Bis zu 1,2 Millionen Arbeitsplätze werden bis 2030 in der Schweiz durch Automatisierung ersetzt, so Berechnungen der Unternehmensbe­ratung McKinsey.

Manch Arbeitnehmer bekommt das bereits zu spüren: Migros, Lonza, Suva, General Electric – branchenübergreifend kündigten Firmen an, ihr Personal aufgrund neuer Technologien zu reduzieren. Betroffen sind vor allem die Mittel- und Geringqualifizierten. Während Tausende Jobs wegfallen, werden gleichzeitig Tausende IT-Experten neu gebraucht: 800 000 Stellen sollen dank dem Technologieschub neu entstehen.

Ersatz eines Mitarbeiters kostet bis zu 100 000 Franken

Für Firmen ist das eine Krux: Allerorts bewegen sie sich zwischen Kostendruck, Stellenabbau, Fachkräftemangel und Transformation der Belegschaft ins digitale Zeitalter. Die Herausforderung ist laut Alain Dehaze, Chef des Personalvermittlers Adecco, immens: «Damit Firmen wettbewerbsfähig bleiben, müssen sie sich im Zuge der Digitalisierung völlig neu orientieren, ihre Belegschaften umgestalten und sicherstellen, dass sie auch in Zukunft die richtigen Fähigkeiten haben.»

Bloss: Die überall gesuchten Digital­experten sind rar gesät. Die Konsequenz: Firmen müssen dringend die Art und Weise überdenken, wie sie Fachkräfte entwickeln und managen, fordert Dehaze. ­«Einen grossen Teil der heutigen Mitarbeitenden kann man mithilfe von Weiterbildung und Umschulung für den digi­talen Wandel rüsten.»

Im Vergleich zur externen Rekrutierung rechne sich das auch finanziell. «Der Ersatz eines Mitarbeiters kann in der Schweiz bis zu 100 000 Franken kosten, während eine gute Weiterbildung für weniger als 30 000 Franken möglich ist – und sie garantiert loyale Mitarbeitende, die das Unternehmen in- und auswendig kennen.»

Diesen Weg ist auch Fraisa gegangen. Der Werkzeugbauer aus Bellach SO steckt mitten im digitalen Wandel: Seit 2012 wird eine Abteilung nach der anderen mit hochautomatisierten und komplexen ­Anlagen auf einen 7-Tage-24-Stunden-­Betrieb umgestellt. Drei Schleifabteilungen für Fräswerkzeuge laufen bereits vollautomatisiert, die vierte und letzte soll noch dieses Jahr folgen. Entsprechend hat sich das Anforderungs- und Qualifika­tionsprofil der Beschäftigten verändert. «Ein ungelernter Mitarbeiter hätte grosse Probleme, mit dieser Maschinengenera­tion zurechtzukommen», sagt Josef Maushart, Besitzer und Chef von Fraisa.

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Für die 49 Ungelernten wäre dies das Aus bei Fraisa gewesen. Maushart jedoch sah sich in der Pflicht, den Mitarbeitenden die Chance zu geben, sich das notwendige Wissen für die Industrie 4.0 anzueignen – und lancierte 2012 das Programm zur berufsbegleitenden Nachholbildung.

Nebenbei die Schulbank drücken

Seither haben 22 von ihnen das eidgenössische Fähigkeitszeugnis erlangt – sei es als Produktionsmechaniker, Anlagenführer oder Logistiker. «In der Berufsschule holen sie nicht nur den Lehrabschluss nach, sie erlernen auch digitale Fähig­keiten, die sie für die zukünftige Arbeit brauchen», sagt Maushart.

Während zweier Jahre arbeiten die ­Teilnehmenden der Nachholbildung bei ­vollem Lohn im 80-Prozent-Pensum und drücken nebenher die Schulbank. Alle anfälligen Kosten übernimmt der Werkzeughersteller – insgesamt 40 000 Franken pro Person. Für den Fraisa-Chef ist es eine Win-win-Situation: «Einerseits können wir heute dank der digitalen Transformation in der Schweiz noch Werkzeuge für den Weltmarkt produzieren, weil wir die Produktionskosten von 90 auf 40 Franken pro Stunde halbieren konnten.» Anderseits habe sich die Nachholbildung als «Nachwuchsmaschine» etabliert.

«Das Fachkräfteproblem konnten wir so etwas entschärfen.» Die Umschulung eines Ungelernten zum digitalen Experten wie bei Fraisa ist jedoch eher die Ausnahme. So hat die UBS im vergangenen Sommer für alle 65 000 Mitarbeitenden eine Ausbildung für ­digitale Fähigkeiten kreiert.

Im «Digital Curriculum» erwerben die Angestellten unter anderem Grundkenntnisse in den Bereichen Industrie 4.0, künstliche Intelligenz, Cloud, Blockchain und Robotik. Zudem bietet die Grossbank Mitarbeitenden über 42 ein spezielles Lernprogramm an, das unter anderem Kursangebote zu Themen wie Technologie am Arbeitsplatz oder Umgang mit sozialen Medien beinhaltet.

170 Jobs fallen bei der Suva weg – neue kommen im Bereich Data Science hinzu.

Der Spezialchemiekonzern Lonza kooperiert für die Umschulungen seiner ­Mitarbeitenden neuerdings mit der Fachhochschule HES-SO in Sitten. In massgeschneiderten Ausbildungsmodulen werden derzeit zwanzig Mitarbeitende im Bereich Säugetierzelltechnologie ausgebildet.

Vielen Firmen fehle heute ein professionelles Kompetenzmanagement, das identifiziert, wer im Unternehmen was kann, so Claudia Sidler-Brand, Dozentin für Human Capital Management an der ZHAW. «In der Bankenbranche arbeiten x-Tausende Mitarbeitende im Backoffice, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren in diesen Funktionen nicht mehr gebraucht werden. Das müsste man jetzt in Form von Weiterbildungen und Umschulungen angehen.»

Digitaler Kompetenzkompass

Beim Unfallversicherer Suva werden in den nächsten 7 Jahren voraussichtlich 170 Arbeitsplätze gestrichen. Vor allem einfache Sachbearbeitungsaufgaben im Departement Schadenmanagement werden automatisiert.

Neue Jobs etwa im Bereich Data Science sollen entstehen. Ein Teil des geplanten Stellenabbaus soll durch Stellenwechsel aufgefangen und die Angestellten mit Weiterbildungsmassnahmen begleitet werden. Hierfür führte die Suva unter anderem einen digitalen Kompetenzkompass ein.

«Um zu wissen, in welche Richtung Weiterbildungen führen sollen, müssen wir wissen, wie die Arbeit von morgen aussieht und welche Kompetenzen gefragt sind», sagt Manuela Sommer, Bereichsleiterin der Personalentwicklung.

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Darauf aufbauend bietet der Unfallversicherer spezifische interne wie externe Aus- und Weiterbildungen an – Kurse wie «Ich in der Arbeitswelt 4.0» oder zum Thema «Digital Transformation», welche die Veränderungsbereitschaft adressieren. «Wir haben einen langen Zeithorizont, der uns die Möglichkeit gibt, unsere Leute entsprechend fit zu machen.»