Herr Ehrhardt, ist das Kursniveau an den Börsen an­gesichts der steigenden Covid-19-Infektionen gerechtfertigt?
Kurzfristig bremst die Verbreitung des Virus. Noch mehr beunruhigt mich der Optimismus. US-Fondsmanager sind wieder voll investiert – vor einem guten Monat waren es noch 60 Prozent. Es gibt eine Reihe von Indikatoren, die recht viel Optimismus ausstrahlen. Es mangelt nicht an Empfehlungen für Aktien und Edel­metalle. Wenn allgemeiner Konsens herrscht, stimmt meistens etwas nicht, dann ist kurzfristig Vorsicht angebracht.

Wie sieht Ihre Prognose auf längere Frist aus?
Mittelfristig bin ich für die Börsen positiv gestimmt und rechne mit neuen Höchstständen. Die Zinsen sind tief, und die Nachrichten dürften wieder besser werden. Die monetären Einflüsse wirken am stärksten. Solange sich die ­Notenbanken unbegrenzt verschulden können, ist kein Crash in Sicht. Auch wenn das angesichts der ­Gewinnrückgänge etwas ­deplatziert wirkt, lasse ich mich von meinem Optimismus nicht abbringen.

Jens Ehrhardt

Jens Ehrhardt ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital aus Pullach in Deutschland, die 13,4 Milliarden Euro verwaltet.

Quelle: ZVG
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Was würde Ihre Stimmung dämpfen?
Gäbe es trotz der starken Stimulus-Massnahmen einen Konjunktur­einbruch, müssten wir uns warm ­anziehen. Dann gäbe es eine Wirtschaftskrise wie in den 1920er Jahren hoch drei. Diese könnte man nur mit US Treasuries halbwegs unbeschadet überleben. Aber ein solch düsteres Szenario erwarte ich nicht. Die vielen Impulse der Notenbanken und Regierungen müssten die ­Konjunktur nächstes Jahr in Schwung bringen.

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Was passiert, wenn es global zu einer zweiten Runde von Shutdowns kommt?
Im März habe ich eine positive Prognose abgegeben. Da sagte ich aber, es dürfe keinen zweiten Shutdown geben. Sicher würde sich eine zweite Runde negativ auf die Wirtschaft auswirken. Aber das positive Szenario wäre auch dann nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. In der Realwirtschaft würde man dann etwa Bauarbeiten nach hinten verschieben. Für die Börse wären in so einem Szenario Rückschläge wahrscheinlich, aber nur vorübergehend.

Zu welchen Anlagen raten Sie jetzt?
Obligationen sind nur sinnvoll, wenn die Konjunktur stark einbricht. In jedem anderen Fall sind Aktien die bessere Alternative. Dividendenzahler wie Versorger sind zwar langweilig, bringen aber die Schwankungen aus dem ­Depot. Auch Gold macht trotz der aktuellen Überinvestitionen als Anlage Sinn.

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