Im Zeichen von Dienstleistungskultur und Kundenorientierung erleben gute Umgangsformen in der Businesswelt eine Renaissance. Sie können in Zeiten des verstärkten Wettbewerbs entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens sein. Sie signalisieren den Willen zum zivilisierten Miteinander und bezeugen die Bereitschaft, auf die Interessen der Kunden einzugehen. Das ist oft wirkungsvoller als ein Hochglanzprospekt oder eine peppige Selbstdarstellung im Internet. Hier beantwortet der Schweizer Knigge einige wichtige Fragen aus der Geschäftswelt.

Schüttle ich dem Chef die Hand?

Hochgestellte Persönlichkeiten in einem Unternehmen unterlassen eventuell das Händeschütteln mit rangniedrigeren Angestellten. Das ist durchaus üblich in gewissen Häusern. Preschen Sie bei solchen Gelegenheiten deshalb nicht vor und strecken Sie nicht unaufgefordert Ihre Hand hin! Warten Sie ab, ob die höhergestellte Person die Initiative ergreift.

Wer stellt wen wem wann vor?

Im geschäftlichen Bereich sind geschlechtsspezifische Sonderbehandlungen out. Hier sind das Wissen, die Erfahrung sowie natürlich in erster Priorität die Hierarchie ausschlaggebend. Und: Zuoberst in der Hierarchie steht der Kunde. Also: Die Marketingleiterin stellt sich dem männlichen Kunden vor, der Chef wird von der weiblichen Lernenden gegrüsst.

Kunden sind immer bevorzugt zu behandeln. In hierarchisch ebenbürtigen Situationen ist es allerdings angezeigt, der weiblichen Person beim Begrüssen den Vorrang zu geben. Beispiel des Vorstellens im Business-Kontext: «Peter, ich möchte dir unsere neue Vertriebsassistentin Regula Weiss vorstellen. Frau Weiss, unser Finanzchef Peter Schwarz

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Wie halte ich die Visitenkarte richtig?

«Darf ich Ihnen meine Karte überreichen?» So ungefähr könnte der Übergang lauten nach einem ersten Gespräch. Die Initiative dazu wird meist die ranghöhere Person ergreifen. Stellen Sie sicher, dass der Empfänger die Karte richtig herum erhält, das heisst: lesbar für ihn. Wer eine Visitenkarte bekommt, sollte einen kurzen Blick drauf werfen. Rückfragen oder Bemerkungen sind durchaus opportun und können ein Gespräch eröffnen.

PS: Vielleicht erweist es sich als Vorteil, auf der Rückseite zu vermerken, bei welcher Gelegenheit Sie die Person kennengelernt und worüber Sie gesprochen haben. Bei einer späteren Kontaktaufnahme erleichtert das den Einstieg. Ihr Gesprächspartner sollte dieses Notieren jedoch nicht beobachten können.

Welcher Titel schlägt welchen Titel?

Im berufsorientierten Umfeld sollten Träger von akademischen Titeln und Amtsinhaber beim Erstkontakt stets mit ihrem Titel angesprochen werden: «Guten Tag, Frau Professor.» Diese Regel gilt aber nicht für die Ehepartner, wenn diese nicht selber über einen akademischen Titel verfügen. Bei mehreren Titeln wird der höhere verwendet. Wenn jemand Professor und Doktor ist, wird er mit Professor angeredet – Nationalrätin ersetzt den Nachnamen, Regierungsrat den Oberst und so weiter. Leute in der politischen Exekutive sprechen Sie also mit dem Titel an. Das gilt auch für Parlamentarier sowie für Vertreterinnen und Vertreter der kantonalen Regierung und Legislative. Doch nicht für jene eines Gemeindeparlaments, da ist es nicht üblich. Usus ist übrigens, dass die einmal so angesprochene Person bald vorschlägt, den Titel wegzulassen. Auch das gehört zum hiesigen Umgangston.

Gilt der Schweizer Knigge auch in Firmen, in denen sich alle duzen?

Flachere Hierarchien als in vergleichbaren Unternehmen im Ausland und der Wunsch, den Teamgedanken zu fördern, haben in hiesigen Unternehmen zur weitverbreiteten Du-Anrede geführt. Rang vor Alter vor Geschlecht gilt aber immer noch. So steht es dem deutlich jüngeren Abteilungsleiter zu, einer Telefonistin, die im Gegensatz zu ihm schon seit langer Zeit im Unternehmen arbeitet, das Du anzubieten. Im Englischen übrigens kann nicht zwischen der Höflichkeitsform des Sie und dem Du unterschieden werden; lediglich mithilfe von Mrs. oder Mr. (oder Sir) im Gegensatz zur Anrede mit Vornamen lassen sich hierarchische Unterschiede festhalten.

Im deutschsprachigen Raum wäre noch die Variante Vorname plus Sie zu überlegen. Sie wird allerdings, ausser in der Anrede eines Lehrlings oder im Coiffeursalon, kaum verwendet. Berühmt ist hierzulande die Szene, in der sich Johanna Spyris Heidi über das «Sie und Sebastian», die Anrede für den Butler, wundert.

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Muss ich den Chef als Ersten aus dem Aufzug gehen lassen?

Der Ranghöchste (Rang vor Alter vor Geschlecht) hat beim Betreten eines Aufzugs den Vortritt. Später beim Aussteigen wäre es aber zu kompliziert, dieselbe Reihenfolge zu berücksichtigen, das würde ja bedeuten, dass die hinterste Person zuerst den Fahrstuhl verlassen müsste und man sich gegenseitig auf die Füsse träte.

Sage ich «Gesundheit», wenn mein Chef niest?

Jetzt kommt der Schweizer Knigge in die Bredouille. Soll er für das nett gemeinte «Gesundheit!» plädieren – oder ist es unschicklich, Körpergeräusche zu kommentieren? Er neigt zum zweiten, weil viele Menschen es als unangenehm empfinden, auf ihre Gesundheit oder ihre Körperfunktionen angesprochen zu werden. Einmal mehr heisst es: Auf die Situation kommt es an. Aber ein Niesen während der Geschäftsleitungssitzung wird nicht kommentiert.

Wie viele Minuten muss ich einen Small Talk führen?

Beim Apéro ist es üblich, mit einer Person, nachdem man ihr vorgestellt wurde, eine Weile zu plaudern, 5 bis maximal 15 Minuten. Danach ist es aber auch legitim, zu einer anderen Gruppe oder zu Bekannten vorzustossen. Wie aber gestaltet man den Ausstieg aus der Unterhaltung?

1. Rückblick aufs Gespräch: «Wirklich interessant, Ihre Ausführungen...»

2. Angebot einer Gesprächsvertiefung bei nächster Gelegenheit: «Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!»

3. Sich bedanken: «Danke für das anregende Gespräch! Bis später.»

Stimmt es, dass man den Salat beim Lunch nie schneiden darf?

Nach alter Schule wird zum Verzehr von Salat nur die Gabel verwendet. In der Hoffnung, dass die Salatblätter bereits in der Küche klein genug geschnitten wurden und ohne grosse Falt- und Akrobatikübungen in den Mund zu transportieren sind. Doch mittlerweile ist es erlaubt, Salat wenn nötig mit dem Messer zu teilen. Das ist auch gut so – sie riskieren aber, von älteren Herrschaften mit einem seltsamen Blick belegt zu werden. Sogar die Regel, dass Kartoffeln nicht mit dem Messer geschnitten werden dürfen, ist veraltet.

Wie breit soll die Krawatte sein?

Krawatten sind zurzeit eher schmal, etwa drei Finger breit, und das ist gut so. Das Krawattenbinden haben Sie wahrscheinlich spätestens in der Rekrutenschule gelernt.

Wie entsorge ich Essensreste am Stehempfang?

Steh- und Apéropartys erlauben das Bewirten von vielen Gästen, sind günstiger und kurzweiliger auszurichten als herkömmliche Einladungen und ermöglichen einen ungezwungenen Umgang der Gäste untereinander. Man bewegt sich von Stehtischchen zu Stehtischchen, plaudert und isst etwas zwischendurch. Grösstes Problem dabei: das Entsorgen von Spiesschen, Schalen von Krustentieren und Ähnlichem. Wenn Sie einen Teller zur Hand haben oder einer auf einem Tischchen steht, werden die Überbleibsel dort deponiert, nicht aber in einem Aschenbecher. Oder sie werden dem Personal ausgehändigt, notfalls auch in eine Serviette gewickelt.