Herr Longchamp, Bitcoin hat ein Zwei-Jahres-Hoch erreicht. Stehen wir am Beginn einer neuen Rally?
Ich habe den fairen Bitcoin-Preis auf 10 900 Dollar geschätzt. Dieses Niveau liegt bereits hinter uns. Aber die Finanzmärkte sind nie im Gleichgewicht, die Kurse könnten noch höher steigen. Viele Anleger empfinden die Preise für traditionelle Anlagen wie Aktien angesichts einer globalen Rezession als zu hoch. Zudem liefern Obligationen vieler Länder nur negative Renditen. Daher werden Alternativen gesucht. Bitcoin gilt als «digitales Gold» und ist eine davon.

Im März hat sich der Kurs des «digitalen Goldes» innerhalb weniger Tage halbiert. Das erweckt nicht gerade Vertrauen.
Der Aus­verkauf war brutal. Investoren sind nicht in sichere, sondern in liquide Anlagen geflüchtet. Darunter hat der Kurs von Bitcoin, aber auch jener von Gold in den ersten ­Tagen nach dem Covid-Schock gelitten. Inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt. Anleger, die schon lange in ­Bitcoin investiert waren, haben nicht ver-, sondern zugekauft.

Yves Longchamp

Yves Longchamp ist Research-Chef der Seba Bank. Das Zuger Institut ist einer der ersten auf Digital Assets spezialisierten Finanzdienstleister.

Quelle: ZVG
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Die Corona-Krise treibt die Digitalisierung voran. Profitieren davon auch Kryptowährungen?
Definitiv. Die Projekte mit der Blockchain, über die anders als beim Internet nicht nur Information, sondern auch Werte oder Verträge transportiert werden können, ­machen Fortschritte. Diese Technologie verbreitet sich, ihre Vorteile werden immer sichtbarer. Die Blockchain ist etwas Neues, sie ist die Zukunft.

Welche Rolle spielt das viele Geld, das die Notenbanken ins System pumpen?
Viele Leute kaufen Bitcoins, weil sie mit der Politik der Notenbanken nicht einverstanden sind. Sie misstrauen einem System, das Geld anders als Bitcoin grenzenlos vermehren kann. Schlechte Währungen will man ausgeben, gute ansparen. Für sie ist Bitcoin die Währung der Zukunft.

Welche Kryptowährungen ­halten Sie für aussichtsreich?
Bitcoin bleibt sicher. Ethereum wird für viele Anwendungen wie Smart Contracts gebraucht und hat Potenzial. Gross sind sowohl Risiken als auch Chancen bei Aufsteigern wie Chainlink, Compound oder Cosmos.

Wie hoch sollte der Anteil von Kryptowährungen in einem ausgewogenen Portfolio sein?
So zwei bis drei Prozent.

Ich dachte, Sie sagen mehr.
Die Liquidität ist gering, der Markt noch klein. Kryptowährungen sind eine neue Assetklasse. Die kann man schon mit zwei bis drei Prozent kennen und schätzen lernen

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