen erreichbar zu sein.
  • Motivation: Sie lassen sich nicht ablenken, brauchen wenig Zuspruch von Dritten und finden morgens schnell in die Arbeit hinein. Auch das Selbstmarketing vergessen Sie zu Hause nicht.

Vereinfacht gesagt bedeutet das: Man fragt die Kandidatin nicht direkt «Kannst du Home­office?», sondern spricht mit ihr über ihren Lebenslauf, und versucht indirekt, sie auf ihre Tele-Tauglichkeit hin abzuklopfen. Typische Fragen: Wie haben Sie die erste Zeit im Homeoffice erlebt? Wie produktiv waren Sie? Womit hatten Sie Probleme? «Jeder Interviewer hat hier seine eigenen Techniken», so Lutz.

Besonders gerne sehen Un­ternehmen es natürlich, wenn jemand schon einmal Mitglied eines virtuellen Teams war. Wobei das nicht immer Heimarbeit bedeuten muss: Auch wer mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Niederlassungen oder Ländern ­kollaboriert hat, kann das als Distanz­erfahrung verbuchen und im Lebenslauf erwähnen. Allerdings sind dann Rückfragen wahrscheinlich. Recruiter wollen stets gerne wissen, wie die Zusammenarbeit gelaufen ist, um zu taxieren, wie der Kan­didat mit Schwierigkeiten umgeht.

Kommunikation ist entscheidend

Webagentur-Chef Frison achtet bei der Kandidatenauswahl vor allem darauf, wie sich eine Person selbst organisiert. Er erkundigt sich danach, wie sie den Tag plant und welche Werkzeuge sie dafür verwendet. Wer berichtet, dass er sich Notizzettel an den Monitor klebt, bekommt Minuspunkte – Remote-Profis schreiben nämlich jeden Abend eine digitale To-do-Liste für den nächsten Tag.

«Ausserdem ist Disziplin wichtig», ergänzt Frison. Er bevorzugt Leute, die nach dem Eat-the-Frog-Prinzip arbeiten, also morgens als Erstes die unangenehmen, schwierigen Aufgaben angehen. Ausserdem fragt Frison Bewerber, ob sie multitaskfähig sind. Die meisten Bewerber bejahen natürlich – doch das ist nicht unbedingt die richtige Antwort. Frison sagt, er glaube an die Kraft der Fokussierung, gerade im Homeoffice. «Je mehr Aufgaben gleichzeitig gemacht werden, desto schlechter wird die Qualität.»

Unternehmen mit verteilter Belegschaft brauchen natürlich auch Führungspersonal. Wer schon einmal ein virtuelles Team geleitet hat, ist hier im Vorteil. Agenturchef Frison achtet bei Kandidatinnen und Kandidaten für Führungspositionen vor allem auf die Kommunikationsfähigkeit. Logisch: Zusammenarbeit auf Distanz klappt nur, wenn man ständig per Chat oder Video den Kontakt zum Team hält – kein Job für introvertierte Menschen. «Ausserdem muss die Führungskraft zeigen, dass sie den Leuten vertraut und auf Resultate fokussiert ist. Wir brauchen keine Mikromanager», fasst Frison zusammen.

Der wichtigste Test für einen angehenden Remote Worker ist natürlich die Bewerbungssituation selbst: Wer schnell und präzise auf die E-Mails der Personalabteilung antwortet, zeigt, dass er Profi in Sachen Kommunikation ist – und genau das muss jeder Telearbeiter, jede Telearbeiterin sein. Kommt es zu einem Video-Interview, muss die Software kompetent bedient werden, so stellt man seine Technikkompetenz unter Beweis. Pflicht ist zudem ein sicheres Auftreten vor der Webcam (am besten vorher mit Freunden und Bekannten üben).

Vieles, was man als erfolgreiche Heimarbeiterin braucht, lässt sich also trainieren: Der Umgang mit Team-Software wie Slack und anderen Programmen ist leicht zu erlernen, Seminare vermitteln die Grundlagen von Zeitmanagement und Selbstorganisation, in zahllosen Fachbücher finden sich Tipps zur Produktivität in den eigenen vier Wänden. Aber reicht das? Professor Beckmann von der Universität Basel sieht Grenzen. «Ob man für Heimarbeit taugt oder nicht, ist auch eine Charakterfrage.»

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