Die Suche nach weiblichen Führungs- und Fachkräften gestaltet sich nach wie vor als schwierig und ist vor allem in der boomenden Tech-­Branche ein verbreitetes Problem. Gemäss ­einem Report von PwC ist das Fehlen von fach­lichen Kernkompetenzen eine der dringendsten Zukunftssorgen von Managerinnen und Managern. Der Frauen­anteil in der Schweizer Tech-Branche beträgt Schätzungen zufolge nur 15 Prozent.

Schon bei der Anzahl Bewerbungen für MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wird deutlich sichtbar, dass ein Gefälle zwischen den Geschlechtern besteht, wissen Valérie Vuillerat und Nadia Fischer. Beide haben langjährige Erfahrung in der Digitalbranche.

Hier haben sich die beiden Unternehmerinnen kennengelernt und sich zusammengeschlossen. Vor zwei Jahren haben sie Witty Works gegründet, um den genannten Missstand zu beheben: «Mit den Unternehmen zusammen ent­wickeln wir Diversität und Inklusion auf iterative Weise», erklären die beiden.

Das Problem Sprache

Der Kern des Problems: Die meistens verwendete Sprache in Jobinseraten schreckt viele Frauen ab. Rund 90 Prozent aller Stellenanzeigen in den Tech-Berufen würden so formuliert, dass sich eine vorwiegend männliche Zielgruppe angesprochen fühlt.

«Sprache ist nicht neutral. Kompetitive Wörter haben auf Frauen eine andere Wirkung als auf männliche Bewerber» erklärt Fischer. Beispielsweise wirken «Spezialist» oder «Senior», aber auch Superlative abschreckend.

Podcast zum Thema

Witty Works hat durch die Forschung mit Fokusgruppen ebenfalls festgestellt, dass es Frauen sehr wichtig ist, dass der Rekru­tierungsprozess nach der Bewerbung relativ detailliert beschrieben ist. Das würde in den meisten Inseraten fehlen. Zudem würden Frauen oft auf der Unternehmenswebsite einen Kulturcheck machen, um zu erkennen, welche Unternehmenskultur dominant ist.

Die meisten Firmen würden aber immer noch nach Mustern rekrutieren, die sie seit dreissig bis vierzig Jahren nutzen. Damals waren diese noch fast ausschliesslich auf Männer ausgerichtet. Hier sei ein Umdenken gefragt.

Stellenanzeigen in Echtzeit

Zentral im Geschäftsmodell von Witty Works ist dabei die eigens entwickelte Software, das Diversifier-Tool, welche seit Dezember 2019 online ist. Diese prüft deutsche, fran­zösische und englische ­Stellenanzeigen in Echtzeit, markiert ungünstige Formulierungen und schlägt bes­sere Alternativen vor.

Nicht nur Frauen würden so im Jobmarkt einladender angesprochen: «Wir wissen, dass die Wörter, die der Diversifier vorschlägt, auch auf andere unterrepräsentierte Gruppen anziehend wirken», betont ­Vuillerat. So wird ein weitaus grösserer Talentpool erschlossen. Umformulierte Stellenan­zeigen erhielten bis zu 40 Prozent mehr Bewerbungen.

Nicht empfehlenswert ist beispielsweise der Begriff Spezialist, weil er kompetente Kandidatinnen ausschliesst, die sich selber nicht als Spezialistin empfinden. Vielmehr sollte eine konkrete Beschreibung des benötigten Fachwissens vorgezogen werden, damit Bewerbe­rinnen selber entscheiden können, ob sie ins Jobprofil passen.

Der Algorithmus von Amazon

Auch Superlative in der Selbstbeschreibung des Unternehmens à la «Wir sind ein weltweit führendes Unternehmen mit ­einflussreichen Kunden» würden Frauen eher abschrecken. Neben dem Hauptgeschäftsfeld der Softwaredienstleistung übernimmt Witty Works auch Beratungsmandate für IT-Abteilungen von grossen Firmen zum Thema Inklusion und stellt zudem eine eigene Stelleninserateplattform zu Verfügung, auf der Jobs von Tech-Unternehmen für Frauen publiziert werden.

Aufsehenerregende Fälle von Diskri­minierung durch den Algorithmus etwa bei Amazon haben die Relevanz von inklusiver Technologie verdeutlicht. Vuillerat sagt: «Für unsere Kinder wollen wir ja auch verhindern, dass die Technologie der Zukunft diskriminierend ent­wickelt wird. Das ist unser Herzensanliegen – und dafür stehen wir jeden Tag auf!»

Das Diversifier-Tool soll langfristig das gesellschaftliche MINT-Berufsbild und Un­ternehmenskultur wandeln. Aber es sei noch ein langer Lern- und Sensibilisierungsprozess. «Wir sind jedoch überzeugt, dass man das Pro­blem langfristig mit unserer Software lösen kann.»