Bei der Buchstaben AG in Fraubrunnen BE dreht sich beinahe alles um Buchstaben, die gedruckt, graviert, gestanzt oder gefräst werden. Zu lesen sind diese Buchstaben auf Firmengebäuden, Autos, Wegweisern und Zugwaggons. «Früher haben wir die verchromten Reliefbuchstaben für die SBB-Lokomotiven noch von Hand hergestellt», sagt die Buchstaben-Chefin Irene Ludwig, während sie auf eine alte Metallschrift im Regal im Sitzungsraum zeigt. Heutzutage werden die SBB-Lokomotiven mit Digitalprint-Technologie beschriftet. Die Technologien im Druckbereich entwickeln sich mit enormer Geschwindigkeit – wer nicht laufend in neue Technologien investiert, verliert den Anschluss.

Gegründet wurde die Buchstaben AG im Jahr 1935 in Langnau im Emmental. 1973 hat Max Ludwig, der Vater von Irene, das Kleinunternehmen gekauft. Ein paar Jahre später ist der Maschineningenieur und Tüftler mit der Neun-Personen-Firma nach Fraubrunnen umgesiedelt. Vor acht Jahren hat Irene Ludwig die administrative Leitung übernommen, letztes Jahr hat ihr der Vater die Geschäftsführung offiziell übergeben. «Mein Vater ist nach wie vor präsent und immer für uns da, wenn wir ihn brauchen», sagt Irene Ludwig. «Da ich sehr lange mit ihm gearbeitet habe, trage ich vieles von ihm weiter.»

Selbstverständlich will der 75-jährige Max Ludwig das Tüfteln nicht lassen: So hat er mit einem modifizierten Siebdruckverfahren ein Tunnelschild entwickelt, das in der Dunkelheit leuchtet und das den Weg in Richtung Ausgang und Notschacht weist. Oder er hat Tastschilder für Sehbehinderte kreiert, die in Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden angebracht sind. Solche Innovationen sind notwendig, da sich die Firma laufend profilieren muss. Die Konkurrenz ist gross und überall. Bereits zwei Dörfer weiter arbeitet ein Spezialist für Folienbeschriftungen. Allerdings sind die Konkurrenten meist spezialisiert auf bestimmte Druckverfahren. Die Stärke der Ludwigs liegt in der Breite des Angebots. Und um in möglichst kurzer Zeit mehrere Zugwaggons beschriften zu können, benötigt man entsprechende Technologien und genügend Leute hinter sich, die das realisieren können.

Oftmals ergibt ein Auftrag den nächsten: Nachdem die Buchstaben AG das Inselspital in Bern beschriftet hatte, folgte kurz danach das Spital in Sitten. Darauf kam die ETH in Zürich mit einer Anfrage. Schliesslich konnte die Buchstaben AG die gesamten Beschriftungen der ETH realisieren: die Beschriftungen der Innenräume, die Wegweiser und die Informationsschilder. Entsprechend ist das Unternehmen gewachsen. Und folglich sind neue Mitarbeiter dazugekommen. «Diese bringen frische Ideen, von denen wir profitieren.»

Mit dem Wachstum hat sich die Organisationsstruktur verändert. Früher wurde das Unternehmen patriarchalisch geführt. Ihren Führungsstil bezeichnet Irene Ludwig als «demokratisch». Dafür muss der Einzelne mehr Verantwortung übernehmen, was nur dann möglich ist, wenn er sich mit seinen Aufgaben identifizieren kann. «Jeder soll in seinem Bereich aufblühen», meint Irene Ludwig. Und wenn nun Mitarbeiter A auf den Arbeitsplatz von Mitarbeiter B schielt? «Diese Chance ist eher gering, da wir dank den vielfältigen Produktionsverfahren verschiedene Berufsleute bei uns haben. Das sind alles Spezialisten auf ihrem Gebiet.»

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Als Irene Ludwig in einer Privatschule den Kauffrauabschluss machte, träumte sie davon, später einmal selbstständig zu sein, sagt sie. Auch wenn sie damals, wie sie sagt, nicht daran dachte, die Firma des Vaters zu übernehmen. Trotzdem hat sie nach der Lehre und einem Jahr Praktikum bei ihrem Vater zu arbeiten angefangen. Nach diesem Einstieg absolvierte sie nebenberuflich Ausbildungen in den Bereichen Sachbearbeitung, Rechnungswesen und Marketing. Der Marketingplaner habe sich als sinnvoll erwiesen, auch um die Fachsprache ihrer Kontaktpersonen sprechen zu können, die gelegentlich im Marketing angesiedelt sind.

Sie habe schon als Mädchen die Werkstatt des Vaters besucht, sagt Irene Ludwig, und dabei habe sie auch in der Gravur- oder Stanzabteilung mitgeholfen. «Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich als Kind mit den anderen in den Pausenraum ging, wo ich mit ihnen Kaffee getrunken und Kuchen gegessen habe», sagt Irene Ludwig im Sitzungsraum der Buchstaben AG in Fraubrunnen. Diese familiäre Atmosphäre scheint die heute 39-jährige Frau nachhaltig geprägt zu haben. Man ist im Unternehmen miteinander per du, die Hierarchien sind flach, und die Stimmung ist nach wie vor sehr familiär. Und wie handelt die Chefin in Konfliktsituationen? «Dann sitzen wir zusammen und erarbeiten Lösungen.»

Bei technisch komplexen Offerten holt sie in der Werkstatt Rat. Manchmal nehme sie einen Fachmann zum Kunden mit, um die technische Realisierbarkeit eines Projekts abzuschätzen, sagt Irene Ludwig. Die Werkstatt wird übrigens von ihrer Schwester Simone geleitet. Die gelernte Hochbauzeichnerin und Computerfachfrau ist kurz nach Irene in die väterlichen Firma eingestiegen und somit ebenfalls seit fast zwei Jahrzehnten dabei. Sie kann alle Maschinen bedienen und – zurzeit als Einzige im Betrieb – einen Lastwagen fahren. Die beiden Frauen scheinen sich prima in dieser Branche zu behaupten, die eigentlich als Männerdomäne gilt.

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Mit dem Unternehmen sind auch die Fixkosten gewachsen und damit der Druck, laufend neue Aufträge zu generieren. «Wir gehen an Messen und kommunizieren über das Internet, in erster Linie konzentrieren wir uns allerdings auf den Direktverkauf», sagt Irene Ludwig. Natürlich seien auch die Beziehungen nützlich, die sie in der jungen Wirtschaftskammer oder im Handels- und Industrieverein knüpfen könne.

Die Buchstaben AG diversifiziert über den Bereich der Druckverfahren hinaus. Eine eigene Abteilung baut Wintergärten; Max Ludwig – wer denn sonst? – hat einst ein spezielles System entwickelt. «Natürlich haben wir uns schon überlegt, daraus eine eigene Firma mit einem entsprechenden Namen zu machen, aber wir sind ziemlich bekannt in diesem Bereich. Es wäre vermutlich ein Fehler, den Namen zu ändern.» Auf jeden Fall sei sie sehr froh, sagt Irene Ludwig, dass sich im Laufe der Zeit ein zweiter Schwerpunkt des Unternehmens entwickelt habe. So konnte die Krise im Beschriftungssektor im Jahr 2003 besser überstanden werden.

Als Mensch sei sie gewissenhaft, ausdauernd und zielstrebig, sagt Irene Ludwig. Ihre Stärken nutze sie bei ihren bevorzugten Tätigkeiten: dem Führen von Verkaufsgesprächen und dem Controlling. Den Vorteil der Selbstständigkeit sieht sie darin, dass sie eigenverantwortlich handeln und kreative Ideen verwirklichen kann. Und darin, schliesslich den Kunden zum Kaufen animieren zu können. «So sehe ich in ganz verschiedene Unternehmen hinein. Da Beschriftungen oftmals Chefsache sind, komme sie oft in Kontakt mit den Geschäftsführern, was sehr spannend ist.»

Der Nachteil der Selbstständigkeit ist, dass sie kaum Freizeit hat. Es sei eine stete Herausforderung, die Balance zu finden zwischen maximalem Einsatz im Unternehmen und dem Privatleben, sagt Irene Ludwig, die seit Jahren mit ihrem Partner lebt. Sie beginnt morgens um sieben mit der Arbeit, die meist bis sieben Uhr abends dauert. Immerhin schliesst der Betrieb im Sommer während zweier Wochen – «dann bin ich im Amazonasgebiet in einer Hängematte am Entspannen».

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Buchstaben AG

Gegründet: 1935 (1973 von Max Ludwig übernommen)

Umsatz: wird nicht kommuniziert.

Mitarbeitende: 25

Geschäftsleitung: Irene und Simone Ludwig

Verwaltungsrat: Max Ludwig

Finanzierung: Aktien zu 100 Prozent in Familienbesitz

Geschäftsidee: Wir bieten dem Kunden verschiedene Lösungen im Beschriftungsbereich. Dabei greifen wir auf langjährige Erfahrung und modernste Technologien zurück.

Philosophie: Wir handeln verantwortlich gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Gesellschaft. Wir respektieren das Individuum unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit, Religion und gesellschaftlichen Stellung. Gleicher Lohn für Mann und Frau. Gegenüber Behören und Verbänden agieren wir kooperativ und ehrlich.

Führungsgrundsätze: Wir führen durch die Prinzipien des Vorlebens und der Delegation. Wir kommunizieren intern und extern primär direkt und persönlich. Wir denken in Lösungen und nicht in Problemen. Leistung und Wissen kommen vor dem Rang. Mitarbeiter werden dort eingesetzt, wo sie ihre Stärken haben. Wir entwickeln die Stärken der Mitarbeiter durch das Prinzip der Polyvalenz.

Junior Chamber

BILANZ präsentiert in jeder Ausgabe ein Beispiel von jungem Unternehmertum – in Zusammenarbeit mit der Junior Chamber Switzerland (JCS). Die Chamber ist das grösste Netzwerk von jungen Führungskräften und Unternehmern in der Schweiz. Weitere Infos und Angaben zu JCS-Veranstaltungen auf www.juniorchamber.ch