1. Home
  2. Blogs
  3. Bits & Coins
  4. Bitcoin-Boom: Schluss mit den Superlativen

Blockchain
Schluss mit den Bitcoin-Superlativen

Die Zukunft von Blockchains ist noch auf Jahre hinaus offen.
Wie Blockchains den Alltag verändern, zeigt sich erst in Jahren.Quelle: Fotolia

Trotz Bitcoin-Fieber: Es wird noch Jahre dauern, bis Blockchains unseren Alltag im Hintergrund prägen. Kein Grund zur Panik.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 22.12.2017

Bitcoin! Bitcoin! Bitcoin! Man mag es nicht mehr hören. Jeder Bankenchef sieht sich inzwischen bemüssigt, das Phänomen zu kommentieren. Politiker sowieso. «Ausser Kontrolle», «gefährlich», «die Rettung». Superlative sind en vogue, in Tiraden wie in Lobreden. Der Zirkus nimmt groteske Züge an.

Kaum je erwähnen die flotten Redner und Schreiber, warum ein solch globales Phänomen überhaupt entstehen konnte. Doch keine Hysterie schafft aus der Welt, dass da eine Technologie entstanden ist, welche den Umgang mit Daten – zum Beispiel mit Kontoständen – neu regelt. Die Technologie bewirkt eigentlich etwas sehr Banales. Sie schafft Gewissheit: «Ich weiss, dass das, was ich sehe, auch das ist, was du siehst.» Keine Missverständnisse, keine Verfälschungen – schlicht Gewissheit. Dieses Prinzip ist das ganze Geheimnis hinter dem Blockchain-Boom.

Tausende Computer parallel bei Bitcoin und Ethereum

Was nach erkenntnistheoretischem Blödsinn klingt, hat in den Niederungen des geschäftlichen Alltags beträchtliche Sprengkraft. Dort ist alles Wichtige in Datenbanken abgelegt. Zum Beispiel Eigentumsrechte, Kontostände, finanzielle Sicherheiten. Bisher brauchte es Notare für Beglaubigungen, Buchprüfer zur Kontrolle, Banken als Vermittler. Das funktioniert zwar leidlich gut, ist aber teuer. Und in Extremsituationen kann es in komplexen Gebilden gar zu Problemen führen: So wussten während der Finanzkrise Investoren plötzlich nicht mehr, wer ihre Aktien aufbewahrt. Jede Bank misstraute der anderen.

Wenn nun alle Akteure dank Blockchains ohnehin wissen, was Sache ist und was gilt, nimmt das Potenzial für Streitereien und Betrug ab – und die Effizienz zu. Das ist echter Fortschritt. Natürlich braucht es auch in der neuen Welt der Blockchains jemanden, der die Garantie für die Korrektheit der Daten abgibt. Das können Tausende Computer global verteilt in gemeinsamer Arbeit übernehmen wie bei den öffentlichen Blockchains von Bitcoin oder Ethereum. Oder aber staatliche Autoritäten gemeinsam mit Banken, wie es das Projekt Corda vorschlägt. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Was sich in Gesellschaft und Wirtschaft durchsetzen wird, ist offen. Wir stehen in jedem Fall vor einem spannenden Wettbewerb, bei dem viel auf dem Spiel steht. Deshalb wird es politische Debatten geben und verdecktes Lobbying.

Spiel noch nicht entschieden

Bitcoin hat vorgemacht, dass in Geldfragen durchaus ein Bedürfnis bestehen könnte, diese Garantiefunktion nicht einer einzelnen mächtigen Institution zu überlassen, sondern auf viele Schultern zu verteilen. Dieses Bedürfnis ist andernorts grösser als in der stabilen Schweiz. Umso mehr täte hierzulande etwas mehr Nüchternheit gut.

Anzeige