Gegen das hier können Bundesratsbunker und Goldbarrenkeller der Schweizer Grossbanken einpacken. Denn hier sind keine Politiker unterzubringen oder Edelmetalle eingelagert, sondern schöne Dinge – Handwerkskunst vom Feinsten: Oldtimer und Neuwagen, rund 250 Exemplare der seltensten, faszinierendsten und oft tatsächlich auch schönsten Vertreter der neueren Automobilgeschichte.

Und diese unscheinbare Einstellhalle ausserhalb von Gstaad, kurz bevor die kleine Landstrasse Richtung Romandie bergan steigt, ist so etwas wie das Fort Knox des Schweizer Fahrzeugwesens – und genauso unzugänglich. Nur wer hier drin etwas stehen hat, darf sehen, was hier sonst noch alles steht. Und natürlich der, dem das hier gehört: Beat Imwinkelried.

Der Mann sieht auf den ersten flüchtigen Blick nach Banker aus. Aber der Basler hat einen ETH-Abschluss in Maschinenbau und hat zunächst bei ABB Karriere gemacht. 2003 stieg er in den Familienbetrieb ein, die Basler Grosspeter und Auto-Interleasing AG, zweitgrösster Opel-Händler der Schweiz. Er baute das Geschäft mit Leasing und Flottenkunden aus, realisierte aber bald, dass es im Volumensegment weniger auf Benzin im Blut ankommt als auf scharfes Controlling und Skaleneffekte – und das Thema Besitzerstolz für durchschnittliche Automobilisten und -innen von abnehmender Bedeutung ist. «Die kommende Generation will von A nach B gelangen, nicht unbedingt noch ein Auto besitzen», sagt Imwinkelried. Also entwickelte er sein Geschäft weiter, «von der rationalen in die emotionale Mobilität».

Ein Schnelltransporter

2015 kaufte er die Foitek-Garage in Urdorf, fokussierte das Geschäft auf die Marke Ferrari und benannte das Haus um in «B.I. Collection» – als Zeichen des persönlichen Commitments, aber auch als Hinweis auf spezielle Kompetenzen beim Betreuen von Liebhaberfahrzeugen und ganzen Sammlungen. Und so fährt er privat einen Ferrari GTC 4 Lusso – nicht jeder Ferrarista akzeptiert den Eiltransporter als legitimes Kind der Marke, «aber ich finds ein geniales Auto und liebe seine Vielseitigkeit, kann im Winter fahren, Familie und Sportgeräte mitnehmen», sagt Imwinkelried.

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Mercedes-Klassiker mit Jaguar E-Type im Showroom bei Pichler in Feutersoey. Hinten eine Sitzecke mit Bibliothek.

Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

«Im Winter» heisst auch: ins Berner Oberland fahren. Kundschaft hatte Imwinkelried schon länger aus dem Saanenland – 2019 expandierte er dann seine Firmengruppe dorthin: mit dem Kauf der Garage Pichler in Feutersoey, die so viel mehr ist als eine Mercedes-Garage. 1988 von den Brüdern Erich und Othmar Pichler gegründet, ist sie seit Jahrzehnten das Fort Knox der Sammlerfahrzeuge in der Schweiz.

Der Standort ist kein Zufall. Gstaad ist ein Eldorado internationaler Autosammler. Jedoch dröhnt hier kein Lamborghini um die Fussgängerzone herum; falls man teure Autos sieht, sind es zumeist Classic Cars. Die Oldies passen auch besser zu den sanften Hügeln und malerischen Heidiland-Strassen des Saanenlands.

Häkkinens Inventar

Im Pichler-Showroom parterre und in der ersten Etage herrscht offene Zugänglichkeit, viele Autos sind von Preisschildern flankiert. Sondermodelle von Mercedes und Porsche, Bentleys, schon dieser Fuhrpark sucht seinesgleichen. In einer Ecke parken drei Superflitzer von McLaren namens P1, Senna und Speedtail, alles Sondermodelle. Sie gehören Ex-Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen, der den Raum Gstaad gewählt hat, um seine eilige Dreifaltigkeit zu versteigern. Im Ort wird geraunt, der feierfreudige Finne habe einen Preis von zehn Millionen Euro aufgerufen.

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Die wahren Schätze lagern unter der Erde. Insgesamt 280 Plätze, «im Sommer sind weniger Fahrzeuge da als im Winter, aber grundsätzlich sind wir etwa zu 90 Prozent ausgelastet», sagt Imwinkelried. Europaweit dürfte ein Luxusauto-Lager dieser Grösse einmalig sein, schweizweit ohnehin.

Fotografieren ist bei Strafe verboten – viele Autos, die hier stehen, sind in der Szene bekannt, oft inklusive der Eigentümer. Und die wollen nicht, dass ihr Parkplatz bekannt wird; Imwinkelried entspricht diesem Wunsch natürlich. Täte er das nicht, würden viele umgehend ihre Schätzchen abholen und etwas Platz in ihren eigenen Chalets schaffen. Es soll in Gstaad und Schönried Häuser geben, deren unterirdische Garagen 20 Autostellplätze vorhalten.

Bei Pichler verteilt sich der Stauraum auf drei unterirdische Stockwerke plus eine exterritoriale Halle für voluminösere Fuhren. Die Autos seien je nach Kunde und Nutzungsfrequenz strategisch sinnvoll verteilt, lässt Imwinkelried wissen, ohne Details preiszugeben. Aber immerhin, wir dürfen, was zuvor nie erlaubt worden ist: alles anschauen.

Die erste Halle im ersten Untergeschoss: weisse Fliesen, eher moderne Autos, noch keine unbezahlbaren Raritäten – eher Sportler, Benzen und Bentleys. So stehen hier drei Exemplare vom modernen Klassiker Mercedes SLS AMG, ein Ferrari 575 Superamerica, gleich zwei Stück des Alfa Romeo 8C Competizione von 2007 – des schönsten Alfa der Neuzeit. Dazu diverse Porsche-Sondermodelle des 911 Turbo und ein «Classic» der Baureihe 997 mit dem berühmten Entenbürzel; die 250 Exemplare waren im September 2009 innert 48 Stunden verkauft. Oder einer von nur fünf roten Exemplaren des 911 GT3 RS 4.0. Oder ein GT2 auf Basis der Baureihe 993, den Markenfans als «heiligen Gral der Luftgekühlten» verehren. Diese Halle hat noch eine direkte Zufahrt, deshalb parken hier auch Fahrzeuge, die «vergleichsweise oft» für Ausfahrten abgeholt werden. In der Vorhalle warten zwei moderne SUVs von Rolls-Royce und Bentley sowie ein «Adenauer»-Mercedes 300 aus den Fünfzigern.

Je tiefer, umso teurer

Zweite Halle, eine Treppe tiefer, braune Fliesen. Hier stehen eher klassische Fahrzeuge und Teile von Sammlungen – in der Regel gehören mindestens zwei Autos demselben Besitzer. Rolls-Royces und Bentleys, ein Ford-GT-Supersportwagen, moderne Aston Martin Superleggera neben Schönheiten aus der Auto-Blütezeit der sechziger Jahre: Aston Martin DB6, diverse Jaguar E-Type, ein Mercedes 300 SL Cabrio, beflankt von mehreren «Pagoden» oder einem Ferrari 275 GTB. Einige Porsches natürlich, darunter ein 911 2.8 RSR: die Rennversion des 2.7 RS von Anfang der siebziger Jahre, also jenes ersten mit Entenbürzel, der selbst eine sündteure Rarität ist. Der RSR wurde keine 50 Mal gebaut – das heute verfügbare Angebot ist lächerlich gering. Und es geht noch ikonischer: ein 550 Spyder (in so einem kam James Dean ums Leben), ein Carrera GT (in so einem kam Paul Walker ums Leben) und ein Rennwagen deutscher Racer, noch mit den Namen beklebt, die wir nicht wiedergeben dürfen.

Doch das Allerheiligste kommt ja erst – noch weiter unten, mit einer regelrechten Tresortür versperrt. «Die Schatzkammer», sagt Imwinkelried lakonisch. Wer Autos liebt, gerät hier in Schnappatmung. Hinter der Tür steht, schummrig beleuchtet, eine Art Kutschenwagen, wie ihn Bertha Benz benutzt haben könnte. Danach weiss man bald nicht mehr, wohin man schauen soll: Nebeneinander parken vier (!) Mercedes SLR McLaren mit ihren gepfeilten Nasen – die Krönung der Zusammenarbeit der Sternträger mit den britischen Racern. Zwei Porsche-Supersportwagen 918 Spyder in grellen Gewändern, einer gelb-pink foliert, einer rot-weiss lackiert. Und von Übermarke Bugatti drei Veyron und ein Chiron, einer der Veyron gar ein Sondermodell «Black Bess», von denen nur fünf gebaut wurden. «Vier davon waren schon hier», sagt Imwinkelried wie nebenbei, und dass sich Pichler um insgesamt 15 Bugattis kümmere.

Foto: Joseph Khakshouri 29.09.20Ferrari Sammler Bea Imwinkelried bei der B.I. Collection AGZürich (ZH)

Schöne Aussichten: Speichenrad eines Ferrari Daytona, ein Stockwerk tiefer Beat Imwinkelried – ein Beauty Contest der besonderen Art.

Quelle: Joseph Khakshouri für BILANZ

Die historische Abteilung beeindruckt mit einem der ersten Strassen-Ferraris, einem 166 MM mit Vignale-Karosserie, sowie einem Ferrari 250 Short Wheel Base in dunklem Rot. Letzterer zählt mit Preisen von knapp zehn Millionen zu den begehrtesten Classic Cars überhaupt. Letztlich findet sich ein «Goldfinger»-Aston Martin DB5, der einem leibhaftigen Ex-007-Darsteller gehören soll. Wer das sein könnte, zumal der verbürgte Gstaad-Liebhaber Roger Moore schon vier Jahre tot ist – Imwinkelried lächelt nur. Schweigend.

Genauso exklusiv wie der Fuhrpark sind Werkstatt und Dienstleistungspalette. Neben Garagen für die Marken Porsche und Mercedes gibt es das Classic Center mit eigener Réception und Liften zu den Etagen der Einstellhalle. Die Mechaniker können drehen, schleifen, bohren, schweissen oder lackieren, das Räderhotel bietet Platz für 2500 Räder. «Zwei der 19 je gebauten Aston Martin DB4 Zagato sind gerade hier», sagt Imwinkelried. Auf einer Werkbank steht der Motorblock eines Ferrari 250 GTO. Service, MFK, Volltanken, die Crew kümmert sich um alles – zu erstaunlich zivilen Preisen. Der Abstellplatz kostet 300 Franken monatlich; das zugebuchte Serviceprogramm beläuft sich noch einmal auf dieselbe Summe. Will ein Kunde zwei seiner Schätzchen beim Sommerhaus in der Toskana vorfinden, erledigen die Techniker auch dies, bringen die Autos hin und wickeln Zollformalitäten ab. So etwas kostet natürlich eine Kleinigkeit mehr.

Herzstück der Kollektion

Für solchen Service sind Klienten dankbar. In Zürich laden Kunden «oft die Werkstatt-Crew zu Weihnachtsessen ein», sagt Imwinkelried. Der «klassische Kundentyp» sei weniger der Banker mit frisch befüllter Bonustüte, sondern eher «58-jährige Unternehmer».

Foto: Joseph Khakshouri 29.09.20Ferrari Sammler Bea Imwinkelried bei der B.I. Collection AGZürich (ZH)

Exponate einer Ausstellung bei Ferrari Zürich in Urdorf. Mittendrin Imwinkelrieds grauer 250 GT Lusso.

Quelle: Joseph Khakshouri für BILANZ

Bei Ferrari Zürich setzt Imwinkelried schon länger sein Konzept der «emotionalen Mobilität» um, passend dazu hat er gerade das VW-Geschäft seiner Grosspeter AG an die Amag verkauft. Eine Ausstellung in Urdorf zeigte Ferraris, die man aus Film und Fernsehen kennt, etwa einen 308, wie ihn Privatdetektiv «Magnum» pilotiert. Besucher konnten sich einen vom Hersteller gelieferten Kurzfilm mit den berühmtesten Filmauftritten seiner Autos anschauen. Zwischen den Exponaten parkte ein wunderschöner 250 GT Lusso in «Grigio Ferro» – der Zwölfzylinder gehört Imwinkelried selbst, ist das Herzstück der entstehenden «B.I. Collection». Und, sagt er entschieden, «nicht zu verkaufen».

Wie viele Autos die Collection bereits umfasst, will er nicht sagen. Klar ist, dass ein sehr gelber Hypercar «LaFerrari» dazugehört. Der sei aber zu verkaufen, sagt Imwinkelried. Er hat Gemälde für die Sammlung erworben, zudem einen Motorblock künstlerisch aufbereiten und im Showroom aufstellen lassen. Sein Ziel: «Wir wollen ein Begegnungsort sein» und «wegkommen von der Idee, dass jeder Besucher hier ein Käufer sein muss». Es gehe um Treffen von Gleichgesinnten, um «Community Building».

Da dürften sich noch zahlreiche Synergien ergeben zwischen Pichler und Ferrari, zwischen Feutersoey und Urdorf – und tatsächlich möchte Beat Imwinkelried die Angebotspalette von Pichler künftig auch nach Zürich holen: «Ich suche hier nach einem passenden Standort.»

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Stimmungsvolle Fotos und Dokumente aus alten Zeiten: Künftig sollen Imwinkelrieds Autohäuser Stätten der Begegnung für Enthusiasten werden. Das Ambiente passt!

Quelle: Lorenz Richard für BILANZ