1. Home
  2. Blogs
  3. Bits & Coins
  4. Stresstest für Bitcoin

Bits & Coins
Stresstest für Bitcoin

Zu viele Transaktionen: Bitcoin stösst zur Zeit an seine Grenzen.  Fotolia

Zu viele wollen mit der Digitalwährung Bitcoin bezahlen. Noch ist die Technologie nicht reif für die Masse.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 15.03.2016

Wer in diesen Tagen mit Bitcoin bezahlen will, erfährt möglicherweise eine unangenehme Überraschung. Transaktionen mit der digitalen Währung  finden manchmal schlicht stundenlang nicht statt. Der Grund: Das Netzwerk ist überlastet. Bitcoin stösst an seine derzeitigen Grenzen.

Für die aktuelle Misere verantwortlich ist die Bitcoinbörse coinwallet.eu. Die Betreiber in London fluten das Netzwerk derzeit mit Unmengen von Transaktionen. Sie haben ein Ziel: Herauszufinden, was passiert, wenn das Bitcoin-Netzwerk über die Limiten beansprucht wird. Das Ganze ist ein Test. Und rüttelt die Bitcoin-Welt auf. Denn wie noch nie stehen nun zentrale Weichenstellungen zur Zukunft der ersten kryptographischen Währung an.

Sieben Transaktionen pro Sekunde

Es geht um die Kapazität, also um die Anzahl Transaktionen, die das Bitcoin-Netzwerk verarbeiten kann. Zur Zeit sind es maximal rund sieben pro Sekunde. Verglichen mit Zahlen aus der Kreditkarten-Welt ist das nichts. Aber bisher hat das gereicht.

Doch weltweit nehmen die Transaktionen langsam, aber stetig zu. Unter den Bitcoin-Experten herrscht mehrheitlich Konsens, dass Bitcoin irgendwann und irgendwie mehr Transaktionen ermöglichen muss. Mehrere Chefentwickler, die sich um den Programmcode der digitalen Währung kümmern, möchten nun allerdings die Kapazität rasch und auch ohne branchenweiten Konsens erhöhen. Ein entsprechender Vorschlag von Gavin Andresen steht zur Diskussion. Und es kommt mittlerweile täglich zum verbalen Schlagabtausch zwischen den Chefprogrammierern. Denn es stehen Grundwerte zur Debatte. Das hängt mit der Funktionsweise von Bitcoin zusammen.

Gebühren statt Subventionierung

Bitcoin funktioniert, weil zahlreiche sogenannte Miner – das sind Computer mit spezieller Software – die Bitcoin-Transaktionen sammeln, prüfen und validieren. Die Betreiber dieser Computer tun dies, weil sie dafür entschädigt werden, vor allem mit neu ausgegebenen Bitcoins. Doch diese Subventionierung, eine eigentliche Inflationierung der Bitcoin-Währung, nimmt stetig ab und halbiert sich alle vier Jahre. Damit ist klar, dass die Entschädigung für die Miner dereinst von anderswo kommen muss.

Im Bitcoin-Protokoll ist bereits angelegt, dass geringe Gebühren der Bitcoin-Nutzer diese Subventionierung ablösen können. Soweit ist es noch nicht. Heute machen die Gebühren nur 0,5 Prozent des Betrags aus, der als Entschädigung an die Miner geht. Eine Steigerung wäre langfristig wichtig. Denn je geringer die Gesamtentschädigung für die Miner, desto weniger Miner wird es geben und desto angreifbarer wird das Netzwerk.

Schon heute bezahlen die meisten Bitcoin-Nutzer geringe Gebühren bei jeder Transaktion. Sie können die Höhe derselben frei wählen. Das Problem ist nur: Warum sollten die einzelnen Nutzer plötzlich höhere Gebühren bezahlen? So lange ohnehin jede Transaktion verarbeitet wird, hat kein Nutzer ein Interesse, für die Dienstleistung der Miner tiefer in die Tasche zu greifen. So war es bis anhin, weil die Kapazität des Netzwerks reichte, auch Günstig-Transaktionen zu verarbeiten.

Gratis-Mantra auf dem Prüfstand

Das ändert sich nun mit dem Test von coinwallet.eu. Es tauchen sekündlich so viele neue Transaktionswünsche auf, dass die Miner nicht mehr alle verarbeitet können und sie auswählen müssen und dürfen, welche sie verarbeiten wollen. Und natürlich bevorzugen sie jene, die ihnen höhere Transaktionsgebühren bescheren. Was entsteht, ist ein Markt für die Kosten einer Bitcoin-Transaktion.

Davor schrecken zahlreiche Bitcoin-Verfechter und Start-ups, hinter denen mächtige Investoren stehen, zurück. Denn bisher galt das Mantra: Bitcoin zu versenden ist quasi gratis. Das war eine wichtige Eigenschaft, mit welcher Bitcoin breit herum propagiert wurde. Man fürchtet, dass die Weiterverbreitung von Bitcoin gehemmt würde, sollten die Kosten für den einzelnen Nutzer sichtbar steigen.

Aus diesem Grund schlagen sie eine kräftige Erhöhung der Netzwerk-Kapazität um den Faktor 8 vor, was technisch ohne weiteres möglich ist. So könnten auf absehbare Zeit weiterhin alle gewünschten Transaktionen, auch jene ohne nennenswerte Gebühren, verarbeitet werden.

Was kurzfristig toll ist, hilft langfristig wenig. Denn ohne höhere Gebühren ist nichts in Sicht, was die aktuelle Subvention der Miner durch «frisches Drucken von Bitcoins» ersetzen würde. Helfen würde möglicherweise einzig eine drastische Zunahme der Bitcoin-Nutzer. So könnten auch geringe Gebühren in der Summe ins Gewicht fallen. Doch ob sich das rechnet, ist ungewiss. So lange eine Dienstleistung gratis angeboten wird, wird sie eben meistens auch gratis genutzt.

Wie viel Dezentralisierung braucht es?

Zudem macht eine Erhöhung der Kapazität Bitcoin anfälliger. Die Miner würden mehr Bandbreite brauchen, um die Transaktionen zu verarbeiten. Das kostet und führt zwangsläufig zu mehr Zentralisierung bei den Minern. Es gibt zwar noch über tausend Miner weltweit, doch schon heute vereinen die sechs grössten unter ihnen über 50 Prozent der Rechenleistung. Der dezentrale Charakter von Bitcoin war der grosse Erfolgsgarant der Währung. Leichtfertig solle man dies nicht aufs Spiel setzen, argumentiert etwa Bitcoin-Experte Peter Todd.

Der Stresstest von coinwallet.eu wird den Machtkampf allerdings nicht entscheiden. Die einen werden auf die höheren Gebühren verweisen, die nun erzielt werden. Die andern auf die Unannehmlichkeiten für die Nutzer und die Reputationsrisiken. Die nächste Zeit wird spannend. Neben der sofortigen Kapazitätserhöhung buhlen weitere Vorschläge zur Skalierbarkeit von Bitcoin um die Gunst der Chefprogrammierer. Spruchreif ist allerdings noch nichts.

Anzeige