1. Home
  2. Blogs
  3. Bits & Coins
  4. Invasion der Bitcoin-Kinder

Bits & Coins
Invasion der Bitcoin-Kinder

Bitcoin: Primus unter vielen digitalen Assets.   Bloomberg

Alternative Zahlungsmittel und Appcoins schiessen inzwischen wöchentlich aus dem Boden.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 23.09.2016

Schanghai ist in diesen Tagen jener Ort, wo sich alles trifft, was in der Welt der neuen digitalen Währungen und der digitalen Assets Rang und Namen hat. «International Blockchain Week» heisst die Veranstaltung im «Hyatt», an der vor Ort mehr als 1000 Leute teilnehmen werden. Programmierer, Startups, Investoren und auch einige Regulatoren. Das Ganze wird über YouTube weiterverbreitet.

Nicht im Zentrum steht für einmal Bitcoin. Mit einer Marktkapitalisierung von 10 Milliarden Dollar ist die älteste Kryptowährung noch immer Marktführerin. Bitcoin ist nach wie vor die einzige Währung, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Doch die Branche hat sich vor allem in den letzten zwölf Monaten rasant verbreitert. Neue Währungen, neue digitale Assets schiessen wie Pilze aus dem Boden. Hunderte von Startups wurden inzwischen gegründet. Poloniex, eine Börse, listet inzwischen über 700 Coins, Währungen, Assets - oder wie auch immer man sie bezeichnen will. Viele sind ähnlich zu bewerten wie Pennystocks an regulären Börsen, versprechen viel und halten wenig. Aber einige davon haben das Potenzial, sich zu etablieren.

Gelder von Investoren

So zum Beispiel die Währungen Dash, Zcash oder Monero, welche leicht andere Eigenschaften als Bitcoin aufweisen. Wie immer bei Währungen haben auch diese nur dann einen gewissen Wert, wenn sie von zahlreichen Personen gebraucht werden, sei es als Zahlungsmittel oder als Wertaufbewahrungsmittel. Das Handelsvolumen von Monero betrug zuletzt täglich 25 Millionen Dollar.

Dank den neuen Technologien können nicht nur relativ einfach neue Währungen erschaffen werden, sondern auch neue «digitale Wertpapiere». Viele Startups in der Blockchain-Branche finanzieren sich nun auf dieses Weise. Sie geben einen eigenen Coin aus und platzieren diesen bei risikobereiten Investoren. Die Käufer dieser Coins erhalten im Gegenzug oft einen Teil der künftigen Einnahmen. Das können Einnahmen aus dem Bereich geistiges Eigentum sein, aber auch Gebühren für erbrachte Dienste.

So etwa tüfteln Entwickler gerade an einer Casino-App. Der Business-Plan: Vom Einsatz der Spieler wird eine kleine Gebühr abgezweigt. Der Verteilschlüssel dieser Gebühr ist fest in das Programm auf der Blockchain eingeschrieben und transparent. Die Einnahmen werden umgehend an die Investoren entsprechend der Anzahl gekaufter Coins verteilt. Natürlich können solche Coins überall auf der Welt gekauft und gehandelt werden. Was es braucht, ist lediglich eine Internetverbindung. Investments - auch in ganz kleinen Beträgen - sind von überallher möglich. Oft wird die Ausgabe solcher Coins als ICO - Initial Coin Offering - bezeichnet. Sie nehmen derzeit deutlich zu. Zurzeit läuft gerade das ICO des Handelsplatzes Lykke, eines Schweizer Startups.

Digitale Loyalty-Points

Verantwortlich für den Boom ist unter anderem die Software-Plattform Ethereum. Sie ermöglicht es relativ einfach, neue Apps zu entwickeln, die wiederum selber eigene Währungen oder eben sogenannte App-Coins brauchen. Wie etwa bei Augur, einer globalen Wettplattform. Da werden User mit der App-eigenen Währung entschädigt, wenn sie mithelfen, die Wettplattform zu unterhalten. Ein Testprojekt verfolgt eine Schweizer Bank mit neuartigen Loyalty-Punkten. Sie verlieren an Kaufkraft, je länger man wartet, sie einzulösen. Oder kurz zusammengefasst: Geld wird programmierbar. Und Computer können autonom damit umgehen.

 

Hier also in aller Kürze einige Coins:

Ethereum - die Super-Blockchain

Ethereum ist eine Software-Plattform, auf der allerlei Finanzanwendungen wie etwa Börsen laufen. Auch Register für Online-Identitäten und deren Reputation werden entwickelt. Der Clou der Sache: Keine zentrale Instanz kontrolliert die global verteilten Server. Das senkt Kosten, erschwert Angriffe und führt zur weiteren Automatisierung innerhalb der digitalen Welt. Ether ist die Währung in diesem Computernetzwerk. Marktkapitalisierung: 1 Mrd. Dollar.

Plutus - für den Alltag

Plutus ist eine Bezahl-App. Mit jedem Handy kann der User so an NFC-ausgerüsteten Karten-Terminals mit Bitcoins, Ether oder anderen Währungen bezahlen. Der Detailhändler merkt davon nichts, da er sofort die entsprechende lokale Währung wie Franken erhält. Wer Plutus benutzt, erhält sogenannte Plutons, eine Art Rabattpunkte. Anders als Cumulus oder Superpunkte können Plutons an Börsen gehandelt werden. Plutus läuft auf Ethereum und geht wohl noch 2016 an den Start.

Wie so oft in der Crypto-Szene hat sich auch Plutus dem Credo «dezentral» verschrieben. Knackpunkt der App ist die Umwandlung von Bitcoins oder Ether in die lokale Währung. Das übernimmt bei Plutus ein Netz von Tradern, welche Kurse für den Kauf der Kryptowährungen stellen.

Monero - stark in Privacy

Monero ist eine eigenständige Währung. Ihr Markenzeichen: Der Gebrauch hinterlässt keine öffentlich nachverfolgbaren Spuren und hat damit ähnliche Eigenschaften wie Bargeld. Damit ist Monero viel anonymer als Bitcoin, dessen Hauptproblem entgegen weitverbreiteter Meinung nicht zu viel, sondern zu wenig Privacy ist. Monero wird inzwischen gerne zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen im Darknet verwendet. Der Wert ist zuletzt förmlich explodiert.

SingularDTV - für die Unterhaltungsindustrie

SingularDTV ist eine Plattform, die alle Arten von Medieninhalten zum Konsum anbieten will. Kernstück ist der direkte Kontakt zwischen Erschaffer und Konsument - eine Art dezentrale Unterhaltungsindustrie, in der die Erschaffer von Medienprodukten auch die Vermarktungskontrolle behalten sollen. SingularDTV will eine Alternative zu Netflix oder Youtube sein und wird ebenfalls einen Coin ausgeben, der die geistigen Eigentumsrechte von Produkten repräsentiert. Unterstützt wird das Projekt von der Schweizer Anwaltskanzlei MME.

Diesen Herbst lanciert SingularDTV zudem die Produktion einer Fernsehserie unter dem Zepter von Produzent Kim Jackson, bekannt vom Film «Inside Man». Die Science-Fiction-Serie soll dereinst auf der Plattform vermarktet werden.

Augur - das Weltorakel

Augur ist eine App, auf der man auf das Eintreffen von künftigen Ereignissen wetten kann. Sportereignisse, Präsidentschaftswahlen, aber auch Regenmenge in Mumbai oder BiP in Italien sind mögliche Themen. Jedermann kann eine Wette lancieren. Tausend global verteilte Inhaber der Augur-internen Währung Rep bestimmen jeweils, ob eine Wette amoralisch oder nicht entscheidbar ist. Dafür erhalten sie geringe Gebühren. Der Rest ist vollautomatisiert.

Lykke - der Handelsplatz aus der Schweiz

Lykke ist eine Börse für den Handel mit digitalen Assets. Darunter fallen Währungen von Bitcoin über Ether bis zum klassischen Franken und Dollar. Aber auch andere Assets, die künftig von jemandem in digitalisierter Form - quasi verbrieft - zum Handel angeboten werden, sollen auf Lykke zur Verfügung stehen. Lykke gibt es bereits als Handy-App.

Hinter der App steht der Schweizer Handelsplattform-Experte Richard Olsen. Er gründete in den 1990er-Jahren die Forex-Börse Oanda. Nun will Olsen bei den Investoren Geld sammeln, um Lykke weiter aufbauen zu können. Zu diesem Zweck kommt es bis zum Oktober zu einem ICO, einem Inital Coin Offering. Wer einsteigt, erhält im Gegenzug sogenannte Lykke-Coins. Ist das ICO erfolgreich, wäre die Firma einige Dutzend Millionen Franken wert.

Anzeige