Es ist eine der besten Rollen, die Leonardo DiCaprio gespielt hat. Er gibt den Aktienhändler Jordan Belfort. Belfort gründet seine Trading-Firma, hinter ihm ein Rudel von ergebenen Mitarbeitern, die ihm blind folgen, auch ins Verderben. Belfort ist gierig, unersättlich, verschlagen und skrupellos. Man nennt ihn «The Wolf of Wall Street».

Wenn es um negative Eigenschaften geht, eignet sich kein Tier besser als der Wolf. Er ist die ideale Metapher des Bösen auf dieser Welt – Rotkäppchen und die sieben Geisslein lassen grüssen. Der schlechte Ruf hat mit der westlichen Religion zu tun. Jesus ist der gute Hirte, der die Herde seiner Schafe zusammenhält. Der geborene Feind der Schafe ist der Wolf.

Ausserhalb des Christentums hat der Wolf eine bessere Reputation. Romulus und Remus beispielsweise, in der Mythologie die Gründer des antiken Rom, wurden von einer Wölfin grossgezogen.

In der Wahrnehmung sehr umstritten

Es gibt denn kaum ein Lebewesen, das in der Wahrnehmung derart umstritten ist. Aktuell ­erleben wir das in der Debatte um das neue Jagd­gesetz. Die hitzige Diskussion dreht sich fast ausschliesslich um die Frage, ob der Wolf künftig häufiger vor die Flinte gerate oder, wie bisher, unbedingten Schutz geniesse. Es geht in der ­Debatte allerdings um eine minime Minderheit. Nur etwa achtzig Wölfe leben in der Schweiz, die meisten ­davon im Wallis und in Graubünden.

Der kontroverse Wolf ist natürlich auch in der Wirtschaft ein guter Gast. Nick Hayek, der Chef der Swatch Group, wird dann zum «Leitwolf der Unternehmer» und Warren Buffett zum «Leitwolf der Investoren».

Und natürlich hat auch jeder überzeugte Sozialist die Parabel vom «wölfischen Kapitalismus» im Repertoire, wobei der wölfische Kapitalismus von gierigen Unternehmern ausgeübt wird, die dazu ein «wölfisches Grinsen» aufgesetzt haben.

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Sozial vorbildlich

Wir können Entwarnung geben. Wölfe sind, entgegen ­ihrem angeschlagenen Ruf, ein Muster an vorbildlichem ­Sozialverhalten.

Ein Wolfsrudel, meist etwa sechs bis zehn Köpfe stark, ­besteht aus dem Elternpaar und seinen Nachkommen. Es gibt bei Wölfen keine Seitensprünge, sie leben lebenslang in einer monogamen Partnerschaft. Wenn der Jungwolf ein bis zwei Jahre alt ist, verlässt er das Rudel und gründet eine eigene ­Familie mit einer Madame Wolf, mit der er dann ebenfalls für immer zusammenbleibt.

Ähnlich überraschend ist auch die Sozialstruktur einer Wolfsgruppe. Es gibt im Rudel keinen Leitwolf, der die Truppe dirigiert. Das dominierende Alpha-Tier ist ein Irrtum frü­herer Zoologen, die das Verhalten von Wölfen im Zoo studierten. In Gefangenschaft jedoch sind Tiere oft verhaltensgestört, und es lassen sich darum keine Rückschlüsse auf das wirkliche ­Leben ziehen.

Den Leitwolf gibt es nicht

In freier Wildbahn hingegen zeichnet sich ein Wolfsrudel durch eine enorm flache Hier­archie aus. Es ist eine Art genossenschaftliches Modell, in welchem es keinen mächtigen Chef braucht. Sämtliche anfallenden Aufgaben, von der Nahrungssuche über die territoriale Ver­teidigung bis zur Erziehung des Nachwuchses, werden gemeinsam angegangen. Einen Leitwolf, wie aus dem Film, gibt es nicht.

In der neueren Managementliteratur sind nach dieser ­Erkenntnis die Wölfe plötzlich zu Vorbildern geworden. Sie ­stehen für Partizipation statt Hierarchie, für Delegation statt Zentralisierung, für Teamgeist statt Egotrip.

Leonardo DiCaprio, alias Jordan Belfort, mag an der Wall Street darum vieles gewesen sein. Ein Wolf war er nicht.

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