Uff, noch mal davongekommen. Das war die Reaktion in der Branche nach dem mit Spannung erwarteten Zinsentscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom 19. September. Nicht nur sah Währungshüter Thomas Jordan davon ab, die Zinsen weiter ins Negative zu senken, den Banken wurde gar ein Zückerlein gewährt: die Strafzinsen, welche die Banken der SNB abliefern müssen, werden reduziert, indem Jordan den Freiraum erweitert. Damit liess er etwas Druck aus dem Kessel, denn der war zuletzt arg gestiegen.

Lange war es in der Branche tabu gewesen, die Nationalbank zu kritisieren, aber am Bankentag von Mitte September sprach Verbandspräsident Herbert Scheidt Klartext: Mehr als zwei Milliarden Franken würden die Banken jährlich über Negativzinsen zahlen. Das seien fünf Prozent der Gesamt­erträge der Schweizer Banken und ein «erheblicher Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich».

Sinkende Margen, steigende Kosten

Ein paar Prozent mehr oder weniger in der Kasse können heute schnell zur Existenzfrage werden. Denn der Spielraum wird immer enger, die Margen sinken, die Erträge fliessen spärlich, während die Kosten aufgrund der verstärkten Regulierung explodieren. Längst fliesst das Geld aus dem In- und Ausland nicht mehr so leicht auf die Schweizer Konten – insgesamt gingen die verwalteten Vermögen laut dem jüngst veröffentlichten Bankenbarometer im letzten Jahr um 4,8 Prozent auf 6943 Milliarden Franken zurück. Die Zahl der Jobs ist seit Jahren am Schrumpfen.

Gebeutelt ist vor allem auch die traditionelle Vorzeigebranche der Schweiz, das Private Banking. Die Zahl der Player in diesem Bereich nimmt stetig ab, besonders die kleineren Banken werfen das Handtuch (siehe «Die Kleinen verlieren» unten). Das Kosten-Ertrags-Verhältnis stieg derweil laut einer KPMG-Studie auf ein neues Allzeithoch von 83,6 Prozent.

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Auch für die Gesamtwirtschaft sind das alles wenig erfreuliche Nachrichten: Der Finanzsektor, der zwischen 1990 und 2009 für rund ein Drittel des gesamtwirtschaftlichen Wachstums verantwortlich war, trägt immer weniger bei. Heute leistet das Banking mit 9,1 Prozent einen deutlich geringeren Anteil am Bruttoinlandprodukt als noch vor zehn Jahren. Zudem findet ein verschärfter Konsolidierungsprozess statt, der die Bankenlandschaft ausdünnt und grosse Player bevorzugt. Bereits heute konzentriert sich rund die Hälfte der gesamten Bilanzsumme aller Schweizer ­Banken auf die vier grossen UBS, CS, Postfinance und ZKB.

Doch auch diese haben schon bessere Zeiten gekannt. Bankaktien gehören im laufenden Jahr zu den am schlechtesten performenden Werten, weil die Eigenkapitalrendite im Vergleich zu anderen Unternehmen klein ist (CS) oder Bussen für Unsicherheit am Markt sorgen (UBS). Allerorts müssen die Mitarbeiter die Gürtel enger schnallen. Bei der UBS führte der verschärfte Sparkurs dazu, dass sogar bei den Zimmerpflanzen gespart wird, wie Medien berichten. Ausgenommen sind allerdings die Löhne der Chefs, hoch wie eh und je: CS-Konzernchef Tidjane Thiam strich für 2018 12,7 Millionen ein, UBS-CEO Sergio Ermotti 14,1 Millionen.

Hoffen auf Digitalisierung

Ein wirklich funktionierendes Rezept für den Ausbruch aus der Misere hat bisher noch kaum einer gefunden. Ein Feld, auf dem viel gepröbelt wird, ist die Digitalisierung. Die CS etwa hat mit der Schaffung einer Einheit namens Direct Banking kürzlich ein weiteres Zeichen gesetzt, dass man hier Gas geben will: Rund eine Million ­Retailkunden sollen von der neuen Einheit betreut werden. Chef der neuen «Digitalbank» ist bezeichnenderweise kein Banker, sondern ein Computerwissenschaftler: der bisherige IT-Chef Mario Crameri.

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Renaud de Planta, Pictet Group

Renaud de Planta, Pictet Group.

Quelle: Guillaume Megevand for Pictet Group

Die besten Schweizer Banker 2019

Harte Zeiten für die Finanzbranche. Welche Banker machen ihren Job am besten? Das BILANZ-Banker-Ranking 2019, mehr dazu hier.

Die Einsicht, dass digitale Modelle in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden, ist nicht neu, nur: Wirklich disruptive ­Modelle gibt es kaum. Das zeigt die bislang doch recht ernüchternde Erfahrung aus dem Fintech-Sektor, der noch vor wenigen Jahren mit dem Anspruch angetreten war, die Welt der Banken auf den Kopf zu stellen. Bemerkenswert ist, dass gerade die erfolgreichen Beispiele aus diesem Bereich die Nähe und Kooperationen mit bestehenden Banken suchten – eher Zusammenarbeit statt Frontalangriff also.

Offen beim Thema Kryptobanken

Eine Chance ist allerdings, dass die jungen Firmen den etablierten Playern im neuen Verbund frischen Wind bringen können. Dies ist dringend nötig. Kein gutes Zeichen ist, dass bei vielen Banken die Führung älter statt jünger wird, wie die KPMG-Studie etwa für die Privatbanken zeigt. Im Verwaltungsrat stieg das Durchschnittsalter zwischen 2012 und 2018 von 59 auf 62 Jahre, in der Geschäftsleitung von 51 auf 52 Jahre. «Chefs von gestern führen die Bank von morgen», kommentierte die «Neue Zürcher Zeitung».

Immerhin zeigt sich die Schweiz in ­Sachen Regulierung offen für neue Strömungen. Diesen Sommer hat die Finanzmarktaufsicht (Finma) den ersten beiden Kryptobanken der Schweiz, Sygnum und Seba Crypto, eine Banklizenz erteilt. Hier wurde auch ein Feld geschaffen, wo sich junge Gründer und gestandene Banker gegenseitig beschnuppern können. Beim Start-up Sygnum etwa konnten bekannte Namen gewonnen werden: Ex-UBS-Chef Peter Wuffli amtet im Verwaltungsrat, Ex-Nationalbank-Präsident und BlackRock-­Vice-Chairman Philipp Hildebrand im ­Beratergremium.

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Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe 10/2019 der BILANZ.