Gibt es Leute, die 300'000 Dollar für einen alten, speckigen Filzhut bezahlen würden? Ja, die gibt es – wenn dieser Hut von Harrison Ford getragen wurde, im Film «Indiana Jones und der Tempel des Todes» aus dem Jahr 1984.Das charakteristische Kleidungsstück des Filmhelden war eines der Prunkstücke der diesjährigen Filmrequisiten-Auktion in Los Angeles. Die Preisspanne des Originalstücks war im Vorfeld auf 150'000 bis 250'000 Dollar festgelegt worden. Es wurden dann sogar noch 50'000 Dollar mehr. Wer den Hut erworben hat, gaben die Verkäufer nicht bekannt.

Veranstalter der Auktion, die in der Szene schon fast als Pflichttermin gilt, ist Prop Store, die aus kleinen Anfängen zu einer der Drehscheiben für den Kauf und Verkauf von Filmrequisiten geworden ist. 1998 vom leidenschaftlichen Sammler Stephen Lane als Ein-Mann-Unternehmen in London gegründet, beschäftigt Prop Store heute in England und den USA mehrere Dutzend Leute.

«Als ich anfing, wunderten sich die Leute, warum ich mich für diese gebrauchten Stücke aus der Film- und Fernsehindustrie interessiere, sie dachten, ich sei verrückt. Heute ist das Sammeln von Filmrequisiten weit verbreitet und geniesst hohe Akzeptanz.»

Das Sammeln von Original-Requisiten war ausserhalb einer kleinen Gruppe von Filmfans lange kaum bekannt.

Über 1300 Gegenstände bot Prop Store vom 29. Juni bis zum 1. Juli in einer Live- und Onlineauktion in Los Angeles an, einzigartige Sammlerstücke im Gesamtwert von über sechs Millionen Dollar. Einen neuen Besitzer fanden nebst dem Hut von Indiana Jones etwa auch die Brille und der Zauberstab von Harry Potter aus «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes» (50 000 Dollar) oder die Maske, die Jim Carrey in «The Mask» von 1994 getragen hatte (30 000 Dollar). Auch die originalen Statler- und Waldorf-Muppets aus der «Muppet Show» liefen gut und gingen für 85 000 Dollar über den Tresen.

Einer der Ersten, die damit begannen, Filmrequisiten zu versteigern, war in den siebziger Jahren der ehemalige Chef der MGM-Studios, James Thomas Aubrey Jr. Doch das Sammeln von Filmrequisiten war bis vor dreissig Jahren ausserhalb einer kleinen Gruppe von spleenigen Insidern kaum bekannt. Inzwischen ist es zu einer Leidenschaft geworden, die weltweit immer mehr Anhänger findet. Auch in der Schweiz.

Frühe Leidenschaft

Wir treffen Rinaldo Somaini im Museum Altes Zeughaus in Solothurn. Hier im altehrwürdigen Museumsbau, der die grösste Sammlung von Ritterrüstungen der Schweiz und die zweitgrösste Europas beherbergt, soll vom 11.  September 2021 bis zum 18.  April 2022 eine Sonderausstellung zu Filmrequisiten stattfinden: «Props – Waffen und Rüstungen in fantastischen Filmen».

Von Somaini, Familienvater aus Fulenbach SO und hauptberuflich als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Basel tätig, stammen viele der originalen Filmgegenstände. Gerne zeigt er, was er alles dem Museum zur Verfügung gestellt hat. Eine Stuntpistole aus «Fluch der Karibik» etwa, ein Schwert und einen Helm aus «Der Herr der Ringe: Die zwei Türme» oder ein grünes Gewehr, das als Hintergrund für eine Computeranimation im Action-Fantasy-Film «Sucker Punch» von 2011 benutzt wurde.

Die Leidenschaft für originale Filmrequisiten begann bei Somaini früh. Er ist in der Schweiz geboren, aber nach der Geburt ging es nach Orlando, Florida. Sein Vater, später langjähriger CEO der Schweizer Firma Contraves Space, arbeitete schon damals in der Raumfahrtindustrie, die sich dort rund um Cape Canaveral und das Kennedy Space Center ausbreitet.

In Orlando mit seinen grossen Themenparks sei die Filmwelt omnipräsent, erklärt Somaini, und habe ihn wohl schon damals als Kind fasziniert. Wie viele Knaben sammelte er schon früh Actionfiguren aus Plastik, etwa aus den «Star Wars»-Filmen. Doch irgendwann einmal ein richtiges Stück aus dieser Welt zu besitzen – das wäre schon was.

Die Filmwelt habe ihn entsprechend nicht mehr losgelassen, so Somaini. Inzwischen Student der Rechtswissenschaften, kaufte er 2001 sein erstes Original-Requisit: ein Paddel, das beim Dreh von «Waterworld» von 1995 mit Kevin Costner verwendet wurde. Kaufpreis: 120 Franken. Er erwarb das Paddel damals von Roman Güttinger aus Zürich.

Die Preise für Filmrequisiten sind in den letzten zehn Jahren regelrecht explodiert - und sie steigen rasant weiter.

Wertvolle Hobbit-Füsse

Der gilt als Pionier der hiesigen Sammlerszene. Er betreibt eine Webpage für den Verkauf von Filmrequisiten (movieprops.ch) und hat eine bedeutende Privatsammlung. Zu deren Prunkstücken gehören etwa die Turnschuhe, die Tom Hanks in «Forrest Gump» getragen hat. Auch Güttinger hat mehrere seiner privaten Stücke für die Ausstellung in Solothurn zur Verfügung gestellt.«Die Szene in der Schweiz ist am Wachsen, aber immer noch klein, man läuft sich irgendwann über den Weg und tauscht sich aus», sagt Somaini. Gemeinsames Merkmal der meisten Sammler ist ihre grosse Leidenschaft für alles, was mit der Welt des Films zu tun hat.

Die Quellen für die Requisiten sind vielfältig. Heute werden sie zum grössten Teil von den Produktionsfirmen selber in den Handel gebracht. Aber es gibt auch Filmstars, die Gegenstände, die sie im Film gebraucht, oder Kleider, die sie getragen haben, mitnehmen und später verkaufen. Oder Komparsen, die Gegenstände vom Set einfach mitlaufen lassen. Eine wichtige Quelle sind auch Kostümverleiher, die ihre ausgeliehenen Kleider nach dem Dreh wieder zurückbekommen und dann in den Handel bringen.

Vielen ist der Wert der Gegenstände gar nicht so richtig bewusst. Grosse Teile der «Der Herr der Ringe»-Trilogie wurden in Neuseeland gedreht, für den Film wurden eigens 1400 Paar haarige Hobbit-Füsse hergestellt. Der Grossteil davon wurde, als die Filmcrew wieder abzog, in den Abfall geworfen oder geschreddert. Die wenigen Hobbit-Füsse, die diesem Schicksal entgehen konnten, werden heute für 3000 Dollar das Paar gehandelt.
Immer wieder gibt es Fälschungen. Vor allem Angebote aus dem Internet können heikel sein.

Auch Somaini hat das damals in seinen ersten Monaten der Sammelleidenschaft erfahren. Ein Zauberstab, angeblich ein Original aus einem «Harry Potter»-Film und für 150 Franken angepriesen, habe sich schnell als unecht erwiesen. «Man lernt dazu», sagt Somaini. Prop Store garantiert die Echtheit ihrer Produkte mit einem «Certificate of Authenticy» und lebenslangem Rückgaberecht, falls sich ein Produkt als falsch erweisen sollte.

Der Wert der Gegenstände wird auch nach der Art der Nutzung bestimmt. Es fängt an bei «screen-used» – der Gegenstand war Teil der Filmaufnahmen. Dann kommt «screen-seen» – der Gegenstand war im Film zu sehen. Und dann die höchste und wertvollste Kategorie, «screen-matched», wo der Gegenstand genau einer einzelnen Szene zugeordnet werden kann und etwa genau den Kratzer am richtigen Ort hat.

Das Spektrum der Käufer solcher Requisiten ist sehr breit. Es gibt leidenschaftliche Sammler, wie Somaini, Güttinger oder Lane, aber auch Investoren, welche die grossen Preissteigerungen der letzten Jahre für den lukrativen Handel nutzen. Viele Museen sind zudem auf den Trend aufgesprungen und bieten mit um prestigeträchtige Hollywoodstücke. Eine wachsende Klientel ist eine reiche Käuferschicht, die Original-Requisiten als spezielles Element der Inneneinrichtung ihres Hauses oder ihres Lofts sucht – ist eben schon cool, wenn in der Ecke eine Vitrine mit einem Original-Cape aus einem «Superman»-Film steht.

Spezielle Kleidungsstücke aus Filmen werden zudem mitunter für den persönlichen Gebrauch verkauft. Lane weiss von einer Kundin aus Mitteleuropa, die das silberne Kleid, das Claire Danes in «Stardust» («Der Sternwanderer») trug, für ihre Hochzeit gekauft hat. Und ein britischer Kunde hat ein Original-Requisit aus einem «Austin Powers»-Film, einen der schrillen Anzüge, die Mike Myers trägt, gekauft, um so an einer Sechziger-Jahre-Party in London aufzutauchen.

Eine wachsende Klientel nutzt Original-Requisiten für die Inneneinrichtung ihres Hauses oder ihres Lofts.

Lane selber besitzt eine Anzahl von Requisiten, die nicht in die Prop-Store-Verkaufskanäle gehen und Teil seiner privaten Sammlung sind. Dazu gehören der «Superman»-Anzug, den Christopher Reeve im ersten Film aus dem Jahr 1978 getragen hat, der Anzug von Jack Nicholson als Joker im «Batman»-Film von 1989 oder ein ganzes Set der fliegenden Hoverboards aus der «Back to the Future»-Trilogie aus den achtziger Jahren.

Laut Lane sind die Preise für Original-Requisiten weiter rasant am Steigen. Vor allem in den letzten zehn Jahren seien sie regelrecht explodiert. Das erwähnte «Superman»-Kostüm von Christopher Reeve etwa, gekauft für 10 000 Pfund, sei heute 150 000 Pfund wert. 2019 ging der Helm von Darth Vader aus «The Empire Strikes Back» («Das Imperium schlägt zurück») für 900 000 statt der erwarteten 500 000 Dollar über den Tresen.

Als Kultstück in Sammlerkreisen gilt das weisse Kleid von Marilyn Monroe, das so lasziv nach oben weht im Film «Das verflixte 7.  Jahr». Das Kleid befand sich fast vierzig Jahre lang in der privaten Kollektion der Schauspielerin Debbie Reynolds, bevor sie 2011 beschloss, es in einer Telefonauktion zu verkaufen. 4,6 Millionen Dollar plus 1 Million Dollar Kommission bezahlte der anonyme Käufer (siehe «Topstücke» unten).

Wen die Sammelleidenschaft packt, muss nicht gleich derart tief in die Tasche greifen. Auf der Webpage von Prop Store etwa wird ein Bajonett aus dem «Sherlock Holmes»-Film «A Game of Shadows» von Guy Ritchie für 45 Pfund angeboten oder ein Schwert aus dem Film «Kingdom of Heaven» für 295 Pfund.

Manche Sammler kaufen wild zusammen, was sie anspricht, andere konzentrieren sich, kaufen etwa möglichst viele Requisiten aus ihrem Lieblingsfilm, wie jener Sammler, der alles aufkauft was aus «Gone with the Wind» («Vom Winde verweht») auftaucht. Filme, die auch sonst auf eingeschworene Fans zählen können, wie «Star Wars», «Der Herr der Ringe» oder «Star Trek» («Raumschiff Enterprise»)» finden auch in der Szene der Requisitensammler erhöhte Beachtung.

Teurer Spass

Die Leidenschaft könne ganz schön ins Geld gehen, wenn man nicht aufpasse, sagt Rinaldo Somaini. «Meine Familie hätte wohl keine Freude, wenn ich in den Auktionen Props für 150 000 Franken ersteigern würde», sagt er schmunzelnd. Allerdings habe ihm der Verkauf von im Wert gestiegenen Requisiten auch schon schöne Zusatzeinnahmen beschert. Er finanziere mit dem gelegentlichen Handel auch den stetigen Aufbau seiner Sammlung und der Filmevents, die er mit seinem Londoner Kollegen Kit Shah organisiert.Somaini hat in seinem Haus eigens einen Kellerraum zu einem richtigen Kino umgebaut, dort stehen viele seiner Requisiten. Er hat viele persönliche Freundschaften und Kontakte durch seine Sammlertätigkeit gewonnen. So tauscht er sich regelmässig mit Royd Tolkien, Urenkel des Autors der «Der Herr der Ringe»-Bücher, aus, den er vor Jahren an einem Filmevent, den er organisiert hat, eingeladen und kennengelernt hat.

Kit Shahs Neffe Kiran Shah, mit 1,26 Meter der kleinste Stuntman der Welt und unter anderem Double der Hobbits in «Der Herr der Ringe», kennt er seit Beginn seiner Sammelleidenschaft, und es entstand eine richtige Freundschaft. Shah hat er schon gewinnen können, um bei von ihm mit Requisiten bestückten Ausstellungen persönlich aufzutreten – so auch an der kommenden Schau in Solothurn.

Spezielle Kleider aus Filmen werden mitunter auch für den persönlichen Gebrauch gekauft.

Viele Vertreter der Filmrequisiten-Szene haben sehr enge Kontakte zu Hollywood und den Produktionsfirmen. Brandon Alinger etwa, der für Prop Store das Business in Los Angeles führt, ist auch bekannt als Autor des Buches über die verwendeten Kostüme bei Star Wars («Star Wars Costumes: The Original Trilogy») und als angesehener Autor von Zeitungsartikeln über Filmproduktionen. Das hilft ihm beim Abklappern des Marktes auf der Suche nach neuen Trouvaillen.

Rinaldo Somaini glaubt, dass die Szene der Sammler weltweit weiterwachsen wird. Viele Voraussetzungen stimmen: Die Zahl der richtig seltenen Gegenstände ist knapp genug, um speziellen Requisiten einen Wert zu geben, und wächst doch weiter, sodass auch in Zukunft der Nachschub kultiger Gegenstände oder Kostüme gesichert bleiben dürfte.

Hat er selber schon ein neues Stück in Aussicht? Ja, sagt er lächelnd, für kommende Weihnachten habe er seiner Frau Melanie schon gesagt, dass doch ein Lichtschwert aus «Star Wars» mal was wäre.

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