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Finanzprodukte
Wie der Einfluss der Wall Street auf Bitcoin wächst

NEW YORK, NY - JULY 12:  A man walks by the New York Stock Exchange (NYSE) on July 12, 2018 in New York City. As fears of a trade war eased with China, the Dow Jones Industrial Average rose 140 points in morning trading.  (Photo by Spencer Platt/Getty Images)
Wall Street: Die Börsenhändler haben Interesse an den Kryptowährungen bekommen.Quelle: 2018 Getty Images

Bitcoin-Anhänger wollten 2009 ein alternatives Finanzsystem schaffen. Nun avanciert die Wall Street zum wichtigen Akteur in der Branche.

Von Marc Badertscher
am 26.09.2018

Die Geburtsstunde von Bitcoin mitten in der Finanzkrise war ein politisches Statement: «Schatzkanzler kurz vor zweitem Rettungspaket für Banken» schrieb der bis heute unidentifizierte Bitcoin-Erfinder mit Pseudonym Satoshi Nakamoto unauslöschbar in den ersten Datensatz der Bitcoin-Blockchain. Das Zitat war die Schlagzeile der «Times» vom 3. Januar 2009, jenem Tag, an dem Bitcoin den Dienst aufnahm. Es war auch der Tag, an dem die britische Regierung Krisenhilfe plante.

Das Mission Statement war eindeutig: Hier soll etwas entstehen, das anderen Gesetzmässigkeiten folgt als jenen des traditionellen Finanzsystems mit seinen Krisen und Staatsinterventionen. Ein Gegenentwurf zum opaken Finanzwesen, klare Eigentumsverhältnisse und neue Akteure. Kein Tag geht vorbei, an dem harte Verfechter der ersten Kryptowährung dies nicht betonen würden.

Kohorten von Investmentbankern

Doch mit jedem Monat nimmt der Einfluss der Wall Street in der Kryptowelt zu. Goldman Sachs will ihren Kunden Bitcoin-Produkte anbieten, die Nasdaq prüft einen Indexfonds. Futures gibt es schon lange und die Zahl einschlägiger Finanzvehikel geht längst in die Hunderte. Kohorten von klassischen Investmentbankern arbeiten neu in der jungen Branche. Das Entscheidende dabei ist: Sie bringen ihre bisherigen Methoden und Instrumente mit. Das verändert den Charakter von Bitcoin grundlegend.

Am ehesten lässt sich die schleichende Veränderung an den Produkten festmachen, die auf den Markt drängen. Bisher reichten verschiedene Finanzinstitute 25 Gesuche bei den Aufsichtsbehörden ein, um einen ETF – einen Indexfonds – auf Bitcoin und anderen Kryptowährungen lancieren zu dürfen. CFD (Derivate zur Preisspekulation) gibt es schon länger und letzte Woche zog die Citygroup nach mit ihrer Ankündigung, eine Art ADR für Bitcoin (Zertifikate für den Handel in den USA) ins Leben zu rufen.

Ausleihen an der Tagesordnung

So weit, so gut. Doch mit den neuen Finanzprodukten halten Methoden und Usanzen Einzug, die bisher in der Bitcoin-Welt nicht existierten. Das zeigt sich etwa bei den ETF. Auch die ICE – die Muttergesellschaft der Börse NYSE – will einen solchen Fonds auf Bitcoin lancieren. Im Unterschied zu anderen Produkten soll dieser nicht nur die Preisentwicklung von Bitcoin abbilden, sondern im Hintergrund durch «echte» Bitcoins abgesichert sein. Je grösser der ETF wird, desto mehr Bitcoins verwaltet die ICE.

Nun ist es in der Finanzwelt üblich, dass solche Mengen irgendeines Assets nicht nutzlos in einem Safe des Fonds-Herausgebers gehortet werden. Stattdessen werden die Assets manchmal gegen Gebühr an andere Akteure ausgeliehen. Rehypothecation lautet der Fachausdruck dafür – Weiterverpfändung. Das führt zu substanziellen Mehreinnahmen für Fonds, Hedgefonds und Banken. Der Vermögensverwalter Blackrock etwa nahm letztes Jahr mit dem sogenannten Securities Lending 600 Millionen Dollar ein.

Verbriefung in Sicht

Im Durchschnitt wird ein Asset aktuell zweimal weiterverliehen. Das zeigen Studien des Internationalen Währungsfonds. Völlig im Einklang mit der amerikanischen Rechnungslegung US-GAAP führt das dazu, dass in den Büchern von mehreren Parteien der Anspruch auf das gleiche Asset auftaucht. Als vor drei Jahren die US-Firma Dole Food dekotiert werden sollte, meldeten sich Investoren mit total 49 Millionen Aktien. Das Dumme war nur: Die Gesellschaft hatte nie so viele Aktien ausgegeben, sondern rund einen Drittel weniger. Seither sind die Gerichte beschäftigt.

Im Normalfall ist solches kein Problem, in der Krise aber schon. Das Financial Stability Board FSB schrieb letztes Jahr, Rehypothecation berge Gefahren für das Finanzsystem, wie die Krise vor zehn Jahren gezeigt habe.

Natürlich sind die Volumina in Bitcoin heute zu unbedeutend, um Beunruhigung auszulösen. Auch gibt es erst wenige bestätigte Fälle von Rehypothecation. Aber auch in der Schweiz berichten Trader, bereits heute würden Bitcoins von Kunden ausgeliehen. Sollte der Trend der letzten zwei Jahre anhalten, dürften sich bei institutionellen Verwaltern, Banken und Broker-Dealern grosse Mengen an Kryptowährungen ansammeln und damit Praktiken aus der klassischen Finanzwelt an Gewicht gewinnen. Die Verbriefung von Krypto-Assets ist gerade erst im Entstehen. Im Trend sind etwa auch sogenannte Stable Coins. Das sind Kryptowährungen, bei denen namhafte Finanzinstitute garantieren, für jeden Coin einen harten Dollar in den Safe gelegt zu haben.

Das Biest

Hartgesottene, technikversierte Bitcoiner muss das alles nicht interessieren. Sie bewahren ihre Bitcoins selber auf. Für Otto Normalanleger, die an Bitcoin als digitales Gold glauben, ist das schwieriger. Es ist absehbar, dass sie auf einfache Produkte aus der bekannten Finanzwelt zugreifen werden. Und damit auf verwobene Besitzverhältnisse, auf starke zentrale Verwalter, eben auf das, was die Wall Street schon immer ausgemacht hat. Bitcoin ist zwar ein schwer zu zähmendes Biest. Die Wall Street aber ein noch grösseres.

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