Er ist umgerechnet um rund zwei Millionen Franken reicher geworden – pro Stunde. Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne durfte sich innert Jahresfrist an einem Vermögenszuwachs von sage und schreibe 17 Milliarden Franken erfreuen.

Es ist eines der Phänomene dieses zweiten Corona-Jahres, das – unbekümmert von Krisengefühlen – mit weltweit boomenden Börsen aufwartete. Auch in der Schweiz schossen die Kurse in die Höhe: Der Swiss Market Index (SMI), Börsenbarometer der Grossunternehmen, legte bis zum Redaktionsschluss am 15. November um 17 Prozent zu.

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Die beiden Hauptbeteiligungen von Kühne konnten gar überdurchschnittlich zulegen: Beim Logistikgiganten Kühne + Nagel waren es rund 50 Prozent, bei der Reederei Hapag Lloyd in Hamburg, der Heimatstadt des heute im schwyzerischen Schindellegi residierenden Unternehmers, waren es über 250 Prozent – die an der Kapazitätsgrenze arbeitende Weltwirtschaft braucht Transportdienstleistungen in gigantischem Ausmass.

Absoluter Rekord

Zuwächse wie jene von Kühne trugen dazu bei, dass das gesamte Vermögen der 300 Reichsten der Schweiz einen absoluten Rekordwert erreicht hat: Auf 821,8 Milliarden Franken hat sich die Gesamtsumme erhöht. Im Vorjahr waren es mit 706,8 Milliarden noch 115 Milliarden weniger. Noch nie seit der Einführung der BILANZ-Reichstenliste im Jahr 1989 gab es einen höheren Zuwachs.

Auch relativ gesehen ist das Plus beträchtlich und übertrifft mit einer prozentualen Steigerung von 16,27 Prozent sogar knapp den Zuwachs der Boomzeit von 2006 bis 2007, der in den letzten zwanzig Jahren die Rekordmarke trug. Damals betrug der prozentuale Zuwachs 16,26 Prozent. Ob die Erinnerung an jene Zeit allerdings ein gutes Omen ist, ist fraglich: Kurz nach dem Boom von 2006/07 kam es zur Finanzkrise und zum Absturz der Börsen. 2008 war der gesamte Reichtum denn auch um 13 Prozent tiefer als im Jahr zuvor. Es dauerte bis 2013, bis die Gesamtsumme den Wert von 2007 wieder übertreffen konnte.

Nebst den florierenden Wertpapierbörsen gab es andere Treiber des Reichtums in diesem Jahr. Etwa die boomenden Immobilienmärkte, die Stück für Stück und breit verteilt in den Portfolios der Reichen ebenfalls für gehörige Zuwächse sorgten.

Lukrative Börsengänge

Der dritte wichtige Treiber in diesem Jahr waren Börsengänge, welche die günstige wirtschaftliche Situation für sich ausnutzten. Sie sorgen auch für den Einzug gänzlich neuer Reicher in die diesjährige Liste. Dazu gehören etwa die Gründer der Turnschuhmarke On, David Allemann, Olivier Bernhard, Caspar Coppetti, Martin Hoffmann und Marc Maurer, deren Firma am Tag des IPO in New York auf rund zwölf Milliarden Dollar bewertet wurde. Auch wenn sich der Wert seither wieder etwas reduziert hat, sind sie gemeinsam doch immer noch über zwei Milliarden schwer.

Im Windschatten der Gründer wurden mit dem On-Börsengang auch andere reicher, etwa Tennisstar Roger Federer, der schon vorher gelistet war, jetzt aber mit einem auf 700 bis 800 Millionen erhöhten Vermögen. Auch ein anderer Neuzugang konnte profitieren, Investor Gonpo Tsering – der Mann mit tibetischen Wurzeln und ehemalige DKSH-Topmanager ist als früher Investor an On beteiligt.

Auch sonst sorgte frisches Geld für den Einzug neuer Namen. Beispiel Uhrenmanager Georges Kern: 850 Millionen Franken zahlte die Londoner Private-Equity-Firma CVC 2017 für Breitling, es war die erste globale Uhrenmarke, die bei reinen Finanzinvestoren landete. Bei einer Finanzierungsrunde im Oktober wurde die Firma nun auf etwa drei Milliarden taxiert. Kern hält fünf Prozent an Breitling. Unterste Grenze für den Einzug in die BILANZ-Liste ist ein Vermögen von 100 Millionen Franken.

Auch abseits der etablierten Märkte schoss der Reichtum in die Höhe. Mit Bitcoin-Suisse-Gründer Niklas Nikolajsen, wohnhaft in Zug, ist erstmals ein Kryptomillionär in der Liste, und dies gleich im Bereich von 300 bis 350 Millionen. Allein die 1000 Bitcoins, die er 2011 für 77 Cent das Stück kaufte, sind je nach Stand des generell stark schwankenden Tageskurses zwischen 50 und 60 Millionen Franken wert. Doch längst hat auch er sein Vermögen diversifiziert, nicht zuletzt in Immobilien: Das Schloss St. Karlshof am Zugersee gehört ihm.

Neben diesem jungen, frischen Geld gibt es immer noch das alte Geld – Basis des Milliardenreichtums ganzer Clans. Zu diesen Mega-Reichen gehören etwa die Mitglieder der Besitzerfamilien von Roche, aufgeteilt auf die Familien Oeri, Hoffmann und Duschmalé. Wie im letzten Jahr liegen sie auf Platz zwei, übertrumpft nur von der Kamprad-Familie, den Nachkommen von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad.

Während die Möbelbauer allerdings gleich hoch bewertet wurden, konnten die Roche-Erben angesichts des Booms in der Pharmaindustrie weiter zulegen und ihr Vermögen um rund fünf auf heute 34 bis 35 Milliarden Franken steigern. Dass ihr Stimmenanteil nach dem jüngsten Grossdeal zwischen den beiden Basler Pharmakonzernen gestiegen ist, bei dem Roche den 30-Prozent-Anteil, den Konkurrent Novartis hielt, aufkaufte mit dem Ziel, die Aktien dann zu vernichten, dürfte die Mehrheitsbesitzer freuen. Mit der Vernichtung der Aktien steigt der Anteil der Familie von 45 auf 67,5 Prozent; rechnet man den Anteil von Maja Oeri, die zwar aus dem Familienpool ausgeschieden ist, aber bisher immer mit der Familie gestimmt hat, hinzu, sind es gar 75,1 Prozent.

Auch ein anderer konnte von der guten Entwicklung des Pharmakonzerns profitieren: Roche-CEO Severin Schwan, ein weiterer Neuzugang in der Liste. Allein die Roche-Papiere, die er laut Geschäftsbericht hält, sind rund 100 Millionen wert. Sein Jahressalär lässt sich ebenfalls sehen: Elf Millionen Franken waren es vergangenes Jahr, dazu kamen noch 400'000 Franken, die er für seine Funktion als Vizepräsident im Verwaltungsrat der Credit Suisse erhielt.

Reiche noch reicher

Einzelne Kategorien in der Liste der 300 Reichsten konnten überdurchschnittlich zulegen, etwa die Kategorie Digital mit einem Gesamtzuwachs von fast 40 Prozent. Kein Wunder: Die Digitalisierung ist derzeit einer der stärksten Treiber der Wirtschaft. Über drei Viertel des Gesamtzuwachses von neun Milliarden gehen allerdings auf das Konto eines einzigen Mannes: Guillaume Pousaz. Er steigerte sein Vermögen in nur zwei Jahren um das 15-Fache, von 700 bis 800 Millionen im Jahr 2019 über 4 bis 4,5 Milliarden 2020 bis auf heute 11 bis 12 Milliarden Franken. Grund: Sein Start-up Checkout.com, das Zahlungsabwicklungen für Onlinehändler anbietet, wurde mit jeder Finanzierungsrunde höher bewertet.

Verlierer gibt es dieses Jahr nur wenige, und auch die Rückgänge sind deutlich geringer als im letzten Jahr. Lag 2020 der höchste Rückgang noch bei sieben Milliarden Franken, damals eingebüsst von Bierkönig Jorge Lemann, ist heute Internetunternehmer Patrick Drahi mit einem Rückgang von einer Milliarde der grösste Verlierer. Grund ist vor allem der Rückgang des Wertes seiner Beteiligung am US-amerikanischen Medienunternehmen Altice USA, das seit Anfang Jahr an der Börse rund 50  Prozent eingebüsst hat.

Dass die ganz Reichen in Corona-Zeiten nochmals deutlich reicher wurden, ist nicht nur ein Schweizer Phänomen. Auch in Deutschland waren die durchschnittlichen absoluten Vermögenszuwächse noch nie so gross wie jetzt, wie das «Manager Magazin» berechnete. Und auch «Forbes» in den USA ortete seit der Pandemie einen enormen Anstieg aller Supervermögen. Längst liegen die höchsten Vermögen dort jenseits der 200-Milliarden-Grenze: Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa, dessen Onlinehandelsimperium seit Corona zu den ganz grossen Gewinnern gehört, bringt rund 203 Milliarden Dollar auf die Waage, Tesla-Gründer Elon Musk gar 271 Milliarden.

Prolog 2

GUNST DER BÖRSE: Die boomende Börse bescherte ihnen Milliardenzuwächse: Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, Dentaltechnikunternehmer Thomas Straumann, Glencore-Aktionär Ivan Glasenberg (v.l.).

Quelle: Bilanz

Verteilkämpfe 

Hier wie dort liegen dem Anstieg der Vermögen der Superreichen dieselben gesamtwirtschaftlichen Ursachen zugrunde. Aus Angst vor Covid-Abstürzen fluteten die Zentralbanken die Märkte weiterhin mit billigem Geld. Das führte zu weiteren Umschichtungen, etwa heraus aus den Anleihen und hinein in Aktienmärkte und Immobilien – zwei Bereiche, in denen die Superreichen ohnehin schon stark investiert sind. Angesichts der sich weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich sind auch in der Schweiz die Fragen um eine gerechte Verteilung am Zunehmen.

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Nicht ungewöhnlich für die hiesigen Gegebenheiten, spürt man das besonders an den Diskussionen um neue Steuermodelle, etwa bei der «99 Prozent»-Initiative. Das Begehren der Jungsozialisten forderte auf hohen Kapitaleinkommen eine stärkere Besteuerung. Es wurde in der Volksabstimmung vom 26. September dieses Jahres allerdings mit 64,9 Prozent klar bachab geschickt. Dass sich die politischen Fronten auf diesem Feld künftig jedoch weiter verhärten dürften, ist absehbar, belastet die Krise mit ihren Hilfspaketen den Staatshaushalt doch arg. Der Druck auf die direkten und indirekten Profiteure der Krise dürfte damit hoch bleiben.

In solch generellen Diskussionen mit Zahlen und Fakten zu den Vermögen der reichsten Schweizer zusätzliche Transparenz zu schaffen, ist für uns schon seit der ersten Reichstenliste aus dem Jahr 1989 ein Anliegen. Für die jetzige 33. Ausgabe der goldenen BILANZ haben über 30 Journalistinnen und Journalisten und über ein Dutzend weitere Mitarbeitende aus Produktion, Grafik, Bildredaktion, Korrektorat und IT mitgearbeitet. Entstanden ist auch dieses Jahr ein Sammelsurium von 300 kleineren und grösseren Geschichten, die zeigen, wie weit das Spektrum des Reichtums in der Schweiz heute ist.

Die Menschen hinter dem Ranking

Als Rechercheure und als Autoren haben am diesjährigen BILANZ-Ranking der 300 Reichsten mitgewirkt: Corinne Amacher, Pamela Beltrame, Wilma Fasola, Erich Gerbl, Bastian Heiniger, Marc Kowalsky, Iris Kuhn-Spogat, Anne-Barbara Luft, Stefan Lüscher, Matthias Mehl, Thomas Müller, Erik Nolmans, Bernhard Raos, Dirk Ruschmann, Dirk Schütz, Sibylle Veigl, Christian Wapp. Von «Bilan» in Genf: Francesco Bonsaver, Jean-Philippe Buchs, Luigino Canal, Etienne Dumont, Daniel Eskenazi, Vincent Gillioz, Olivier Grivat, Philippe Lugassy, Patricia Meunier, Julie Müller, Joan Plancade, Chantal de Senger, Marat Shargorodsky, Mary Vakaridis, Julien de Weck und Myret Zaki.