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Bits & Coins
«Geduld. Gebt Bitcoin Zeit.»

Andreas M. Antonopoulos: Der Bitcoin-Experte warnt vor zu hohen Erwartungen.   Start Summit

Bitcoin-Experte Andreas M. Antonopoulos erklärt, warum die digitale Währung kurzfristig manche Erwartungen enttäuschen wird. Und warum es sich trotzdem lohnt, ihr treu zu bleiben.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 29.03.2016

Der Saal war mit 1000 Leuten gut gefüllt, als Bitcoin-Experte Andreas M. Antonopoulos auf der Bühne beim Start Summit in St. Gallen stand. Keine Slides, keine steil nach oben zeigenden Kurven schmückten seinen Vortrag vor zehn Tagen. Nur sein Wort hing im Raum, und die Botschaft lautete: Das Zeitalter von Bitcoin hat eben erst begonnen. «Aber lasst euch nicht täuschen und haltet euch fest. Das wird eine Achterbahnfahrt», sprach er in den Saal. Studenten, Start-up-Gründer und Finanzinvestoren hörten gleichermassen zu. Wir bringen hier ein Interview, das wir an diesem Tag mit Antonopoulos, Autor der Bitcoin-Einführung «Mastering Bitcoin» geführt haben.

Wenn mich jemand fragt, was die Blockchain Neues bringe, dann sage ich jeweils: Zum ersten Mal können Maschinen wirklich autonom mit Geld umgehen.
Andreas M. Antonopoulos: Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Ich sage jeweils: Die Bitcoin-Blockchain stellt eine Plattform für Vertrauen zur Verfügung. Eine Plattform, die uns unabhängig von Institutionen Anwendungen bauen lässt. Eine Währung ist nur eine erste Anwendung. Es gibt noch viel mehr aufregende Möglichkeiten, da diese Plattform grundsätzlich keine Person braucht, um Eigentum zu übertragen.

Warum ist das revolutionär?
Weil es die fundamentalen Komponenten von Vertrauen ändert.

Aber der Mensch will anderen vertrauen. Er ist von Natur aus so gebaut. Vertrauen ist effizient.
Bitcoin ist nicht ohne Vertrauen. Bitcoin ersetzt einfach Vertrauen in Institutionen durch Vertrauen in netzwerkzentrierte Mathematik. Vertrauen also in etwas, das regiert wird durch Programmcode und die Regeln der Mathematik und durch die Zahl der Leute, die dahinterstehen. In vielen Fällen ist das viel robuster.

Der normale Nutzer kann doch dem Programmcode gar nicht vertrauen, weil er mit solchen Dingen nichts anfangen kann. Er wird weiterhin einer Firma, einem Brand trauen wollen.
Sicher. Die Menschen werden die Abkürzung wählen und weiterhin einem Brand vertrauen. Der Unterschied ist: Dieses Vertrauen ist nicht blind. Heute müssen wir blind vertrauen, weil gerade in der Finanzwelt vieles nicht transparent, nicht überprüft ist und auch nicht überprüft werden kann. Auf der Blockchain dagegen herrscht Transparenz, und die Dinge können überprüft werden.

Der normale Nutzer wird keinen Smart Contract auf der Blockchain überprüfen können.
Einige werden dazu fähig sein. Das ändert alles. Der Nutzer wird also einem Brand vertrauen, aber dieses Vertrauen auch absichern können durch andere Brands, die das Auditing übernehmen. Vertrauen wird dezentralisiert. Aber der Kern von Vertrauen ändert sich nicht. Blockchains stehen nicht ausserhalb der menschlichen Natur.

Lassen Sie uns noch etwas beim Nutzer bleiben. Für alle Nicht-Experten ist es immer noch schwierig, sicherzustellen, dass keine Bitcoins verloren gehen. In finanziellen Dingen wollen doch viele Konsumenten einfach Verantwortung abgeben.
Fragen Sie einmal die Leute in Griechenland, wo ich herkomme, oder Venezuela oder Argentinien! Bitcoin erlaubt es einem, die ganze Kontrolle über das eigene Geld zu behalten. Wenn man will. Das heisst nicht, dass man nicht auch eine Drittpartei nutzen kann wie im traditionellen Bankensektor. Aber man muss nicht. Die Leute haben die Wahl. Mit grosser Macht kommt auch grosse Verantwortung – für die Leute selber. Aber es gibt zunehmend gute Lösungen, die es für Leute einfacher machen, Bitcoins sicher zu nutzen.

Was ist Ihre Haltung im alles dominierenden Streit zur Blocksize, also zur Frage, ob und wie der Bitcoin-Code geändert werden soll, damit mehr Bitcoin-Transaktionen möglich werden? Sollte man die maximale Blocksize auf 2 MB erhöhen, um Zeit und Ruhe zu gewinnen?
Nein, ich denke nicht. Ich denke, das Thema Ruhe wird überschätzt. In Bitcoin machen wir die Sachen laut und offen. Das ist schockierend für Leute, die sich das herkömmliche monetäre System gewohnt sind, wo Entscheide hinter verschlossenen Türen gemacht werden. Das ist nicht die Art und Weise, wie wir die Dinge in Bitcoin regeln. Wir haben Debatten. Es ist laut und energisch. Ein gesundes Zeichen.

Trotzdem muss man irgendwie weiterkommen.
Die Blocksize-Debatte ist für Aussenstehende merkwürdig, weil es danach aussieht, als ob es einfache Lösungen gäbe. Aber diese sind falsch. Die einfache und augenscheinliche Lösung ist meistens falsch. Die Blocksize-Debatte ist komplex. Und sie ist nicht ein Streit, der aufgelöst werden könnte. Es geht um ein Thema, bei dem man nur progressiv vorankommen kann. Skalieren wird immer ein Problem für Bitcoin bleiben. Wie in jedem anderen verteilten System.

Was also sollten die Entwickler in der Frage der Blocksize tun?
Wir werden weiterfahren, das Skalierungsproblem zu lösen. Wir werden Fortschritte erzielen durch Erhöhen der Blocksize und durch Optimierungen wie Segregated Witness (Segwit) und  Thin Blocks. All das wird passieren. Die Frage lautet einzig: In welcher Reihenfolge gehen wir vor? Mit welchem Zeitplan? Und wie sorgfältig? Im Moment haben wir ein beträchtliches Einvernehmen über das weitere Fortgehen.

Also zunächst einmal Segwit, wie das von den Chefentwicklern von Bitcoin Core vorgeschlagen wird?
Das hängt von der Implementierung ab. Wenn Segwit zu langsam umgesetzt wird und wir in der Zwischenzeit zu viel Adoption und ein Kapazitätsproblem haben, dann müssen wir den Plan ändern. Wenn die Fakten sich ändern, dann änderst du deine Meinung. So ist das. Doch vorderhand ist der Plan gut.

Nun gibt es ja andere Bitcoin-Implementierungen als Core, vor allem Classic. Ist es gut oder schlecht, dass es verschiedene Spielarten der Software gibt?
Wettbewerb ist gesund.

Auch auf Consensus-Ebene?
Auch da.

Aber es droht eine Spaltung des Netzwerks.
Nein. Es wird keine Spaltung geben, keine Fork. Weil die Anreize so gesetzt sind, dass der Druck am Ende gigantisch ist, mit dem Konsens zu gehen. Und zwar egal, was dieser ist. Bis zur Woche vor einer möglichen Spaltung hat jeder eine starke Meinung. Aber dann beginnen sie zu schauen, woher der Wind weht. Und dann werden alle konsens-positiv. Man kann ein Big-Blocker sein, man kann ein Small-Blocker sein. Aber wenn man gegen den Konsens geht, kannst du bankrott gehen. Das System adjustiert sich selber. Die Leute neigen dazu zu sagen: Es sei schwierig, Bitcoin zu ändern. Das sei ein Problem.

Und?
Tatsächlich liegt darin gerade die grösste Stärke von Bitcoin.

Was ist denn die grösste Gefahr?
Anzunehmen, die Adoption von Bitcoin verlaufe linear. Und dann die Erwartungen enttäuscht zu sehen. Bitcoin wird wie jede disruptive Technologie einer exponentiellen Kurve folgen. Anfänglich werden die Erwartungen nicht erfüllt werden, am Ende dafür deutlich übertroffen. Seid geduldig. Gebt Bitcoin nur Zeit.

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