Echt jetzt? Andreas Schmid? Hat der nicht schon genug zu tun? Ein Raunen ging durch Schweizer Industriekreise, als bekannt wurde, dass der Verwaltungsrat des Backwarenkonzerns Aryzta just Schmid am 16. September in die Kampfwahl ums Präsidium schicken will. Zehn Mandate hat der 62-Jährige schon, auch in Verwaltungsräten von Firmen, die derzeit wegen Corona in besonders schwieriger Lage sind, wie der Flughafen Zürich oder der Airline-Caterer Gategroup.

Nun wirft er sich auch noch in den Kampf beim seit Jahren in Dauerkrise verharrenden Gipfeli-Hersteller, wo derzeit zwischen Verwaltungsrat und angriffigen Grossaktionären ein Seilziehen stattfindet. 

Unter Beschuss genommen wurde die bestehende Aryzta-Führung von der aktivistischen Gruppe rund um die Beteiligungsgesellschaften Veraison und Cobas, die eigene Leute portieren wollen und dem bestehenden Präsidenten Gary McGann das Messer an den Hals ­gesetzt haben.

Wo Schmid ist, ist oft auch Zoff

Es sei genau dieses Umfeld, das Andreas Schmid liebe, sagen Vertraute. «Konfliktträchtige Mandate sucht er regelrecht, er blüht dann richtig auf», urteilt einer, der seit Jahren eng mit ihm auf Verwaltungsratsebene zusammenarbeitet. In der Tat: Wo Schmid ist, ist oft auch Zoff.

Bei Gategroup etwa, wo er bis 2016 Präsident war, kreuzte er die Klingen mit einem anderen aktivistischen Investor, Rudolf Bohli von RBR, der ihn rausdrängen wollte. Die Pläne von Bohli gingen nicht auf, doch dass der bedrängte Schmid den Konzern dann an die Chinesen verkaufte, wird ihm bis heute vorge­worfen.

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Hedgefonds-Manager Rudolf Bohli, posiert am 31.10.2017 in Kuesnacht fuer ein Portrait. . (KEYSTONE/Samuel Schalch)

Mit dem Hedgefondsmanager Rudolf Bohli kreuzte Schmid bei Gategroup die Klingen.

Quelle: Keystone

Beim Reiseunternehmen Kuoni lieferte er sich 2006 einen Machtkampf mit CEO Armin Meier, der ihm vorwarf, hinter seinem Rücken Verkaufs­gespräche zu führen. Beim Zigarrenkonzern Oettinger Davidoff gab es Friktionen mit Familienaktionären, beim Tribünenbauer Nüssli mit einem Grossaktionär.

Jetzt heisst sein Gegenspieler Gregor Greber, der mit seiner Veraison schon manche Schweizer Firma unter Druck gesetzt hat. Die Gruppe um Greber portiert anstelle von Schmid einen Branchenmann: Urs Jordi, gelernter Bäcker und ehemals Chef beim Gipfeli-Konzern Hiestand. Aus Industriesicht eine naheliegende Lösung, denn der Mann hat im Gegensatz zu Schmid fundiertes Branchenwissen.

Gregor Greber

Gregor Greber greift mit seiner Veraison das bestehende Aryzta-Management an.

Quelle: Joel Hunn für BILANZ

Lieblingsfeinde: aktivistische Investoren

Schmid gibt sich nichtsdestotrotz selbstbewusst. Als ehemaliger Chef des Markenartikelgeschäfts von Mövenpick und langjähriger CEO und Präsident des Schokoladen­herstellers Barry Callebaut habe er viel Erfahrung in der Lebensmittelindustrie, durch Gategroup zudem Einblick ins auch für Aryzta wichtige Business-to-Business-Geschäft.

Der Verwaltungs­rat habe zudem eine Person mit ­internationaler Erfahrung gesucht, sagt Schmid. Die Fronten sind abgesteckt, denn die Gegenseite hält an ihrem Kandidaten fest. Die Voraussetzungen für eine Annäherung sind nicht günstig, denn aktivistische Investoren gelten als Lieblingsfeinde von Schmid.

«Mir ist die unternehmerische Weiterentwicklung einer Firma wichtig», betont Schmid. «Ich habe eine tiefe Aversion gegen Leute, die reinkommen, schnell Geld machen und verschwinden.» Investoren, die vor allem auf den kurzfristigen ­Gewinn aus sind, seien Gift für ein Unternehmen und würden es oft fundamental gefährden.

Konsequent ist er allerdings nicht, denn er hat selber auch schon dieses Bild verkörpert: Der von ihm gepushte Verkauf von Gategroup an die chinesische HNA steigerte den Wert seiner eigenen 247 067 Aktien auf über 13 Millionen Franken.

Die Nominierung von Jordi deutet zudem nicht auf eine Hauruck­lösung hin. Denn der Ex-Hiestand-Chef macht vor allem dann Sinn, wenn man die Firma operativ wieder in Schuss bringen will. Dem bestehenden Verwaltungsrat unter McGann indes wurde nachgesagt, er suche für die Firma dringend einen Käufer – bisher allerdings vergebens. «Ein schneller Verkauf steht nicht im Vordergrund», sagt Schmid, «wir wollen die Firma unternehmerisch stärken.»

Urs Jordi

Der Ex-Hiestand-Chef Urs Jordi wird von den Aktivisten portiert.

Quelle: ZVG

Im Fall seiner Wahl werde er tun, was er immer tue: sich detailliert ein Bild verschaffen, auch in inten­siven Erörterungen mit allen Schlüsselpersonen, und dann, wenn der Plan einmal stehe, konsequent daran festhalten. Das habe er auch durchs Militär gelernt: «Ich halte nichts davon, den eingeschlagenen Weg alle fünf Minuten wieder neu zu diskutieren.» Er mache sich jeweils einen Schlachtplan, erzählen Vertraute. «Einen Schlachtplan würde ich es nicht nennen, aber ich habe meist klare Vorstellungen und gehe damit auf die Leute zu.»

Zackige Auftritte und trotz Streitlust wenig verbissen

Schmid machte Karriere im Generalstab, heute wirkt er im Auftritt oft zackig. Er werde auch immer wieder laut, sagen Leute, die viel mit ihm zu tun haben. Andererseits habe er auch eine einnehmende Art, gilt als Genussmensch und sei trotz aller Streitlust wenig verbissen. Nach ganz oben im Schweizer Wirtschafts-Establishment hat er es allerdings nie geschafft, trotz mächtiger Fürsprecher, vor allem aus dem FDP-Umkreis.

Er war gesetzt bei Econo­miesuisse, dem Dach­verband der Schweizer Wirtschaft, doch dann kam der Kuoni-Skandal, und die Sache platzte. Die Pläne, die der ehemalige CS- und heutige Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz hegte, nämlich ihn in den Verwaltungsrat der Grossbank zu holen, wurden nie verwirklicht.

«Ich denke, für typischerweise stark hierarchisierte und regulierte Grossunternehmen bin ich nicht der richtige Mann, das entspricht weniger meinem Temperament.» Er sei einer, der gerne etwas bewege. Aus diesem Grund bevorzuge er auch die Präsidentenaufgabe, wo man viel stärker wirken könne. Dass er sich zu viel auflade, werde ihm oft vorgehalten, doch er arbeite gerne und viel und könne auch gut Prio­ritäten setzen.

Rund 30 Millionen Franken verdient

Verdient hat er mit seinem Sammelsurium von Mandaten in den letzten zwanzig Jahren schätzungsweise rund 30 Millionen Franken. Allein beim Flughafen Zürich, wo er Präsident ist, gab es für 2019 rund 440'000 Franken. Dass er sich dort seit nunmehr zwei Jahrzehnten an seinen Posten klammert, spricht nicht für ihn, denn derart lange Amtszeiten entsprechen nicht moderner Corporate Governance. Fürs Aryzta-Präsidium kämen jährlich nochmals 323'000 Franken dazu.

Die nächste Etappe ist die an­stehende ausserordentliche GV. Bis dahin gebe es noch intensive Gespräche des bestehenden Managements mit den gros­sen unabhängigen Stimmrechtsvertretern. Bereits angekündigt, dass sie Schmid unterstützen werde, hat die amerikanische ISS. Auch mit den Vertretern von Veraison und Cobas habe er schon ein Treffen gehabt, auf persönlichen Wunsch.

Wie ist es ausgegangen? Für einmal gibt sich Schmid ganz diplomatisch: «Wir ­haben uns gegenseitig aufmerksam zugehört. Es wäre natürlich schon das Ziel, dass sich die Situation wieder entkrampfen kann. Mal sehen, wie sich die Sache entwickelt.»

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