Das gleiche dichte schwarze Haar, das auch den Vater in jüngeren Jahren kennzeichnete, das gleiche markante Kinn – ja, hier steht der Sohn von Mathis Cabiallavetta, jenem markigen Bündner, der Ende der neunziger Jahre Präsident der UBS war.

Beat Cabiallavetta hat sich aufgemacht, seinen ganz eigenen Fussabdruck in der Finanzindustrie zu hinterlassen – als neuer Partner bei Goldman Sachs. Im November wurde er ins erlauchte oberste Gremium der Bank erhoben, als einer von nur fünf Schweizern in der rund 400-köpfigen Führungsriege des Finanzgiganten. Der 40-Jährige hat eine Schlüsselrolle inne: Er leitet aus London heraus eine globale Gruppe, die einen Teil des Eigenkapitals der Firma investiert, die Milliarden also, welche die Kapitaldecke der Bank bilden.

Doch Beat Cabiallavetta ist nur ein Beispiel von einer ganzen Reihe jüngerer Schweizer und Schweizerinnen, die aus dem Schatten ihres bekannten Vaters treten und mit eigenen Leistungen auf sich aufmerksam machen. Das Spektrum ist breit: Caroline Humer, Tochter des langjährigen Roche-Präsidenten Franz Humer, ist im Direktorium von ICMEC, einer weltweit tätigen Organisation, die sich für vermisste und missbrauchte Kinder einsetzt; Pascal Behr, Sohn des Schaffhauser Industriellen Giorgio Behr, hat zwei Start-ups gegründet und waltet als frischgebackener Verwaltungsrat der Migros Ostschweiz; Oliver Rihs, Sohn des 2018 verstorbenen Hörgeräteunternehmers Andy Rihs, ist Regisseur und produziert Filme.

Beat Cabiallavetta, partner Goldmann Sachs, photographed Goldman Sachs International, Peterborough Court, Fleet Street, London, UK, Europe

Beat Cabiallavetta

Quelle: Andrea Artz

Beat Cabiallavetta, 40 Partner Goldman Sachs

Der Sohn des ehemaligen UBS-Chefs hat wie sein Vater eine Karriere in der Finanzindustrie gewählt, allerdings weit weg von den heimischen Gefilden. Mit eindrücklichem Erfolg: 2018 wurde er ins erlauchte Partner-Gremium der US-Investmentbank Goldman Sachs erhoben. Im rund 400-köpfigen Gremium gibt es gerade mal fünf Schweizer und Schweizerinnen. Eine davon: seine Gattin Niharika, die gleichzeitig wie er Partner wurde – das einzige Ehepaar in der obersten Garde der Bank.

--- Mathis Cabiallavetta#Mathis Cabiallavetta

Vater: Mathis Cabiallavetta, 74, ehemaliger UBS-Präsident, heute Verwaltungsrat BlackRock.

Quelle: RDB by Dukas
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Aus eigener Kraft

Sie alle sind angetreten, den Beweis zu erbringen, dass sie aus eigener Kraft ein erfolgreiches Leben gestalten können. Sie sind nicht primär Erben, wie etwa Nick oder Nayla Hayek, die vom Vater Firma und Position in den Schoss gelegt bekommen haben, sondern Sprösslinge mit dem Ehrgeiz, ihren eigenen Weg zu gehen.

Das ist nicht immer einfach, denn die Erwartungen der Väter sind oft hoch. Als Oliver Rihs zum Beispiel mit seinem Film «Schwarze Schafe» Deutschland-weit Erfolge feierte, sei der Vater zwar stolz gewesen, doch habe er dann angefügt: Deutschland sei ja gut, aber wie es denn mit dem weltweiten Erfolg stehe, erinnert er sich schmunzelnd. Was auffällt: Von der rebellischen Auflehnung gegen die Väter, die bei der vorangegangenen Generation noch wie selbstverständlich dazugehörte, ist heute weniger zu spüren. Andererseits lassen die Väter den Kindern auch mehr Freiheit in der Gestaltung ihres Lebens. «Dadurch hat aber der Einfluss der Eltern auf die Kinder nicht unbedingt abgenommen», sagt Marlis Buchmann, Soziologieprofessorin an der Uni Zürich.

«Mein Vater ist ein grosses Vorbild für mich.»

Beat Cabiallavetta

Ja, er habe ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Vater, sagt Cabiallavetta, er nennt ihn gar «ein grosses Vorbild». Er schätze ihn bis heute als Gesprächspartner. Zu Hause habe seine Mutter, eine Kanadierin, die der Vater während seiner Zeit als Hockeyspieler in Kanada kennenlernte, das internationale Umfeld geprägt, in dem er aufgewachsen ist. Am Beispiel seines Vaters habe er auch gelernt, wie nahe Erfolg und Misserfolg mitunter liegen können. Da war zunächst der Aufstieg des Mathis Cabiallavetta, zuerst Chef des Handels der Bankgesellschaft, danach CEO und in dieser Rolle 1997 einer der Architekten der Fusion mit dem Bankverein zur UBS. 1998 dann der jähe Absturz, als die Milliardenverluste des Finanzvehikels LTCM bekannt wurden und Cabiallavetta zurücktrat.

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Ihn habe beeindruckt, wie bedächtig sein Vater geblieben sei, erinnert er sich. «Er hat sich gut und lange überlegt, was er als Nächstes machen soll. Er hat sich selber gefangen und sich noch mal nach oben gebracht.» In der Tat konnte er wieder Fuss fassen, heuerte zunächst als Vice Chairman bei Marsh & McLennan an und schaffte es ein paar Jahre später zum Vizepräsidenten der Swiss Re. Seit 2007 amtet er als Verwaltungsrat des US-Vermögensverwalters BlackRock.

In Diensten von Goldman Sachs

Bei Beat Cabiallavetta zeigt die Karriere bis anhin allerdings nur in eine Richtung: nach oben. Ein besonderes Element seines Werdegangs ist, dass er und seine Frau Niharika auf parallele Karrieren zurückblicken: beide 2005 zu Goldman Sachs gekommen, beide 2013 zum Managing Director befördert, beide 2018 ins oberste Gremium erhoben – «das erste Mal, dass Goldman Sachs in London zwei Partner zu... Partnern machte», schrieb das Branchenportal Efinancialcareers und reihte das Ehepaar in die Liste der «six most interesting new partners at Goldman Sachs» ein. Partner beim US-Branchenführer – das bedeutet ein garantiertes Salär von einer Million Dollar, den Zugang zu einem gut gefüllten Bonus-Pool und gilt in der Branche als hohe Auszeichnung.

Niharika Cabiallavetta ist indischen Ursprungs. Er lernte sie nach dem Studium kennen, als er ein Praktikum bei der CS in New York machte. Beide gingen danach ihren Weg in der Branche, wobei Cabiallavetta zunächst beim holländischen Pensionsfonds ABP andockte und danach bei Merrill Lynch in New York im Eigenhandel arbeitete. 2005 trat Niharika in New York bei Goldman Sachs ein und sah bald auf der internen Website der Firma ein Jobangebot in London, das sie Beat schmackhaft machte. Er bekam die Stelle, und so stand er wenige Monate nach seiner Frau auch in Diensten von Goldman Sachs.

«Er hat für mich keine Türen geöffnet. Er war in den USA gar nicht so bekannt.»

Beat Cabiallavetta
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Sein Vater indes habe bei keiner seiner Karriereschritte eine Rolle gespielt: «Er hat für mich keine Türen geöffnet.» Mathis Cabiallavetta sei in den USA auch gar nicht so bekannt gewesen.

Sein Einstieg bei Goldman Sachs 2005 fiel zeitlich mit dem grossen Schicksalsschlag in der Familie Cabiallavetta zusammen: In jenem Jahr starb der jüngere Bruder Marc beim Klettern in den Bergen. Der Tod des Bruders habe ihn aber noch enger mit seinem Vater zusammengeschweisst. «Ich habe jetzt die Rolle von zwei Söhnen», sagt er. Der Vater sei ein Familienmensch, man sehe sich regelmässig, in London oder im Ferienhaus in der Lenzerheide, oft auch mit den Enkelkindern: Er und Niharika haben zwei Töchter im Alter von dreieinhalb und fünf Jahren.

Caroline Humer

Caroline Humer.

Quelle: Sally Montana

Caroline Humer, 42, Direktorin der internationalen Kinderschutzorganisation ICMEC

Die Tochter des Pharmamanagers startete ihre Karriere nach dem Uniabschluss in England bei der Transportpolizei der Londoner U-Bahn. Seit 2006 ist sie im Direktorium des International Centre for Missing & Exploited Children (ICMEC) mit Sitz in Alexandria, Virginia, das sich weltweit für missbrauchte und vermisste Kinder einsetzt. Ihr Vater ist inzwischen mit an Bord: Seit 2011 amtet er im Verwaltungsrat von ICMEC und nutzt seine Kontakte, um die Organisation auch in der Schweiz zu etablieren.

NEW YORK, NY - MAY 4: Franz Humer speaks at International Centre for Missing & Exploited Children 2017 Gala for Child Protection at Gotham Hall on May 4, 2017 in New York City. (Photo by Owen Hoffmann/Patrick McMullan via Getty Images)

Vater: Franz Humer, 73, ehemaliger Verwaltungsratspräsident von Roche.

Quelle: Paul Bruinooge/Patrick McMullan

Ebenfalls weit weg von der Schweiz Karriere gemacht hat Caroline Humer, Tochter des langjährigen Roche-Präsidenten. Sie ist mit ihrer internationalen Ausrichtung ein typisches Managerkind: mitgereist in die Gegenden der Welt, in die es den Vater bei dessen Karriere verschlagen hat. Geboren in Emmenbrücke, dann nach Ecuador, danach lange in Grossbritannien, wo Franz Humer in Diensten des Pharmagiganten Glaxo wirkte.

Sie studierte an der Nottingham Trent Business School, wo sie in Wirtschaft abschloss. Dann die Jobsuche. Sie wollte zunächst nur etwas Geld verdienen, suchte via einen Stellenvermittler eine dreimonatige Anstellung. Sie landete bei der British Transport Police, die unter anderem auch für die Londoner U-Bahn zuständig ist. Ein Job im Backoffice. Der Zufall wollte es, dass sich an ihrem zweiten Arbeitstag ein schweres Zugunglück ereignete. Nun musste die U- Bahn-Polizei recherchieren, ob den Zulieferfirmen etwas vorgeworfen werden konnte. «Es war eine spannende Aufgabe – und so wurden aus den geplanten drei Monaten drei Jahre», sagt Humer.

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Ab nach Amerika

Danach wollte sie etwas Neues machen, doch sie wusste nicht, was. Ihr Vater riet ihr, nach Amerika zu gehen. Sie war zunächst wenig angetan von seinem Vorschlag: «Ich hielt die Amerikaner damals alle für arrogante Schnösel.» Doch Franz Humer liess nicht locker, erkundigte sich bei amerikanischen Geschäftskollegen, ob sie von irgendwelchen spannenden Stellen gehört hätten, und in der Tat: Ein Bekannter wusste von einer Organisation namens ICMEC, die Leute suchte. Eher widerwillig habe sie zugesagt, sich die Sache mal anzusehen. «Nicht weil ich so begeistert war, sondern um meinen Vater zu beruhigen, im Sinne von: Ich habe Amerika versucht, jetzt lass mich damit in Ruhe.»

Doch nach dem Augenschein vor Ort und einem zweistündigen Bewerbungsgespräch sei sie Feuer und Flamme gewesen. «Ich habe gesehen: Die machen jeden Tag einen Job, der das Leben von Menschen verändert.» Sie wusste: Ich will die Anstellung, ganz gleich, was sie bezahlen. Viel sei es nicht gewesen: rund 35 000 bis 40 000 Dollar im Jahr. Sie trat zunächst in die amerikanische Länderorganisation ein und wechselte 2006 in die internationale Dachorganisation. Ihre Rolle als Director des Global Missing Children’s Center umfasst heute unter anderem den Kontakt mit internationalen Organisationen wie der Europäischen Kommission, dem Vatikan oder der Uno, um die Problematik vermisster und missbrauchter Kinder zu vertiefen.

«Mein Ziel war es, es alleine zu schaffen – in einem Bereich, in dem mein Vater keinen Einfluss hatte.»

Caroline Humer
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«Mein Ziel war es, es alleine zu schaffen – in einem Bereich, in dem mein Vater keinen Einfluss hatte.» Sie verdiene zwar viel weniger als ihr Vater in seiner Managerkarriere, doch sie messe Erfolg nicht an Geld: «Heisst, erfolgreich zu sein, Präsident von Roche zu sein? Oder heisst, erfolgreich zu sein, einen Job zu haben, der einen voll und ganz erfüllt?»

Ausser der indirekten Vermittlung des Kontakts zu ICMEC, zu der Franz Humer damals keine persönliche Beziehung hatte, habe ihr Vater bei ihrer Karriere keine Rolle gespielt. Es ist eher umgekehrt – inzwischen hat sich auch der Vater für die Anliegen der Organisation gewinnen lassen. 2011 trat er in das Board of Directors von ICMEC ein, heute ist er Chairman. «Ich bin durch meine Tochter darauf gekommen», so Humer in einem Interview. Sie begrüsst den Einstieg: «Sein Netzwerk kann ICMEC helfen, Unterstützung in der Welt zu finden.» Intern habe man sie um ihr Plazet gebeten. «Der Vorstand sagte mir: Wenn wir uns zwischen dir und deinem Vater entscheiden müssen, dann entscheiden wir uns für dich.»

Auffallend ist allerdings, wie stark der Vater inzwischen für die Organisation steht, während Caroline weiterhin im Hintergrund verbleibt. Ganz der Macher, trat er sein Präsidium bei ICMEC mit verschiedenen Plänen an, etwa, die bislang stark von sporadischen Spenden lebende Organisation auf ein solides Finanzfundament zu bauen und Vermögen anzusammeln. Bald sah man ihn an karitativen Spendengalas mit allerlei Prominenten wie dem deutschen Model Heidi Klum. Caroline Humer neidet ihm das Scheinwerferlicht nicht – genau das sei ja die Idee: «Aufmerksamkeit für unsere Organisation zu schaffen, damit wir unsere Anliegen mit noch grösserer Wirkung vertreten können.»

Oliver Rihs, Filmregisseur und Sohn von Andy Rihs

Oliver Rihs.

Quelle: Urban Zintel für BILANZ

Oliver Rihs, 47, Filmregisseur und -produzent, Gründer der Produktionsfirma Port au Prince, Berlin

Der Sohn des Zürcher Unternehmers startete als Grafiker, machte sich aber bald einen Namen als Filmschaffender. Quantensprung war 1999 der Film «Lilien», der in Locarno den Preis für den besten Kurzfilm gewann. Inzwischen gehört seine in Berlin ansässige Produktionsfirma Port au Prince zu den ersten Adressen in der Branche. Aktuelles Projekt, bei dem er Regie führt: der Film «Bis wir tot sind oder frei» über Ausbrecherkönig Walter Stürm, mit Joel Basman und Marie Leuenberger in den Hauptrollen.

Andy Rihs, Initiant Velodrome Suisse, spricht bei der offiziellen Eroeffnung des Velodrome Suisse, am Freitag, 21. Juni 2013 in Grenchen. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Vater: Andy Rihs, 2018 verstorben, war Präsident des Hörgeräteherstellers Phonak/Sonova sowie Sportförderer.

Quelle: Keystone
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Bei anderen Kindern ist ein bekannter Vater allerdings nicht unbedingt ein Asset. Das musste etwa Filmemacher Oliver Rihs erfahren. Filmschaffen basiert stark auf Fördergeldern, sei es öffentlicher oder privater Art. Immer wieder sei ihm bei einzelnen Projekten, ausgesprochen oder unausgesprochen, die Haltung begegnet: Warum fragst du nicht einfach deinen Vater? Der hat ja genug Geld.

Mit seinen künstlerisch anspruchsvollen Filmen bewegte er sich zudem in einer Subkultur, wo es nicht eben als cool galt, Sohn eines Kapitalisten zu sein, so Rihs. Gerade im Kulturbereich nicht unüblich, wie auch der Sohn von Glencore-Chef Ivan Glasenberg erfahren musste, der als DJ durch die In-Clubs der Welt tourt. Er hat sich einen Künstlernamen zugelegt, nennt sich DJ Gil Glaze.

Oliver Rihs ist die Sache pragmatisch angegangen. Bei einzelnen frühen Projekten, damals, als er ganz am Anfang war, hat ihm der Vater auch finanziell geholfen. «Ich habe ihm natürlich angeboten, ihm das Geld zurückzuzahlen, wenn genug in die Verleihkassen kommt.» Im Innersten hätten wohl beide gewusst, dass das unrealistisch war.

«Einen reichen Wirtschaftsvertreter als Vater zu haben, war in der Filmszene nicht unbedingt ein Vorteil.»

Oliver Rihs

Die Karriere von Oliver Rihs ist beeindruckend. Er machte einen Abschluss als Grafiker, entdeckte jedoch bald seine Leidenschaft fürs Filmemachen. Zunächst waren es künstlerisch ambitionierte Video-Arbeiten für die Zürcher Technoszene, in der er damals verkehrte. Dann erste Versuche von Kurzspielfilmen. 1999 realisierte er «Lilien», einen Film über einen DJ, der am Internationalen Filmfestival in Locarno den Preis für den besten Kurzfilm gewann. 2001 zog es ihn nach Berlin, wo er seither lebt.

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Sein Episodenfilm «Schwarze Schafe» von 2006 wurde zum Kultfilm. «Das ist ein Film, den man sich in Berlin mit ein paar guten Freuden für die Einstimmung auf eine Clubnacht reinzieht», sagt ein Szenekenner. Doch nicht nur in der Subkultur konnte er punkten, sondern auch mit seinen eher kommerziellen Projekten. «Achtung, fertig, WK!» mit Komiker Marco Rima etwa, der 2013 der erfolgreichste Schweizer Kinofilm war.

Der Stolz des Vaters

Sein Schaffen bündelt er in der von ihm mit Partnern gegründeten Produktionsfirma Port au Prince, an der er heute 51 Prozent hält. Aktuelles Projekt ist der Spielfilm «Bis wir tot sind oder frei» über den Kriminellen Walter Stürm, der die Schweiz in den achtziger Jahren mit seinen Gefängnisausbrüchen in Atem hielt. Rihs führt Regie. Auch dieser Spielfilm gilt als potenzieller Kassenschlager.

Sein Vater sei stolz gewesen auf seinen Werdegang, sagt er, dass dieser bei der Kurzfilmpremiere in Locarno Tränen in den Augen hatte, habe ihn sehr berührt.

Er sei aber auch sehr anspruchsvoll und fordernd gewesen. Dass er bei Phonak einsteige und die Familientradition aufrechterhalte, habe der Vater indes nie von ihm verlangt. Vielleicht weil er mit seinem eigenen Vater eine eher konfliktreiche Phase erlebte, als er bei Phonak das Zepter übernahm.

Claudia Coninx-Kaczynski, Tochter von Hans Heinrich Coninx

Claudia Coninx-Kaczynski.

Quelle: Phil Müller für Bilanz

Claudia Coninx-Kaczynski, 45, Mitbesitzerin Swisscontent, Verwaltungsrätin Forbo

Die Verleger-Tochter wollte zwar auch einmal Journalistin werden, ging dann aber einen anderen Weg: Nach dem Jusstudium gings nach England, wo ihr Mann Daniel Kaczynski arbeitete. Gemeinsam halten sie heute 97 Prozent am Kommunikationsdienstleister Swisscontent. Seit 2014 amtet sie zudem im Verwaltungsrat des Bodenbelag- und Klebstoffherstellers Forbo. Geholt hat sie Michael Pieper, Grossaktionär von Forbo, den sie an einer Podiumsdiskussion kennengelernt hatte.

Verwaltungsratspraesident Hans Heinrich Coninx informiert ueber die Entstehung der KEYSTONE-SDA, am Montag, 30. Oktober 2017 in Zuerich. Die Schweizerische Depeschenagentur SDA und die Bildagentur Keystone fusionieren per 1. Januar 2018 zum multimedialen Medienunternehmen KEYSTONE-SDA, wie die Unternehmen am Montag, 30 Oktober 2017 bekannt gaben. Die Austria Presseagentur APA wird strategischer Technologiepartner und nimmt Einsitz im Verwaltungsrat. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Vater: Hans Heinrich Coninx, 74, ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Tamedia.

Quelle: Keystone
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Auch Claudia Coninx-Kaczynski ist froh darüber, dass ihr Vater nicht die Erwartung an sie richtete, ihn im Familienunternehmen zu beerben. Sie habe zwar von 2013 bis 2016 ihren Familienzweig im Verwaltungsrat von Tamedia vertreten, doch bei der wichtigen Weichenstellung im Jahr 2007, als der Wechsel im Präsidium anstand, war klar, dass es ihr Cousin Pietro Supino machen würde. «Es war für die Familie unbestritten: Er ist der beste Mann für diesen Job.»

Sie übernahm damals für einige Jahre die Führung der familieneigenen Immobilienfirma. Seit drei Jahren hat sie keine Funktionen bei Tamedia mehr, amtet aber als Vorsitzende des Pools der Familienaktionäre. Zusammen mit ihrem Mann ist sie heute Mehrheitsaktionärin bei Swisscontent und damit mit eigenen Worten «zwar in der gleichen Branche, aber in unterschiedlichen Firmen tätig». Ohne Bezug zu ihrer Familie ist auch ihr prestigeträchtiges Verwaltungsratsmandat bei Forbo – sie kam auf Anfrage von Ankeraktionär Michael Pieper ins Gremium.

Know-how-Austausch

Auch Pascal Behr hat auf eigenen Wegen zum Erfolg gefunden und gleich zwei Firmen gegründet. Er habe seinen Sohn stets zur Eigenständigkeit angehalten, sagt Giorgio Behr. «Mein Grundsatz lautet: Ihr könnt fragen kommen, aber im Prinzip müsst ihr das Problem alleine lösen.» Gerade in industriellen Fragen nutzt der Sohn aber bis heute gerne das Know-how des erfahrenen Vaters, der als Ratgeber im Hintergrund von Cytosurge fungiert.

Das 2009 von Pascal Behr und seinem Mitgründer Michael Gabi ins Leben gerufene Spinoff der ETH Zürich, wo beide ihr Doktorat im Bereich biomedizinische Technik absolviert haben, ist ein Unternehmen, das sich auf die Mikrofluidik-Technologie spezialisiert hat und Spritzen produziert, durch die winzige Mengen von Flüssigkeit fliessen können. Heute arbeiten rund 20 Personen bei Cytosurge, der Umsatz – nach BILANZ- Schätzung im einstelligen Millionenbereich – hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt, das Unternehmen hat mehrere Start-up-Preise gewonnen.

Pascal Behr, Sohn von Giorgio Behr

Pascal Behr.

Quelle: Gerry Nitsch für Bilanz

Pascal Behr, 36, Gründer der Start-ups Cytosurge und Imnoo, Verwaltungsrat Migros Ostschweiz

Der Sohn von Giorgio Behr hat vom Vater das Unternehmer-Gen geerbt: 2009 gründete der Elektroingenieur das ETH-Spin-off Cytosurge, das die kleinsten «Spritzen» der Welt produziert. 2017 kam die Plattform Imnoo dazu, die Fertigungsindustrie und Kunden zusammenbringt. Auch die Migros setzt inzwischen auf das industrielle Know-how von Pascal Behr: Die Ostschweizer Regionalgenossenschaft mit ihren Werken wie in Bischofszell ist ein bedeutender Industrieproduzent.

Portrait of Giorgio Behr, president of professional handball club Kadetten Schaffhausen und CEO as well as president of the board of directors of Behr Bircher Cellpack BBC, taken at the BBC arena in Schaffhausen, Switzerland, on October 28, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)Giorgio Behr, Praesident der Kadetten Schaffhausen und CEO sowie Praesident des Verwaltungsrates der Behr Bircher Cellpack BBC, portraitiert am 28. Oktober 2015 in der BBC Arena in Schaffhausen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Vater: Giorgio Behr, 70, Gründer und Verwaltungsratspräsident Behr Bircher Cellpack (BBC Group), Ex-Präsident von Saurer.

Quelle: Keystone
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Die Erfahrung des Vaters als Ratgeber zu nutzen, ergibt Sinn: Als Gründer der Industriegruppe Behr Bircher Cellpack (BBC Group), als ehemaliger Präsident des Textilmaschinenkonzerns Saurer, als langjähriger Verwaltungsrat bei Hilti und Vorsitzender beim Autozulieferer ZF, als Mitgründer der Bank am Bellevue oder als Investor bei manch umkämpfter Firmenübernahme kennt Giorgio Behr alle Aspekte des Unternehmertums.

Der Vater wiederum setzt auf das technologische Know-how des Sohnes und hat ihn in den Verwaltungsrat seiner BBC Group geholt: «In Fragen der IT oder der digitalen Welt ist mein Sohn sehr daheim – und bringt der Gruppe viel.» Dass der Schaffhauser Unternehmerspross seit Sommer 2019 auch in der Verwaltung der Migros wirkt, hat indes nichts mit dem Vater zu tun: Er lernte den VR-Vizepräsidenten der Migros Ostschweiz, Erwin Gfeller, an einer Podiumsdiskussion in Schaffhausen kennen.

Sicherheitsnetz

Laut Soziologieprofessorin Buchmann ist es strukturell ein Vorteil, einen erfolgreichen Vater zu haben. Nicht wegen des Erfolgs an sich, sondern wegen des häufig mit dem Erfolg verbundenen Reichtums. «Kinder reicher Eltern haben eine Art finanzielles Sicherheitsnetz», so Buchmann. Weil sie sich dessen bewusst sind, sind sie oft bereit, mehr auszuprobieren und mehr Risiken einzugehen. Beides sind laut Studien gute Voraussetzungen für beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg. «Kinder ohne dieses Sicherheitsnetz haben einen höheren Druck, von Anfang an zielgerichtet vorzugehen – dadurch werden aber auch Chancen verpasst.» Filmemacher Rihs stimmt zu: Er habe es selten bereut, Dinge zu wagen, und sein Vater habe ihn darin auch bestärkt: «Sein Rat war eher, noch mehr Mut zu haben.»

Natürlich sei es gut zu wissen, dass man, wenn es hart auf hart komme, sich eines gewissen finanziellen Rückhalts in der Familie sicher sein könne, sagt Pascal Behr. Er will dies aber nicht überbewerten. Basis des Erfolgs seiner Firmen sei es, eine gute Leistung zu bieten. «Wir haben eine tolle Technologie, fantastische Produkte – wir hätten es wahrscheinlich auch ohne meinen Vater geschafft, aber geholfen hat er auf jeden Fall.» Und, fügt er an, ob der Vater nun bekannt und reich sei oder nicht, spiele doch gar keine Rolle: «Seinem Kind Hilfe und Support geben, mitfiebern auf seinem Weg – ist das nicht etwas, was alle Eltern machen würden?»

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 09/2019 der BILANZ.

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