Die zerstrittene Partei einen und zu alter Stärke zurückführen. Dieser Aufgabe will sich Thierry Burkart stellen. Voraussichtlich am 2. Oktober werden ihn die Delegierten zum neuen Präsidenten der FDP wählen – ausgerechnet einen der schärfsten Kritiker Petra Gössis. Anders als die abtretende Parteichefin lehnte der 46-jährige Verkehrs- und Sicherheitspolitiker das CO2-Gesetz ab und war gegen das mittlerweile gescheiterte Rahmenabkommen. Kritiker monieren, dass Burkart vom rechten Parteiflügel aus Mühe haben werde, die Partei wieder auf eine Linie zu bringen und ihr ein klares Gesicht zu verpassen.Burkart jedoch betonte bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur, er stehe für Einigung und nicht für Spaltung. Einen internen Wettstreit der besten Lösungen soll es geben. «Der Freisinn steht für konstruktive liberale Lösungen. Und die wird es auch in Zukunft brauchen, wenn wir unseren Wohlstand behalten wollen», sagt er. Antreten wird er mit einem Team, bestehend aus den heutigen Vizepräsidenten Andrea Caroni und Philippe Nantermod sowie den freisinnigen Zukunftshoffnungen Andri Silberschmidt und Johanna Gapany. Eine leichte Verjüngung: Die Parteiführung kommt damit auf ein Durchschnittsalter von 37 Jahren.
 

Die Mitstreiter

Dem designierten FDP-Präsidenten kommt aus Parteisicht eine besonders wichtige Aufgabe zu: Er muss im Herbst 2023 den gefährdeten zweiten Bundesratssitz verteidigen. Mit beiden FDP-Magistraten versteht sich Burkart bestens. Den Tessiner Ignazio Cassis etwa unterstützte er schon bei dessen Bundesratswahl 2017 tatkräftig, wie zu hören ist, und mit Karin Keller-Sutter arbeitet er etwa bei sicherheitspolitischen Fragen eng zusammen. Einen guten Austausch pflegt er in dieser Hinsicht auch über die Parteigrenze hinweg mit Verteidigungsministerin Viola Amherd. Neben der Mitte-Politikerin gibt es besonders einen Namen, der manche überraschen könnte: SP-Ständerat Daniel Jositsch. Die beiden Juristen finden etwa in der Sicherheitspolitik durchaus Überschneidungen. Burkart bezeichnet den SP-Mann als einen Politiker, mit dem man pragmatisch Kompromisse suchen könne. Gleichgesinnte findet Burkart in der neu gegründeten «Allianz Sicherheit Schweiz» – einer Art Anti-GSoA (Gruppe Schweiz ohne Armee) aus bürgerlichen Kreisen. Ob sie Burkart wie vorgesehen präsidieren wird, ist noch unklar. In gutem Austausch steht er dort besonders mit FDP-Nationalrätin Jacqueline de Quattro, dem Lega-Politiker Norman Gobbi und Mitte-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller. Wichtig in Bern ist für Burkart auch der Bündner FDP-Ständerat Martin Schmid – er war Burkarts sogenannter Götti, als dieser 2020 neu in die kleine Kammer eintrat.

Ignazio Cassis, Karin Keller-Sutter und Daniel Jositsch

Ignazio Cassis (l.), Karin Keller-Sutter und Daniel Jositsch.

Quelle: Keystone


Die Familie

Der Badener Ortsbürger ist im Juni von Baden nach Lengnau in den Bezirk Zurzach umgezogen. So ganz leicht fiel ihm der Schritt zwar nicht; immerhin behält er sein Büro in der Bäderstadt. Am neuen Wohnsitz hat er mit seiner Partnerin, die nicht in der Öffentlichkeit stehen möchte, ein Haus gekauft. Die Wahl fiel auf Lengnau, weil Burkart ihre beiden schulpflichtigen Kinder nicht aus der gewohnten Umgebung herausreissen wollte. Aufgewachsen ist er in Obersiggenthal AG mit seiner alleinerziehenden Mutter und seiner älteren Schwester. Sein älterer Bruder wurde vom Vater nach Italien mitgenommen, als Thierry Burkart drei Jahre alt war. Eine Politgrösse war bereits sein Urgrossvater Josef Burkart, der im Kanton Zug etwa als Oberrichter, Landammann und Regierungsrat amtete.

Die Karriere

Burkart wirke auf den ersten Blick wie der Prototyp eines jungdynamischen Shootingstars, schreibt die «NZZ». Im Politbetrieb jedoch ist er schon ein alter Hase. Und er hat die gesamte Ochsentour durchgemacht: Er präsidierte die Jungpartei, die Kantonalpartei, den Grossrat und wurde bei den Parlamentswahlen 2015 in den National- und im November 2019 in den Ständerat gewählt. Burkart hat diverse Präsidien inne, von denen er zumindest jenes beim Nutzfahrzeugverband Astag behalten will. Als sein politischer Ziehvater gilt Daniel Heller, ehemaliger FDP-Grossrat und Partner bei der PR-Agentur Farner. Beruflich verbunden ist er etwa mit den Anwälten Philip Funk und Markus Bill. Beide sind bei der Kanzlei Voser Rechtsanwälte in Baden tätig. Burkart schloss 2003 sein Jurastudium an der HSG ab, bekam 2010 sein Anwaltspatent und absolvierte zwischen 2010 und 2012 an der Universität Liechtenstein einen Master in Gesellschafts-, Stiftungs- und Trustrecht. Als Anwalt ist er heute auf Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht spezialisiert. Den Berufseinstieg als Anwalt fand er einst als Praktikant bei Voser, später nahm er kurzzeitig eine Abbiegung als Steuerexperte bei EY und wechselte dann zur Kanzlei Bill & Isenegger Rechtsanwälte. Vor sechs Jahren kehrte er zurück zur Kanzlei Voser.

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Die Gegenspieler

Parteiintern kam Burkarts ablehnende Haltung zum EU-Rahmenabkommen nicht bei allen gut an. Düpiert war etwa der proeuropäische Flügel um Hans-Peter Portmann, Doris Fiala, Damian Müller und Christa Markwalder. Als Präsident wird er mit ihnen Kompromisse schmieden müssen. Nötig ist das nicht nur im Europa-Dossier: Burkart, der in Umweltfragen eine Gegenposition zu Petra Gössi einnahm, hat bereits angekündigt, dass er zum Pariser Klimaabkommen stehe und beim Suchen nach effektiven Lösungen helfen wolle. Die Klingen kreuzen wird er dabei auch künftig mit Grünen-Präsidentin Regula Rytz oder mit SP-Co-Präsident Cédric Wermuth. Die beiden Aargauer traten zuletzt im Ständerats-Wahlkampf gegeneinander an.

Hans-Peter Portmann, Doris Fiala und Damian Müller

Hans-Peter Portmann (l.), Doris Fiala und Damian Müller.

Quelle: Keystone

Aargau-Connection

Burkart ist eingefleischter Aargauer. Das zeigt er zum Beispiel bei Auftritten, wenn er eine Corona-Maske mit dem Kantonswappen trägt. Der Badener hat aber auch eine lange Liste von Verbündeten in seinem Heimatkanton. Zu ihnen zählen die Regierungsräte Stephan Attiger (FDP), Jean-Pierre Gallati (SVP) und Markus Dieth (Mitte), mit denen er sich auch über die Politik hinaus gut versteht. Dieth verabschiedete Burkart im August an der Delegiertenversammlung des TCS Aargau, dessen Präsidium Burkart vor einem Jahr an seinen Nachfolger, den SVP-Grossrat Patrick Gosteli, übergab. Eine wichtige Person für den politischen Austausch im Aargau ist auch FDP-Grossrätin Sabina Freiermuth, die im Mai nach vier Jahren als kantonale Fraktionspräsidentin zur Präsidentin der FDP Aargau gewählt wurde. Enge Bande pflegt er aber auch zur Wirtschaft. Weniger mit Grosskonzernen, zu denen er immerhin eine Verbindung etwa mit Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder (ebenfalls Aargauer) hat – stärker verbunden ist er mit der KMU-Szene. Etwa mit dem langjährigen Aargauer Gewerbeverbands-Präsidenten Kurt Schmid oder den Transportunternehmern Hans-Jörg Bertschi,Nils Planzer oder Peter Galliker.

 

Stephan Attiger, Jean-Pierre Gallati und Markus Dieth

Stephan Attiger (l.), Jean-Pierre Gallati und Markus Dieth.

Quelle: Dominik Golob / PD