Nach sieben Minuten hat David Sullivan genug gehört: «It’s okay, Andrew, it’s okay.» Kurz zuvor hatte mich mein Head­teacher um eine kurze Präsentation gebeten: Was motiviert mich, an der Elitesprachschule Riversdown House meine linguistischen Grenzen zu sprengen? «Brilliant» findet David, was ich erzähle. Dann kommt die Diagnose des Sprachchirurgen: «Andrew, Sie haben drei Probleme. Present simple und Present continuous sitzen nicht. Ihr Conditional braucht ein Update. Und die Präpositionen sind nicht wirklich perfekt.» Der Pannendienst stehe bereit, versichert David: «Ihr erster Lehrer kommt gleich in Ihr Büro.»

Yes, mein Büro. Eine der Spezialitäten von Riversdown House ist es, dass jeder der Eleven sein eigenes Office hat. 20 solcher Klausen stehen bereit, meine trägt die Nummer 5 (Extension 225). Zehn Quadratmeter britisches Headquarter kann jeder Schüler beanspruchen, hier empfängt man seine Englisch-Drillmeister und bereitet sich auf die nächste Lektion vor. Mein Office bietet Ausblick auf die letzte Station des schuleigenen Neun-Loch-Golfplatzes.

Über 15 000 Lernwillige, sagt Schulgründer Richard Lewis, hätten das 1971 lancierte Sprachlabor, 70 Autominuten südwestlich von London-Heathrow in der Grafschaft Hampshire gelegen, durchlaufen. Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat vor mir schon gelitten, Allianz-CEO Michael Diekmann liess sich hier schleifen, ebenso Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Die Wände des Schulgebäudes – es liegt im sogenannten Chicken Shed, einem Hühnerstall, der früher Platz für 6000 Federtiere bot – sind übersät von Visitenkarten. Wer durch diese Schule ging, verewigt sich mit seiner Business Card. Neben Michelin, SAP, Volvo und Nokia sind auch die Schweizer vertreten. UBS-, Clariant-, Roche- und Nestlé-Visitenkarten erinnern an Helvetier, die hier zum Sprung in die Premier League des Business English angesetzt haben.

Für die Dauer des Aufenthaltes ist man ein verschworenes Grüppchen, wohnt in einem Anwesen der Anlage, die Tennisplatz, Sauna sowie Fitnessraum bietet und in den Grundmauern aus dem Jahr 1328 stammt. Ein Trainingslager für Kaderleute, die meist zwischen 35 und 50 sind und ihr Geschäftsenglisch zur Verhandlungsreife bringen wollen. Zudem kann man sich bezüglich kultureller Eigenheiten aus allen englischsprachigen Ländern schulen lassen.

Investment-Case. Wer an Sprache und kulturellem Verständnis arbeitet, hat einen soliden persönlichen Investment-Case für die Zukunft; man erlangt Wissen, das einen bei der Arbeit in gemischten Teams weiterbringt. Man tue gut daran, vor allen anderen Schwellenländer-Sprachen wie Mandarin oder Russisch zuerst sein Business-Englisch auf Zack zu bringen, sagt Stefan Steger, ­Managing Director Schweiz bei der Personalberatung Korn/Ferry: «Für eine ­internationale Business-Karriere ist exzellentes Englisch matchentscheidend. Wer hier nicht hundertprozentig fit ist, hat einen gewaltigen Wettbewerbsnachteil – weil die Geschäftswelt von angelsächsischen Grundzügen geprägt ist.» Beim Schweizer Industriekonzern Georg Fischer (GF) etwa ist Englisch seit den neunziger Jahren offizielle Konzern­sprache. Wehe dem, der sich auf der ­Karriereleiter in der Englischgrammatik verheddert: «In diversen Führungspositionen sind sehr gute Sprachkenntnisse zwingend und werden, in der Regel mündlich, auch in Interviews oder Assessment Centers entsprechend geprüft», sagt Thomas Lienhardt, Head Corporate Management Development bei GF.

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Riversdown House macht fit für den Business-Planeten. «Wir können hier alles für unsere Schüler massschneidern», sagt Schulleiter Richard Lewis, der es in der angelsächsischen Welt mit Büchern wie «When Cultures Collide» zu einigem Ruhm gebracht hat.

Im Vorfeld werden Schüler gebeten, ihre Ziele bekanntzugeben. Man kann aus 17 Learning Priorities auswählen, sich etwa für Anwaltssprache einschreiben oder für Verkaufs- oder Beschaffungssituationen. Auf Wunsch könnte man sich auch einbuchen für einen Tag, an dem Verhandlungen mit indischen oder amerikanischen Geschäftsleuten geschult werden. Die Auswahl ist auf den ersten Blick verwirrend gross. Wenigstens beruht die Hausordnung des Riversdown House bloss auf zwei Punkten: «English only. Only English», wird uns Neuankömmlingen gleich zu Beginn beschieden.

Sind andere Sprachschulen auf der Welt überdurchschnittlich stark mit Deutschschweizern und Deutschen bestückt, so ist Riversdown House deutlich stärker globalisiert: Die Internationalität der Schüler, viele aus Skandinavien, Frankreich, Spanien und Japan, verhindert, dass man ausserhalb seines Office in die eigene Sprache zurückfällt. Hier, im ruralen Südengland, wird die Welt tatsächlich zum Dorf. Fernab vom Lärm der Stadt konzentriert man sich auf seine Sprach-Skills – und wird konfrontiert mit der grossen Ruhe, wenn einem das passende Proverb nicht einfallen will.

«Am Telefon schneller auf den Punkt kommen», habe ich vorab notiert, «Präsentieren» sowie «Erkennen der englischen Codes in Sitzungen». Neben den üblichen grammatikalischen Piesackereien – das besorgt Lehrerin Shelag – werden meine gewünschten Disziplinen einstudiert. Fürs Telefonieren setzt sich David ins Büro nebenan und simuliert mit mir Fernsprechunterhaltungen, danach gehts in die Kritik. Kulturthemen beackere ich mit Nigel, der mich per Rollenspiel in der Kunst unterweist, an einer Sitzung einen original britischen «Smoke Screen» zu erkennen, die sprachlich nett formulierte Nebelwand, hinter der sich oft etwas ganz anderes verbirgt.

Stahlbad. Zwar habe ich in meiner Zeit vor Riversdown House erfolgreich die Phrasal-Verbs-Hölle der Proficiency-Prüfung durchschritten. Habe mit der Bürgermeisterin von Las Vegas geplaudert, mit Fischhändlern im Londoner East End gefeilscht und amerikanische Konzernbosse interviewt. Aber wer nicht täglich im Kampfgebiet eingesetzt wird, rostet ein, man wird zum Englisch-Patienten.

David, Nigel und Shelag kurieren mich. Täglich halte ich Kurzpräsentationen vor meinen drei Privatlehrern, die mit der typisch britischen «stiff upper lip» zuhören – und kommentieren: «Wie ging das gleich beim Conditional bei der Einführung? Was genau wollten Sie mit dem Gerundium im dritten Satz andeuten? Notieren Sie sich bitte die Mehrzahl des Wortes ‹Crisis› richtig. Es heisst ‹Crises›, nicht ‹Crisises›, wie Sie originellerweise sagten.» Ein Stahlbad. Aber ein Kurs, der einen vorwärtsbringt. Auch auf dem Parkett des Smalltalks. Ein reichhaltiges «social programme» sieht Cocktail-Partys an der Schule vor, Ausflüge ins Theater, dazwischen auch einmal eine Käseverkostung oder eine Einführung in schottische Tänze. Nicht zu vergessen die Ausflüge ins nächstgelegene Pub, «The Thomas Lord» in West Meon, fünf Kilometer vom English-Drillplatz entfernt.

Natürlich hat ein solches 360-Grad-Erlebnis in Business English seinen Preis. Je nach Anzahl der gewählten Lektionen fallen 3000 bis 4500 Franken Kosten pro Woche an. Dafür sind im Paket Unterricht, Unterkunft, Vollpension, Benützung von Golfplatz, Tennisplatz, Sauna und Transfer ab und zum Flughafen ­Heathrow drin. Business English all-inclusive sozusagen. Nur lernen muss man selber. Und leiden dabei, manchmal. Wenn es besonders tough wird, erinnere ich mich daran, was mir David bei meiner Eingangspräsentation gesagt hat, hart und herzlich: «Andrew, there is hope.» Hoffnung ist da. Isn’t there?

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