Ein Raum so gross wie zwei Sporthallen, vor der Tür ein Spender mit Ohrenstöpseln, darin tackern und klackern 32 Webstühle. Einige ziehen bis zu 18'000 Fäden zu einer Bahn, der «Kette», zusammen, durch die mit 300 Anschlägen pro Minute die Querfäden «geschossen» und so zum Stoff verwebt werden. Reisst nur ein Faden, muss die Technikerin die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen – hier zählt nur eins, Perfektion. Der Raum liegt in einem Gebäude mitten in Appenzell. Hier entstehen die Stoffe von Alumo.

Stabio, ganz im Süden der Schweiz, ein anderer Raum in einem anderen unscheinbaren Fabrikgebäude. Links ein Regal mit Stoffrollen, davor ein monströser Zuschneidetisch, dahinter Arbeitsplätze mit unterschiedlichen Nähmaschinen der Marken Dürkopp oder Juki, diverse Bügelstationen, darunter eine, die per Laser Knopfleisten glättet. Im Nebenraum surrt ein Drucker, der ein Schnittmuster aus der Computerstation auf eine Papierrolle überträgt. Ein junger Mann breitet die Papierteile aus dem Schnittmuster auf einer Stoffbahn aus und schneidet sie behutsam per Hand zu. Er ist der einzige männliche Mitarbeiter von Marco Brülisauer – im Gegensatz zu Anzügen war die Hemdenschneiderei schon immer eine Frauendomäne.

Brülisauer streichelt über einen Hemdenstoff, weiss mit blauen Längsstreifen. «Dieser weiche Griff! Fühlt sich seidig an, oder?», sagt er mit einem Strahlen, «ist ganz leicht, trägt sich extrem angenehm auf der Haut.»

«Alumo ist bei mir das höchste Segment an Stoffen», sagt Marco Brülisauer.

«Marco macht wirklich wunderschöne Hemden», sagt Sandra Geiger.

Geiger ist CEO bei Alumo, Brülisauer besitzt und leitet den Hemdenhersteller Bruli – den letzten, der noch alles in der Schweiz näht. Bruli bezieht auch Stoffe anderer Hersteller, und Alumo beliefert viele andere Hemdenschneider. Doch was Brülisauers Näherinnen aus Geigers Stoffen zaubern, gehört zum Besten, was es weltweit zu kaufen gibt. Von Appenzell nach Stabio: Das ist die edelste Wertschöpfungskette der Schweiz.

Luxusbrands und Schneider

Alumo beliefert umsatzmässig in erster Linie Edelbrands wie Gucci, Hermès, Brioni oder Burberry, die Mehrzahl der Kunden allerdings sind Hemdenschneider in nahezu 60 Ländern, darunter Londoner Ikonen wie Dege  &  Skinner, Budd oder Emma Willis. In der Schweiz schwärmt etwa der Badener Massschneider Mohamed Kadrou, selbst aus einer Familie von Stofffabrikanten stammend, von seinem Alumo-Sortiment.

Und dann gibt es eben den Hemdenspezialisten Bruli. In Zürich «ready to wear» bei Jelmoli, Globus oder Hangartner im Verkauf, bei Anbietern von Masskleidung als Lieferant im Hintergrund, und sogar Eva Bräutigam, die als einzige Schweizerin «Bespoke»-Kleidung à la Savile Row schneidert, bestellt ihre Masshemden bei Bruli – ein Zeichen für die superbe Qualität. Wer möchte, kann sich auch in Stabio beim Chef persönlich vermessen lassen; Brülisauer hat sich zwei Türen neben der Produktion einen Showroom eingerichtet. Aber er reist auch zu seinen Kunden an.

Namen seiner Kunden nennt er keine, natürlich nicht. Es sollen aber diverse Wirtschaftsgrössen dabei sein, bis zu Zürcher Grossbankenchefs. Brülisauer berichtet von einem Stammkunden, einem Arzt in Kalifornien, der zuletzt auf einen Schlag 51 Hemden bestellte. Seine Klienten tragen Brands wie Brioni, Zegna, Finamore oder Londons Hemdenkönig Turnbull &  Asser, bevor sie Bruli entdecken.

Sandra Geiger tut sich mit dem Namedropping etwas leichter. Immer mehr Brands schmücken sich zudem mit ihrer Lieferantin – so bringen etwa Finamore oder Mazzarelli ein Alumo-Etikett in ihren Hemden an. Und anhand der Einkaufsstellen weiss Geiger, dass auch Tom Cruise, Brad Pitt oder der königliche Nachwuchs namens William und Harry in Alumo gewandet sein müssen.

Gerade hat Geiger bange Wochen hinter sich – es war unklar, ob ihr das Label «Made in Switzerland» entgleiten könnte. Denn Corona hat auch die Edelstoff-Branche infiziert. Und so trug es sich zu, dass ein Teil der Eigentümer folgenschwere Entschlüsse fasste. Die Eigentümer Alumos, das sind jeweils zur Hälfte die Cilander-Stiftung, von der noch die Rede sein wird, und vier einheimische Familien. Letzteren gehört nicht nur das Gebäude in Appenzell, sondern auch die Weberei-Gruppe Alba. Bisher nutzte Alumo deren Produktionskapazitäten in Appenzell – doch die gibt Alba nun auf. Ein Schritt, auf den Geiger keinen Einfluss hatte. Künftig wird Alumo in der grösseren Alba-Weberei in Ägypten fertigen lassen. Qualitativ wird das keine Abnahme bedeuten.

«Wir bleiben eine Schweizer Firma», betont Sandra Geiger. Denn Garnbeschaffung, Design, Vertrieb, Marketing (das Geiger selbst nebenbei erledigt) und Lager – alles wird nach wie vor in Appenzell stationiert sein. Für diverse Arbeitsschritte, wie das Spinnen, findet sich in der Schweiz längst kein Anbieter mehr, und nach dem Aus der Weberei in Appenzell dürfte auch dieses Handwerk ausgestorben sein. Geiger fällt lediglich noch eine ein, die Heimtextilien herstellt.

Aber nicht schlimm: Die Webkunst an sich war schon bisher nicht das Alleinstellungsmerkmal von Alumo. Vielmehr liegt das «Geheimnis» hinter der Stoffqualität am Anfang und am Ende des Herstellungsprozesses. Denn zum Ersten kommt nur die beste Baumwolle ins Haus, «extrem langstapelig», sagt Geiger, «das sind unter drei Prozent der weltweiten Ernte», «und davon wiederum entsprechen nur zehn Prozent unseren Qualitätskriterien». Die Quellen sichert sie sich durch langjährige Beziehungen zu Baumwollproduzenten.

Vom Eigner ausgerüstet

Und zum Zweiten muss die Ausrüstung, auch Veredelung genannt, stimmen: Die Stoffe werden chemisch, mechanisch und mit Hitze behandelt, damit sich Eigenschaften wie geringe Schrumpfneigung, Glanz oder Haptik herausbilden. Bis zu 35  Arbeitsschritte sind notwendig, je nach gewünschten Effekten stehen über 160 Rezepte zur Verfügung. Diese Arbeit kann Sandra Geiger praktischerweise beim zweiten Alumo-Eigentümer in Auftrag geben: Cilander in Herisau ist auf hochwertige Textilausrüstung spezialisiert. Doch weil sich die Alumo-Chefin, zuvor ein Jahrzehnt beim schwedischen Hemdenbrand Eton beschäftigt, hier selbst bestens auskennt, kooperieren Alumo und Cilander eng in der Produktentwicklung.

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Und so kann Alumo weiterhin einen Wertschöpfungsanteil von 60 Prozent im Inland ausweisen – Voraussetzung für «Made in Switzerland». Was immer geht, lässt sie von heimischen Anbietern erledigen, neben der Ausrüstung etwa auch das Färben der Garne. Über allem stehe die Maxime «Null Kompromisse bei der Qualität». Mit hörbarem Stolz erklärt Geiger: «Wir sind 30 bis 40 Prozent teurer als die italienische Konkurrenz.»

Aber gibt es die überhaupt? Maximal, sagen Branchenleute, sei Thomas Mason als Wettbewerber zu betrachten. Doch der gehört inzwischen zum italienischen Stoffkonzern Albini. Schon gegen Thomas Mason ist Alumo mit Geigers 18 Mitarbeitern klein. Und dann gibt es Webereien, die im Vergleich mit Alumo winzig sind – Familienbetriebe in Norditalien, wo Papa selbst am Webstuhl steht. An die wendet sich Marco Brülisauer, wenn er ein spezielles Design im Kopf hat, das er exklusiv für Bruli haben möchte. Oder wenn er von einem bestimmten Stoff nur 100 Meter braucht. Für solche Kleinmengen lohnt sich bei Alumo das Umrüsten der Webstühle nicht. Fünf solcher Kleinbetriebe dürfen Bruli beliefern, ansonsten bezieht er seine Stoffe in Appenzell.

Bald nachdem Geiger vor vier Jahren als CEO bei Alumo angefangen hatte, startete sie die Modernisierung. Die Stoffe waren schon immer superb, Organisation und Vermarktung weniger. Und Geiger schaute sich in der Schweiz um, ob es noch Potenzial für Alumo gab – und rief bei Bruli an. So lernten sich Geiger und Brülisauer kennen.

Das Appenzellerland steht sogar für beide Enden dieser eleganten Schweizer Wertschöpfungskette. Aus dem Ostschweizer Kanton stammt auch Marco Brülisauers Vater Herbert, der ins Tessin zügelte und ab 1961 dort eine Hemdenproduktion aufbaute, die zu ihren grössten Zeiten 180 Mitarbeiter beschäftigte. Doch die Schweizer Qualität wurde Schweizer Grosskunden wie Manor oder PKZ nach und nach zu teuer, also verlegten sich Vater und Sohn auf eine Aufwärtsstrategie: weniger Menge, dafür aber nur das Beste. Hatten Brülisausers zuvor für Dritte oder ihre eigene Marke Resisto genäht, brauchte es nun etwas Neues: tauglich für gehobene Herrenausstatter und weltweit einfacher auszusprechen als «Brülisauer». Das war selbst Lieferanten zu kompliziert; auf den Kartons aus Italien stand meist nur «Bruli» im Adressfeld – voilà, 1993, zugleich mit dem Einstieg Marcos in den Familienbetrieb, war der neue Brand geboren.

Der Weg ins Edelsegment

Schon im Folgejahr gelang der Sprung an die Zürcher Bahnhofstrasse ins Traditionshaus Saint-Phil, das 2012 die Türen schliessen musste. Später fertigte Bruli die Hemden für Tom Ford oder für die Edellinie von Zegna, das half, auch den Mitarbeitern absolutes Qualitätsbewusstsein einzuimpfen, aber der Preisdruck durch diese Multis und deren detaillierte Vorschriften erstickten zugleich die eigene Kreativität. «Seitdem machen wir keine Hemden mehr für Dritte», sagt Marco Brülisauer, er bestellt auch keine Stoffe mehr bei den üblichen Grosslieferanten. Denn die bieten viele Schneider an. Ihm ist aber Eigenständigkeit wichtig, und Details, die dem Kunden etwas bringen. Wie die hohen, aber fingerfreundlich abgerundeten Knöpfe aus bestem Perlmutt. Die soften Kragen mit schwimmender Einlage, die sich bequem wie ein Handschuh tragen. Ausgeklügelte Schnittführung an den Armlöchern, die Bewegungsfreiheit verschafft, auch wenn das Hemd «slim» sitzt.

Einen speziellen Haus-Stil pflegt Bruli nicht – als Massschneider bietet er so ziemlich alles an, «ich glaube nicht, dass wir schon zwei Mal das gleiche Hemd gemacht haben», sagt Brülisauer. Allein 18 Kragenformen können seine Leute nähen, in jeweils sieben verschiedenen Verarbeitungen. Ein subtiles Erkennungszeichen für Bruli-Masshemden ist ein kaum sichtbarer Kontraststreifen am linken Ärmelschlitz, viele Hemden werden zudem mit abgerundeten Haifischkragen und Ärmelmanschetten geordert. So etwas ist maschinell kaum zu fertigen. Dagegen lächelt Brülisauer nur müde beim viel diskutierten Thema «Handarbeit» am Hemd, was einige Brands gern als «cucita a mano» auf die Etiketten ihrer 220-Euro-Hemden drucken. Was habe der Kunde davon, fragt Brülisauer, wenn eine Näherin stundenlang Knopflöcher umsäumt oder Nähte von Hand stichelt, statt die spezialisierte Nähmaschine zu nutzen, die wesentlich genauer arbeitet? Ganz zu schweigen vom Preis für mindestens zwei Stunden Zusatzarbeit. Da hat er lieber in eine stoffschonende Kaltbügelmaschine investiert. Die kostet statt der üblichen tausend Franken das Siebzehnfache.

Brülisauer macht die Rechnung auf: Für die beliebtesten Alumo-Stoffe zahlt er 80 bis 100 Franken pro Hemd, denn je nach Grösse und Muster benötigt ein Hemd 1,7 bis über 2 Meter Stoff – damit alles zusammenpasst, braucht es bei Streifen etwas mehr Material, bei Karos deutlich mehr. Also 100 Franken für Stoff, plus Knöpfe, Einlagen und andere Accessoires, dann rund zwei Stunden Näharbeit, nicht gerechnet die Kosten für Geräte, Raummiete oder die Anfertigung von Musterkollektionen, und hinzu kommen noch die multiplikatorischen Aufschläge der Bekleidungsgeschäfte; da summiert sich einiges. Das Gros der Bruli-Hemden liegt im Bereich von 320 bis 450 Franken. Die teuersten, bei denen allein der Stoff schon 90  Franken pro Meter kostet, kratzen an 800 Franken. Das ist absolut gesehen nicht wenig – relativiert sich aber im Vergleich zu Markenkonkurrenten wie Brunello Cucinelli, Brioni oder Charvet. Die streben preislich bisweilen ins Vierstellige.

Das gilt gerade auch im wachsenden Geschäft mit weiblichen Kunden. Bruli macht bereits ein Fünftel des Umsatzes mit Damenoberteilen, gern aus edlen Seidenstoffen. Daraus soll mehr werden – und dasselbe Ziel ruft Sandra Geiger für Alumo aus. Top-Labels wie Akris, The Row oder Gucci Womenswear bestellen bereits bei ihr.

Exklusive Stückzahlen

Wie exklusiv die beiden Schweizer Firmen sind, zeigt ein Blick in den Markt. Bruli fertigt pro Jahr rund 10'000 Hemden, Alumo produziert eine halbe Million Meter Stoffe. Hemdenmultis wie Eton, Stenströms oder Boss dürften schon allein jeweils mehrere Millionen Meter Hemdenstoff verarbeiten.

Sobald der Umzug der Weberei abgearbeitet ist, will sich Sandra Geiger wieder ihrem Onlineprojekt widmen: Ein Webshop soll das Licht der Welt erblicken. Dieser soll kleineren Kunden das Bestellen weniger Stoffmeter vereinfachen und ihnen unabhängig von ihrer jeweiligen Zeitzone und den Appenzeller Bürozeiten ständig offenstehen.

Auch Marco Brülisauer steckt noch voller Ideen. Vergrössern soll sich seine Hemdenproduktion nicht mehr, aber er möchte «bei der Qualität noch hochwertiger werden». Und gerade hat die Materialprüfungsanstalt Empa seiner neuen dreilagigen Gesichtsmaske bescheinigt, dass sie den Vorgaben der Covid-19-Taskforce entspricht. Stofflich und stilistisch ist sie ohnehin höchst angenehm zu tragen. Von dieser Tessiner Entwicklung wird auch das Corona-geplagte Appenzell profitieren.

Das ist «Made in Switzerland», quasi in doppelter Garnstärke.