Egal ob mobiles Arbeiten, Videokonferenz oder E-Commerce-Boom: Gemeinhin gilt die Pandemie als grosser Digitalisierer. Schaut man jedoch genauer hin, hat sich in vielen Unternehmen kaum Fundamentales verändert. «Corona hatte weitaus weniger Wirkung auf die digitale Transformation, als man annimmt», sagt Marco Brogini, CEO des Berner Beratungsunternehmens Valion. «Viele Unternehmen haben zwar Laptops für ihre Mitarbeitenden angeschafft sowie Videokonferenzen und neue Office-Tools eingerichtet, die tiefgreifenden Konzepte zur digitalen Transformation wurden jedoch abgebremst.»

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Die Pandemie habe notgedrungen den Fokus verschoben – von strategischen Themen aufs operative Geschäft. «Viele Firmen experimentieren heute weniger.» Gelitten hat laut Brogini besonders die firmenübergreifende Zusammenarbeit. «Um in der digitalen Welt jedoch das beste Angebot zu haben, braucht es gezielte Kooperationen», sagt er. Kaum eine Organisation könne sämtliche digitalen Angebote im eigenen Haus erarbeiten. Deshalb seien sie auf ein partnerschaftliches Netz angewiesen, ein sogenanntes digitales Ökosystem, das oft branchenübergreifend funktioniert.

Gerade im letzten Jahr wurde jedoch der Aufbau solcher Ökosysteme verschlafen, wie eine von Valion durchgeführte Befragung unter den 300 grössten Unternehmen der Schweiz zeigt. «Die Mehrheit der grossen Firmen verfügt noch über keine ausgereifte Vision, wie sie digitale Ökosysteme aufbauen wollen», sagt Brogini. Obwohl die Firmen zwar von der Bedeutung solcher Ökosysteme überzeugt sind, nehmen sie eine abwartende Stellung ein. Mehr als 80 Prozent der IT-Investitionen fliessen in Digitalisierungsprojekte ohne transformativen Charakter.

Das Bewusstsein über die Wichtigkeit einer tiefgreifenden digitalen Transformation ist jedoch gestiegen. «Generell hat während der Corona-Pandemie der Glaube an die Möglichkeiten der Digitalisierung zugenommen», bestätigt Urs Güttinger, CTO der Zuger Bossard Group. Entscheidend für den Erfolg in Sachen Digitalisierung sei etwa eine Durchdringung über alle Hierarchieebenen hinweg. So hat Bossard dieses Jahr ihren Verwaltungsrat mit den Digitalexperten Petra Maria Ehmann (Google) und Marcel Keller (Vorwerk) verstärkt.
 

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Die digitale Transformation im Unternehmen vorantreiben will auch Sandra Banholzer, CEO des Pflegeprodukteherstellers Rausch. «Wir haben in gewissen Bereichen noch nicht den gewünschten digitalen Fitnessgrad erreicht», sagt sie. Zwar seien die Möglichkeiten in ihrer Branche limitiert, weil Kunden die Produkte noch immer am liebsten haptisch erfahren. «Potenzial sehe ich aber in der Gestaltung von digitalen Touchpoints mit anderen Anbietern, die für echte, natürliche Schönheit, Naturverbundenheit und Hochwertigkeit von Produkten einstehen», sagt Banholzer.

Nachholbedarf gibt es auch in der Versicherungsbranche. «Wir haben grösstenteils an Bewährtem herumgeschraubt», sagt KPT-CEO Reto Egloff. Weil dies jedoch generell auf Organisationen der Krankenversicherungsbranche zutreffe, habe dies die Wettbewerbssituation der KPT bisher nicht beeinflusst.

«Punktuelle Innovationen haben bessere Erfolgsaussichten»

Eine spannende Ausnahme ist für Egloff die Ende Februar lancierte Applikation «DoktorChat», mit der KPT-Kunden mit den Ärzten via WhatsApp oder SMS chatten können, statt gleich eine Praxis aufsuchen zu müssen. Laut Reto Egloff sollten punkto digitaler Transformation gezielt Fokusprojekte anvisiert und nicht unerreichbare Erwartungen für Grossprojekte geweckt werden.

«Punktuelle Innovationen, die in Form von Pilotvorhaben schrittweise gestartet werden, haben bessere Erfolgsaussichten», sagt Egloff. Wenn man nur begrenzt «Teig» habe, sollte man bescheidene, dafür aber schmackhafte Brötchen backen.