Ein alter Bekannter von mir war jahrelang Chef eines grossen Retail-Unter-nehmens. Er war ein fähiger Manager, aber zugleich ein unglaublicher Choleriker. Seine Wutanfälle waren legendär.

Ich bekam seine Wutanfälle hautnah mit. Denn ich arbeitete in einem Büro, das an sein Sitzungszimmer angrenzte. Die zwei Räume waren durch eine dicke Mauer getrennt. Wenn er in einem Meeting zu brüllen begann, schien die dicke Mauer wie aus -Papier. Er brüllte derart laut, dass bei mir der Gips von der Decke fiel.

Ich schätze die Lautstärke seines Gebrülls auf rund 100 Dezibel, also etwa den Lärmwert eines Presslufthammers.

Annalisa Flanagan kann es noch besser. Sie ist Primarlehrerin in Nordirland. Sie hat die -lauteste Stimme der Welt. Ihr Rekord liegt bei 121,7 Dezibel. Das entspricht dem Krach eines Jets, der vor unserer Nase startet. Die 121,7 -Dezibel erreichte sie ironischerweise, als sie das Wort «quiet!» herausschrie.

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120 Dezibel sind im Hörbereich als Schmerzgrenze definiert. Es ist mir darum klar, was sich nun mancher BILANZ-Leser denkt. Er denkt, dass Vorurteile häufig der Wahrheit entsprechen. Vielleicht denkt er auch an seine Schwiegermutter. 

Es ist in der Biologie ein beliebtes Thema, welches Lebewesen auf diesem Planeten am meisten Lärm erzeugt. Der südamerikanische Brüllaffe, so viel vorweg, ist es nicht. Er ist zwar das lauteste Tier an Land, bringt es aber nur auf knapp über 100 Dezibel. Gegen 100 Dezibel schafft auch der Gut-gebrüllt-Löwe. Hundegebell kann rund 90 Dezibel erreichen.

Unter Wasser geht es deutlich lauter zu. Der Blauwal kann mit seinem Balz-Gesang bis zu 188 Dezibel erreichen. Blauwale singen auf sehr tiefen Frequenzen von 20 Hertz. Für menschliche Ohren ist das kaum hörbar, schallt aber bis zu 1600 Kilometer weit durch die Ozeane. 

Der absolute Champ allerdings ist der tropische Knallkrebs, eine kleine Garnele. Er verfügt über eine sogenannte Knallschere. Wenn er sie blitzschnell schliesst, stösst sie einen Wasserstrahl aus, der eine dampfgefüllte Kavitationsblase bildet. Diese implodiert mit einem ohrenbetäubenden Knall, der von einem Lichtblitz begleitet ist. Der Knallkrebs schafft mit seinem internen Revolver bis zu 218 Dezibel. 

Bisher haben wir von absoluten Lärmpegeln gesprochen. Natürlich gibt es auch beim Knall einen relativen Pegel. Als beispielsweise Konzernchef Marcel Rohner am 16. Oktober 2008 bekanntgab, die UBS beanspruche
60 Milliarden Franken an Staatshilfe, redete er mit leiser Stimme. Es war dennoch der lauteste Knall, der jemals in der Schweizer Bankenwelt zu hören war.

Oder nehmen wir eine normale Sitzung der Geschäftsleitung. Über-raschend nimmt auch der VR-Präsident teil. «Meine Damen und Herren», sagt der VR-Präsident, «ich möchte Sie informieren, dass wir uns in gegenseitigem Einvernehmen von unserem CEO getrennt haben.» Der VR-Präsident redet mit leiser Stimme. Der Knall ist bis in die Kantine zu hören.

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Es muss nicht immer laut sein. Das gilt auch für den Knall aller Knalle. Der Urknall, dem wir Frauen, Brüllaffen und VR-Präsidenten verdanken, war kein Knall. Es gab noch keinen Raum und kein Leitmedium zum Transport des Schalls. Der Urknall war nicht hörbar, er hatte null Dezibel.

 

Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer. Er ist Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien und Outdoor-Sport. Zudem studiert er Biologie.