Ein Geständnis vorab: Ich komme aus der Arbeiterklasse. Keine Banker und keine bourgeoisen Fabrikbesitzer in der Ahnentafel, zumindest sind mir keine bekannt. Wenn Geld da gewesen wäre, wüsste ichs. Und so fällt mir bis heute auf, wenn ich in Testautos neugierig bestaunt werde.

Die Aufmerksamkeit gilt natürlich dem Auto, klar, nicht meinem römisch geschnittenen Gesicht. Aber dann eben auch dem Fahrer: Wer fährt so was? Passt das? Wie kann der sich das leisten? Und würde ich mit ihm (oder ihr, in meinem Fall aber ihm) gern tauschen, oder macht der sich zum Keks in der Karre?

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Ein mattschwarz lackierter Rolls-Royce-Zweitürer ist nun so ziemlich das auffälligste Auto, in dem ich je durch die Schweiz gefahren bin. Keine Chauffeurlimousine, sondern ein Fahrerauto.

Mit graziös flies­sender Dachlinie, die in einem monströsen Heck endet – der Wraith streckt seinen nicht enden wollenden hinteren Überhang nach draussen wie Jennifer Lopez, ein würdiger Abschluss hinter dem schrankwandähnlichen Kühler, der satte 5 Meter und 30 Zentimeter entfernt ist. Das schafft Platz für die nahezu zweieinhalb Tonnen Lebendgewicht.

Durchaus agil

Das Ganze fährt sich erstaunlich problemlos, durchaus auch agil. Zwar liebt der Wraith Geraden mehr als ­Kurven, aber es stellt sich nie jenes Gefühl ein, das man von anderen Strassenkreuzern kennt, man steuere ein Containerschiff.

Allerdings sollte man enge Gassen mit Bordsteinen meiden, denn von Übersichtlichkeit kann keine Rede sein. Aber es ist den BMW-gesteuerten Briten tatsächlich gelungen, ihr typisches Fahrgefühl eines schwebenden Teppichs auch ihrer, na ja, Sportversion einzupflanzen.

Natürlich braucht ein Rolls-Royce seine Marotten. So sind die Türen hinten angeschlagen, was immerhin beim Ein- und Aussteigen in engen Parklücken hilft.

Die Kühlerfigur «Emily» lässt sich elektrisch versenken.

Das Lenkrad ist gross und dünn statt klein und stark gepolstert wie bei Coupés üblich. Dazu passt, dass es keine Sportfahrstufe gibt, auch keine Chance, von Hand zu schalten. Aber was solls – es ist ein Rolls.

Rolls-Royce Wraith Black Badge

In einem Rolls gilt es von Hand zu schalten.

Quelle: PD

Daumen gehen nach oben

Aber was ich erzählen wollte: Ich hätte Neid und Missgunst erwartet, aber das Auto findet ausschliesslich ­Bewunderer. Augenpaare folgen, Daumen recken sich in die Luft.

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Also fahre ich ins Toggenburg, viel ländlicher geht es kaum. Als ich in Wattwil am Zebrastreifen für einen schlaksigen Jungen bremse, den ich der Corvette-Fraktion zugeordnet hätte, mustert er den Wraith, dann mich, fängt schliesslich an zu strahlen wie ein Weihnachtsbaum.

Das wärmt mein Herz: Wir Arbeiterkinder haben vielleicht kein Geld, aber Geschmack.

Rolls-Royce Wraith Black Badge

Antrieb: 6,6-Liter- V12-Biturbo-Benziner
Verbrauch: 16,1 Liter Super Plus
Leistung: 632 PS (465 kW)
0–100 km/h: in 4,5 s
Vmax: 250 km/h ­(abgeregelt)
Preis: ab 397 700 Fr.