Die Muotathaler Wetterschmöcker sagen ja einen schneereichen Winter voraus. Die hauptamtlichen Meteorologen sind sich noch nicht einig. Egal, Anfang November war es noch so warm und sonnig, dass ich spontan eine Anfrage von McLaren bejahte. McLaren weckt ja wie kein anderer Autobauer Gedanken an den Geruch von Sprit und verbranntem Reifengummi, an Vollgas und Rennstrecke – die Marke steht für Racing, nicht für Serienfahrzeuge.

Und so trug es sich zu, dass ich in einen 720 S Spider stieg. «Spider» heisst, dass man sich einen Schal um den Hals wickelt, obwohl noch Sommerreifen montiert sind, und sich nach dem Einsteigen wundert, wie es der lächerlich niedrigen Frontscheibe gelingt, dass der Wind tatsächlich den Kopf überqueren muss. Hätte ich allerdings nicht dieses lächerlich teure Haargel, meine Frisur wäre nach der Fahrt eher stromlinienförmig herausgekommen. Cabrio mit 720 Pferden unter der Haube (von «unterm Blech» kann man angesichts der verschwenderisch verbauten Kohlefaser nicht sprechen), so hat wohl Martin Suter seine Signature-Optik entwickelt.

Antrieb: 4-Liter-V8-Twinturbo-Benziner

Verbrauch: 12,2 Liter Super Plus

Leistung: 720 PS (530 kW)

0–100 km/h: 2,9 s

Vmax: 341 km/h (geschlossen)

Preis: ab 317'420 Franken

Der 720 S ist eine kurze, sehr breite Flunder, der Testwagen kam mit englischem Kennzeichen und in «volcano yellow» – einem Gelb, wie es gelber nicht sein könnte. Ich erspare Ihnen hier aber ausnahmsweise die Schilderung belustigter bis bewundernder Blicke bei meinem Ausflug ins unterste Zürcher Unterland.

Was sich auf den gewundenen Strässchen aber schnell zeigt: Der McLaren ist eine Fahrmaschine wie wenige andere. Man sitzt gefühlt auf dem Asphalt und nur knapp hinter der Vorderachse, die Front lenkt zentimetergenau dorthin ein, wo der Fahrer seinen Blick hinführt. Die Bremsen verzögern gigantisch. Schnelles Fahren gelingt genauso einfach wie der morgendliche Trip zum Bäcker fürs frische Gipfeli.

Innen gibt sich der Brite puristisch, edel eingerichtet, aber eben nicht luxuriös – genauso funktional wie die Karosserie. Für viel Abtrieb, Halt in der Kurve und geringen Luftwiderstand optimiert, ist den Briten dennoch, oder besser: gerade deshalb, ein dramatisch schönes Auto gelungen; Sahnestück ist die Front, die mit ihren Leuchten an eine sprungbereite Echse erinnert – falls es so etwas gibt. Unser Redaktions-Zoologe war aktuell leider nicht ansprechbar.

Das Ansprechverhalten des Gaspedals kann ich dagegen uneingeschränkt loben. Die ersten Male Vollgas gleichen einer Mutprobe, geschlossen schafft der Mittelmotor 341 km/h, offen noch knapp akzeptable 325. Wer da vergisst, dass sich das Dach nur bis Tempo 50 schliessen lässt, holt sich vorher besser eine Flasche von meinem Haargel.

Dirk Ruschmann fährt seit 25 Jahren Auto. Er schreibt über Unternehmen, Manager, Autos und andere bewegliche Teile.