Die Weltbörsen befinden sich seit Wochen auf steiler Talfahrt, die Anleger sind völlig verunsichert. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie lassen sich denn auch kaum abschätzen. Eine mittelschwere Rezession ist wahrscheinlich, schlimmstenfalls schlittert die Weltwirtschaft in die Krise.

Als ­Optimist glaube ich, dass die konjunkturellen Rückschläge bereits in einigen Monaten ausgestanden sein werden. Zumal die Regierungen ­bereit sind, das Schlimmste mit ­Finanzspritzen zu verhindern.

Was heisst das für Aktien? Die heftige Korrektur hat die heillose Überbewertung der meisten Titel korrigiert und viele wieder attraktiver gemacht. «Kaufe in der Baisse, verkaufe in der Hausse». Sie kennen die «Börsenweisheit». Doch zum richtigen Zeitpunkt einzusteigen, gelingt sogar ausgefuchsten Börsenprofis nur selten.

Vorderhand bleibt die Situation an den Märkten höchst angespannt. Zwar reizen die tiefen Kurse zu einem Neueinstieg, doch ist es dafür noch etwas zu früh. Gefragt ist eine gehörige Portion an Geduld. Zumal die schlechten News von den Unternehmen erst noch kommen. Da werden Prognosen für 2020 revidiert oder Dividenden zusammengestrichen. Doch solche Meldungen sind zu einem guten Teil bereits eskomptiert.

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Der Stresstest

Die Schweiz schlittert in die Corona-Rezession. Im besten Fall wirds ein kurzer, heftiger Schock, der alles lahmlegt. Doch nur, wenn der Staat beherzt handelt – damit auf die Vollbremsung nicht die Pleitewelle folgt. Mehr dazu hier.

Superrenditen

Arg unter die Räder gekommen sind die Versicherungspapiere. Zurich Insurance verloren zeitweise 43 Prozent, Swiss Life büssten die Hälfte ihres Wertes ein, Swiss Re gaben um 55 Prozent nach. Diese Schwäche hat ihre Gründe, leidet doch diese Branche unter den tiefen Zinsen.

Es gilt, mehrere hundert Milliarden Franken möglichst ertragsstark anzulegen; ­Gelder, die künftigen Versicherungsleistungen dienen. Je weniger Ertrag daraus resultiert, desto stärker wird der Konzern selbst belastet. Dazu gesellen sich bei den Investoren Ängste vor gros­sen Schadenfällen.

Dennoch sind die Kursein­bussen übertrieben. Das lässt sich an den für 2020 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen ablesen; Zurich wird mit 9,5 und Swiss Life sowie Swiss Re mit je 7,0 bewertet – ungewohnt tiefe Kennzahlen. (Alle in dieser ­Kolumne genannten Kennzahlen basieren auf den Kursen vom 23. März.)

CEO Jan Jenisch spricht an der Bilanzmedienkonferenz des Baustoffherstellers LafargeHolcim in Zuerich, aufgeommen am Donnerstag, 27. Februar 2020. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Zu heftige Kurskorrektur: Der Lafarge-Holcim-Chef Jan Jenisch hat die für 2022 gesetzten Ziele bereits im Vorjahr erreicht.

Quelle: Keystone

Hochgeschossen sind dafür die Dividenden­renditen. Zwar befürchten viele Anleger, dass die Ausschüttungen gekürzt werden. Nicht so bei Swiss Re: Jüngst hat der Verwaltungsrat sogar eine Erhöhung beschlossen, womit die Papiere eine Superrendite von mehr als zehn Prozent bieten. Auch Zurich und Swiss Life glänzen mit Renditen von über ­sieben Prozent.

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Das Geschäft der Versicherer wird mittelfristig nicht in den Himmel wachsen, und auf den Kundengeldern drohen Werteinbussen. Doch die Big Three sind höchst solide finanziert. Nun liegt es an deren Chefs – Christian Mumenthaler (50) von Swiss Re, Patrick Frost (52) von Swiss Life und Zurich-CEO Mario Greco (60) –, das angeschlagene Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.

Zukunftsmusik

Die Aktien von Lonza haben den Crash relativ glimpflich überstanden. Das ist bemerkenswert, denn diese Valoren waren nach der jahrelangen Hausse – alleine 2019 resultierte ein Plus von 40 Prozent – anfällig auf Gewinnrealisationen. Die Aktien zählen längst zu den Börsenstars: Die einst gebeutelte Lonza hat sich zu einem dynamischen und ­ertragsstarken Unternehmen gemausert.

Heute ist der Konzern ­einer der global führenden Anbieter von Produkten (Auftragsfertigung) und Dienstleistungen für die Pharma-, Biotechnologie- und Gesundheitsindustrie. Die Aussichten sind exzellent. Vom Umsatz bleibt gut ein Viertel als Betriebsgewinn (Ebitda) hängen, langfristiges Ziel ist eine Marge von gut 30 Prozent. Viel Zukunftsmusik bergen auch neue Technologien wie Zell- und Gentherapie.

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Dem Aktienkurs einen Kick geben dürfte die von Albert Baehny (67), VR-Präsident und CEO ad interim, angekündigte Abspaltung des Geschäfts mit Spezialitätenchemie. Diese Sparte liefert schwache Resultate und hat kaum etwas gemein mit dem Hauptgeschäft. Die gelösten Mittel könnten für den Ausbau der Produktionskapazitäten sowie für Akquisitionen dienen.

Trotz der jüngsten Kurskorrektur nimmt sich das für dieses Jahr geschätzte KGV mit 23 vergleichsweise hoch aus. Angesichts der erfreulichen Aussichten von Lonza sind die Aktien dennoch attraktiv. Einzig die Dividendenrendite fällt mit 0,8 Prozent mager aus. Wobei die reinvestierten Gewinne letztendlich dem Aktienkurs zugutekommen.

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Geduld ist gefragt

Die Aktien konjunktursensitiver Unternehmen werden heute beim Crash wie heisse Kartoffeln gehandelt. Doch wer Risikofreude und Geduld aufbringt, findet in absehbarer Zeit interessante Anlagemöglichkeiten. Ich denke da an Lafarge-Holcim.

Seit Anfang Jahr sind die Aktien des ­Zementkonzerns um gegen die Hälfte eingebrochen. Und dies zu einem Zeitpunkt, da sich die von CEO Jan Jenisch (53) vor zweieinhalb Jahren verschriebene Rosskur endlich auszuzahlen beginnt. So ­fielen die Zahlen für 2019 höchst überzeugend aus. Die für 2022 gesetzten Ziele wurden bereits drei Jahre früher erreicht.

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Für das laufende Geschäftsjahr zeigte sich Jenisch optimistisch. Doch diese Einschätzung datiert von Ende Februar. Inzwischen hat sich wegen der Corona-Pandemie einiges an den Rahmenbedingungen geändert. In welchem Ausmass Lafarge-Holcim betroffen ist, lässt sich vorderhand kaum abschätzen. Doch eine Rezession wird auch das Baustoffunternehmen zu spüren ­bekommen. Da könnten einige der bislang erzielten Fortschritte wieder abgeschwächt werden.

Dennoch ist die Kurskorrektur zu heftig ausgefallen. Auf Basis des bislang geschätzten Gewinns für 2020 weisen die Aktien ein tiefes KGV von 7,6 auf. Angenommen, der Gewinn pro Aktie knickt um ein Drittel ein, sind die Valoren immer noch mit einem attraktiven KGV von 11 bewertet. So günstig kommt man kaum mehr zu den Papieren von Lafarge-Holcim. Kaum gefährdet ist die Dividende von zwei Franken, die dem Aktionär eine Rendite von 6,7 Prozent einträgt.

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Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch