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Bits & Coins
Starthilfe für Firmen dank Bitcoin und Co.

Bitcoin: Damit Computer mit Geld umgehen können.   Getty

Junge Internetfirmen finanzieren sich vermehrt über digitale Währungen wie Ether und Bitcoin. In Zug stehen ihnen zahlreiche Anwälte zur Seite.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 30.11.2016

An das nötige Geld zu kommen, ist für Startups seit je eine schwierige Angelegenheit. Manchmal fehlen vermögende Friends and Family, manchmal stellen klassische Kapitalgeber zu hohe Ansprüche und für einen Börsengang ist es ohnehin meistens zu früh.

Doch seit einigen Monaten findet eine neue Finanzierungsquelle zunehmend Verbreitung: Das ICO - das Initial Coin Offering. Millionen werden inzwischen wöchentlich in junge Firmen investiert. «Wir können wirklich von einem Boom sprechen», sagt Luka Müller, Anwalt beim Zuger Beratungsunternehmen MME. Er berät die Firmen und die Projekte bei der Durchführung der ICO. «Inzwischen arbeiten bei uns sechs Leute den allergrössten Teil ihrer Zeit in diesem Bereich.»

ICO funktionieren im Kern ähnlich wie die klassischen, IPO genannten Börsengänge. Statt Franken oder Dollar erhalten die Startups jedoch digitale Währungen wie Bitcoin oder Ether. Umgekehrt geben die Startups den risikofreudigen Investoren auch etwas Digitales: Neu geschaffene, handelbare Coins ihres Projekts. Diese berechtigen etwa zum Partizipieren an künftigen Einnahmen oder an Dienstleistungen des Projekts. Was genau, bestimmt das jeweilige Startup selber.

Konkurrenz erwacht

Die meisten Firmen und Projekte, die in diesen Monaten ICO lancieren, bieten Internetdienstleistungen an (siehe unten). Die einen entwickeln eine Plattform, die Asset Managern das Verwalten von digitalen Assets erleichtert. Die andern wollen es jedem Computerbesitzer ermöglichen, nicht gebrauchte Computerpower quasi auszuleihen und dafür Geld zu kriegen. Die dritten bauen ein neues soziales Netzwerk mit Monetarisierungsanreizen, die vierten eine globale Lotterie-App. Ein Projekt entsteht im Strombereich, ein anderes bei internationalen Geldüberweisungen. Bei allen Projekten spielt irgendwo dasjenige eine Rolle, was die Blockchain-Technologie verspricht: Der einfache Umgang mit Geld, Identitäten und Rechten im Internet. Ohne klassischen Intermediär, schnell, günstig, vollautomatisiert.

Coins für ein ICO zu schöpfen, auszugeben und zu kontrollieren ist im Zeitalter von Blockchains eine einfache Sache. Wer will, kann sich einen eigenen Coin in wenigen Clicks erschaffen. Das Verteilen, Versenden, Verkaufen der neuen Projekt-Coins ist ebenfalls keine Hexerei. Wer wie viele Coins hält, ist auf einer Blockchain unkorrumpierbar festgehalten.

Die Beratungsfirma MME hat ihre Expertise aufgebaut, als die Entwickler der Blockchain-Plattform Ethereum 2014 in der Schweiz ein Domizil für ihre Stiftung suchten und gleichzeitig ihren Coin Ether den Investoren offerierten. Inzwischen ist MME Weltmarktführer bei der Betreuung von ICO. «An allen Ecken der Welt erwacht nun aber Konkurrenz», so Müller. Es sei enorm viel Bewegung im Markt. Der Klärungsbedarf, auch regulatorisch, sei gross.

Warten auf den Regulator

Meistens stellen diese Coins aus einem ICO keine gesellschaftsrechtlichen Anteile an einer Firma dar. Die Schweizer Börsenplattform Lykke ist da eher die Ausnahme: Im September hatte Lykke ein ICO lanciert, bei dem die Käufer der Lykke-Coins tatsächlich Anteile an der Wettswiler Firma erhielten.

«Oft erhalten die Coin-Besitzer Anteile an einem geistigen Eigentum», sagt Müller. Damit die Investoren auch wissen, worum es genau geht, wird im Vorfeld eines ICO öffentlich festgehalten, was ein Investor zu erwarten hat.

In vielen Fällen ist ein schriftlicher Text allerdings kaum notwendig, weil die Beteiligungsmodalitäten in einem Programm unveränderbar auf der Blockchain festgeschrieben sind. So wird bei der Wettplattform Augur automatisch ein gewisser Umsatzprozentsatz abgezweigt und den Investoren ohne menschliches Hinzutun in der Währung Ether ausbezahlt. Alles ist vollautomatisiert. Der Investor weiss, was ihn erwartet. Unklar bleibt einzig, ob die Wettplattform sich im Markt behauptet.

Noch ist offen, wie sich die Regulatoren zur rasant fortschreitenden Entwicklung stellen. In der Schweiz war das Ether-ICO seinerzeit durch die Finma abgesegnet worden. Vor allem die USBörsenaufsicht debattiert hinter den Kulissen intensiv. «Es würde nicht überraschen, wenn die SEC 2017 auf den Plan träte», schätzt Müller.

Bei MME will man trotzdem wachsen. Schon jetzt zeichnen sich neue Aufgabenfelder ab. Denn bei aller Euphorie in der Branche ist klar, dass es zu missglückten ICO kommen wird. Enttäuschte Investoren, frustrierte Firmen - da wird es wieder Anwälte und Berater brauchen, die aufräumen. Diese Tatsache bleibt, egal ob alte oder neue Welt.

**** Beispiele für ICO ****

Golem Das Softwareprojekt hat kürzlich in 18 Minuten Ether im Wert von knapp 10 Millionen Franken eingenommen. Golem will allen Computerbesitzern ermöglichen, ungenutzte Rechenpower zu verkaufen.

Melon Das Projekt mit Schweizer Beteiligung will eine Plattform für das Management von Assets entwickeln, die auf einer Blockchain ausgegeben wurden. Das ICO soll in den nächsten Wochen über die Bühne gehen.

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