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«Die Schweiz sollte auf Blockchains setzen»

Daniel Gasteiger, Nexussquared: Setzt sich Blockchains ein.   zvg

Im Innovationspark in Dübendorf soll ein Blockchain-Zentrum entstehen. Promotor Daniel Gasteiger erklärt, was Blockchains mit der Schweiz zu tun haben.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 15.12.2016

Seit einer Woche ist klar: Der Innovationspark in Dübendorf kommt tatsächlich. Ab nächsten Sommer sollen auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes drei Projekte starten. Eines davon dreht sich um die Technologie, die hinter Bitcoin steckt – die sogenannte Blockchain-Technologie.

Ziel dieses Projekts mit Namen «Trust Square» ist es, ein gesamtschweizerisches Blockchain-Forschungs- und Innovationszentrum mit internationaler Ausstrahlungskraft aufzubauen. Geistiger Vater ist Daniel Gasteiger, Mitgründer von Nexussquared. Hier erklärt er, warum die Schweiz nun handeln sollte.

Herr Gasteiger, Sie haben drei Sätze, um zu erklären, was eine Blockchain ist und warum das bedeutsam ist. Schafft man das?

Vielleicht brauche ich noch einen Joker-Satz: Im Grunde genommen ist eine Blockchain eine öffentlich einsehbare, auf tausenden Computern verteilte Datenbank, deren Inhalt permanent untereinander abgeglichen wird. Die Transaktionen in dieser Datenbank werden von der dahinterstehenden Software periodisch zu einem Block zusammengefasst und mit dem vorherigen Block kryptographisch verknüpft. Es entsteht eine Block-Kette, die «Blockchain», deren historischer Inhalt dank dieser Verknüpfung nie mehr verändert werden kann. Dies ist bedeutsam, weil dadurch zum ersten Mal vollständig vertrauenswürdige Online-Transaktionen zwischen einander unbekannten Parteien möglich werden, ohne dass dafür klassische Vermittler, wie etwa Banken oder Notare, nötig sind.

Das Konkrete zuerst: Was soll denn tatsächlich auf dem ehemaligen Flugplatz stattfinden?

Wir planen die Lancierung von Accelerator-Programmen, welche Blockchain-Start-ups fördern. Dazu kommen Konferenzen mit internationaler Ausstrahlung. Einmal pro Jahr wollen wir zudem einen Hackathon auf dem Programm haben, also einen Wettbewerb für Programmierer. Es ist uns ganz wichtig, dass regelmässig vernetzende Aktivitäten stattfinden. Auch ein Co-Working-Space ist denkbar, wo wir zum Beispiel Start-Ups für sechs Monate Gastrecht bieten.

Ist Blockchain nicht ein Hype?

Nein, die aktuelle Dynamik hat Substanz. Gerade in der Schweiz. Die SBB verkaufen Bitcoins an ihren Automaten, der Berater EY schult seine Leute intern und bietet ihnen ein sogenanntes Bitcoin-Wallet zur sicheren Aufbewahrung von Bitcoins an. Die UBS treibt ihren Settlement-Coin voran. Und auch der Regulator ist nun an mehreren Fronten involviert. Das alles gibt Schub und ist real.

Und warum sollte die Schweiz jetzt auf das Thema Blockchain fokussieren und nicht allgemein einen Fintech-Hub aufsetzen?

Fintech ein sehr schwammiger Begriff, der früh von anderen Standorten besetzt wurde. Trotzdem brauchen wir eine Vorwärtsstrategie für die Schweiz bei der Digitalisierung. Wir sehen drei Bereiche. Einer davon ist Blockchain. Da können wir auch aufbauen auf dem, was es bereits gibt in der Schweiz.

Was meinen Sie damit?

Das Cryptovalley Zug ist inzwischen weltweit bekannt als Heimat für erstaunlich viele Blockchain-Firmen. An der Hochschule ETH wird seit Jahren Grundlagenforschung zum Thema betrieben. Da sind wir bereits vorne dabei. Und es gibt auch Konzerne wie zum Beispiel die UBS, die erklärtermassen den Umbruch mitgestalten wollen.

Hat die Schweiz noch Chancen, vorne mit dabei zu sein. Berlin, Singapur, Sillicon Valley: Alle interessieren sich für Blockchains.

Singapur ist uns deutlich voraus. Und Dubai hat eben eine Initiative lanciert. Aber ansonsten gibt es keine so konzentrierten Aktionen. Durch die Bündelung der vorhandenen Assets in der Schweiz könnte es tatsächlich gelingen, international Leadership zu übernehmen. Und die Grundwerte der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie passen einfach zur Philosophie der Blockchain-Technologie.

Sie nennen den neuen Blockchain-Hub nun «Trust Square – Blockchain swiss made». Warum?

Im Zentrum der Blockchain-Technologie steht das Thema Vertrauen, daher Trust. Vertrauen, welches zukünftig von der Technologie bereitgestellt wird und nicht mehr von Firmen, die zum Teil sehr viel damit verdienen, Vertrauen zwischen zwei Parteien herzustellen. Weiter wollen wir am Innovationspark Zürich einen Ort, einen Platz, schaffen, wo man sich trifft, um gemeinsam am Thema Blockchain zu forschen – deshalb «Trust Square».

Bringt denn ein Hub wirklich so viel?

Es kann entscheidend sein, einen Ort zu schaffen, wo man sich interdisziplinär treffen kann – Hochschulen, etablierte Unternehmen und Start-ups. Das World-Wide-Web wurde 1991 in Genf auch an einem solchen Ort, am Cern, erfunden. Wir möchten die Rahmenbedingungen so gestalten, dass solches wieder in der Schweiz möglich ist.

Was macht Dübendorf zum guten Standort?

Der Austausch mit anderen Disziplinen am Innovationspark – gerade mit der Robotik – dürfte befruchtend sein. Dort haben wir auch genug Räume, um Konferenzen und Start-up-Programme zu lancieren und eine Co-Working Fläche einzurichten. Aber ganz wichtig ist dabei: Wir wollen kein hermetisch abgeriegeltes Zentrum schaffen, sondern eben ein dezentrales Ökosystem aufbauen. Zug soll dabei seine Rolle im Bereich Crypto-Finance behalten, genauso wie die Uni St. Gallen bei ihrem Blockchain-Engagement. Wir sind nur das Scharnier.

Wer soll das Ganze finanzieren?

Es wird eine Public-Private-Partnership sein. Im Januar beginnen die Gespräche mit interessierten Kreisen.

Welche Rolle werden Sie persönlich spielen?

Nexussquared möchte gerne die Umsetzung des ganzen Projekts übernehmen. Wir haben auch einen starken Partner in London, welcher bereits grosse Erfahrung beim Aufbau von Ökosystemen hat. Über ihn würden uns auch ganze Expertenteams im Hintergrund zur Verfügung stehen, wenn wir sie bräuchten. Aber das alles werden letztlich die Gründungsmitglieder des Trust Square entscheiden.

Es gibt öffentliche und private Blockchains. Man könnte auch sagen unregulierte und regulierte Blockchains. Wo wird der Fokus des «Trust Square» liegen?

Wir möchten offen bleiben und keinen Ansatz ausschliessen. Blockchain ist nicht ein enges, abgeschlossenes Thema. Es hat Platz für alles, was im weitesten Sinne so etwas wie eine öffentliche Datenbank ist. Vielleicht gibt es am Ende auch nur halböffentliche Datenbanken.

Letztlich ist es aber von staatspolitischer Relevanz, ob sich regulierte oder unregulierte Blockchains durchsetzen. Irgendwann müssen die Akteure Farbe bekennen.

Deshalb braucht es auch so etwas wie jetzt eben den Trust Square, wo genau solche Fragen diskutiert werden können. Wo Diskussionen auch über Industrien hinweg möglich sind. Es gibt zum Beispiel sicher Anknüpfungspunkte zwischen der Robotik und Blockchains. Und natürlich gibt es Gesprächsbedarf zu gesellschaftlichen Fragen, wenn plötzlich Nationalbanken und nicht mehr Geschäftsbanken den Kunden elektronisches Geld ausgeben sollten.

Was ist mit Bitcoin? Hat es auch dafür Platz im «Trust Square»?

Sicher sollen auch Projekte möglich sein, die auf der Bitcoin-Blockchain aufbauen.  Sie ist immer noch die sicherste öffentliche Blockchain. Aber in Zukunft könnten auch zunehmend Protokolle von Grossfirmen kommen, wie etwa von Hyperledger.

In der Praxis spielen Blockchains heute vor allem für neue digitale Währungen eine Rolle. Viel mehr ist noch nicht produktionsreif.

Wir stehen wirklich erst am Anfang einer Entwicklung. Wir möchten das Projekt «Trust Square» so positionieren, dass Blockchains eben nicht nur ein Fintech-Thema sind. Wir haben da quasi eine neue Industrie vor uns: Sie beinhaltet Wertschöpfungsketten, Absicherungen, E-Government, Identitäten. Wir wollen nicht nur Fintech ansprechen, sondern auch die Pharmaindustrie in Basel oder Firmen im Logistik-Umfeld. Die Schweiz sollte daher wirklich breit auf Blockchains setzen.

Was sind nun die nächsten Schritte?
 
Der Brand «Trust Square» ist jetzt lanciert. Im Januar gehen wir auf die Unternehmen zu und erklären ihnen en Detail das Konzept.

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