Grossbritanniens neue Premierministerin heisst Theresa May. Dank der vorzeitigen Kapitulation ihrer Konkurrentin Andrea Landsom ist sie statt im Oktober bereits am Mittwoch in der Downing Street Nummer 10 eingezogen.

Dass Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Tory-Frauen dauerte nur kurz. Alle Männer waren zuvor auf der Strecke geblieben: der lange favorisierte Boris Johnson zog zurück, Justizminister Michael Gove hatte zu wenig Rückhalt in der Partei. Da war bereits klar: Mehr als 25 Jahre nach dem Rücktritt von Margaret Thatcher wird wieder eine Frau Grossbritannien regieren.

Viel gemeinsam mit Angela Merkel

Wenn Theresa May bald am Brexit-Verhandlungstisch Platz nimmt, wird der 59-Jährigen eine Frau gegenüber sitzen, mit der sie einiges gemeinsam hat. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Pastorentochter wie May, sie beide gelten als pragmatisch, durchsetzungsstark und manchmal als zu links für ihre konservativen Parteien.

Beide haben sie ausserdem recht früh in ihrer Laufbahn auf sich aufmerksam gemacht, indem sie die eigene Partei kritisierten. Angela Merkel Ende der Neunziger Jahre, als sie mit einem offen Brief gegen Altkanzler Helmut Kohl «putschte». Theresa May wenige Jahre später, als sie in einer Parteirede formulierte, dass die Öffentlichkeit ihre Partei als «nasty party» wahrnahm, als furchtbare Partei.

Verdiente Karriere

Für beide hat sich die Profilierung gelohnt: Angela Merkel wurde zuerst Parteichefin der konservativen CDU, dann Kanzlerin. Ihre Amtszeit geht in das zehnte Jahr, laut «Forbes» ist sie die mächtigste Frau der Welt. Die Leistungen von Theresa May können sich ebenfalls sehen lassen, auch ohne den Aufstieg in das Amt des Premiers. Sie war die am längsten amtierende Innenministerin seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Tatsache trug ihr in Anlehnung an Margaret Thatcher den Spitzennamen «zweite Eiserne Lady» ein.

Was aber noch wichtiger ist: Es beginnt das Zeitalter, in dem Frauen in Schlüsselfunktionen nicht länger rare Ausnahmen sind. So sieht es jedenfall Marie Owens Thomson. Die Chefökonomin von Indosuez Wealth Management prognostiziert, dass 2017 das Jahr der mächtigen Frauen werden kann.

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Notenbankerinnen holen auf

Das zeigt ein Blick auf die zentralen Finanz- und Wirtschaftsorganisationen: Christine Lagarde lenkt ebenfalls schon heute erfolgreich den Internationalen Währungsfonds (IWF). Die US-Notenbank Fed hat mit Janet Yellen die erste weibliche Präsidentin. Und es werden mehr: 15 von 190 Zentralbanken auf der Welt werden gemäss Owens Thomson bereits von Frauen geführt – ein Anteil von 8 Prozent.

Damit ist die Welt zwar noch weit von einer Gleichverteilung entfernt, doch viele Schlüsselpositionen könnten demnächst von Frauen besetzt werden. Für das prestigeträchtige Amt des UNO-Generalsekretärs gilt die frühere Premierministerin Neuseelands, Helen Clark, als Favoritin. Die Schweiz fällt hier ab: Die Schweizerische Notenbank (SNB) war bisher rein in Männerhand, seit einem Jahr ist mit Andréa Maechler immerhin erstmals in der 100-jährigen Geschichte eine Frau im Direktorium vertreten.

Bundespräsidentinnen zuletzt in der Mehrheit

In der Politik sieht die Lage deutlich besser aus: Vertritt Johann Schneider-Ammann die Schweiz 2016 als Bundespräsident, kamen in den letzten sechs Jahren doch gleich vier Frauen zum Zuge – von Micheline Calmy-Rey bis Simonetta Sommaruga. Weltweit haben derzeit 18 von gut 200 Ländern weibliche Staatschefs, von Südkorea über Norwegen bis Myanmar (siehe Bildergalerie oben). Das ist ein Anteil von 9 Prozent.

Die Politik überholt die Wirtschaft dabei auf der ganzen Linie: Nach Berechnungen von Owens Thomson sind nur 5 Prozent der Fortune-500-Konzerne Frauen. Mitglieder des Verwaltungsrates sind dafür immerhin 17 Prozent. Die Schweiz schneidet durchzogen ab: Gerade einmal knapp 3 Prozent der börsenkotierten Firmen in der Schweiz haben laut EY eine Chefin, weitere 3 Prozent eine Verwaltungsratspräsidentin.

Historischer Meilenstein in den USA

In Sachen Gleichberechtigung hat die Poltik also die Nase vorn. Das wahrhaft historische Ereignis steht aber noch aus: die mögliche Wahl von Hillary Clinton zur ersten US-Präsidentin. Diese wäre zwar – um es mit US-Comedian John Oliver zu sagen – ein Stück weit, als wenn ein Zwölfjähriger abgestillt würde. Das heisst: «Sicher sehr erfreulich, nur hätte es viel, viel früher geschehen müssen.» Dennoch wäre ihre Wahl ein Meilenstein – und ein wuchtiger Auftakt für das Jahr der mächtigen Frauen.

US-Comedian John Oliver über Hillary Clinton: