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Digital Switzerland
«Alles, was wir tun, hängt vom Internet ab»

EPA Tracey Nearmy

Bei der IT-Sicherheit müssen Unternehmen den Entwicklungen immer einen Schritt voraus sein. Gemäss Experten sei die Schweizer Wirtschaft für kommende Herausforderungen gut gerüstet.

Kommentar  
Von Marco Brunner
am 19.12.2016

Die Budgets der Firmen für Schutzmassnahmen im Bereich IT explodieren. Die Bedrohungen aus dem Netz sind vielfältig und eine Herausforderung für die Wirtschaft. Wie steht es um die Sicherheit von Schweizer Firmen? Die «Handelszeitung» hat bei einem Experten nachgefragt. Gabi Reish ist Vizepräsident Produktmanagement beim israelischen Sicherheitssoftware-Unternehmen Check Point. Check Point ist einer der führenden Anbieter in der Cybersicherheitsbranche.

Gabi Reish Herr Reish, Sie reisen viel und haben Einblick in verschiedene Unternehmen. Gibt es einen minimalen Sicherheitsstandard in Ihrer Branche?
Gabi Reish: Einen Standard gibt es nicht, nein. Aber es gibt sozusagen zwei verschiedene Herangehensweisen: es gibt Orte auf der Welt, da denken Sie vom ersten Tag an an die Sicherheit, wenn Sie eine neue Technologie einführen. Die USA sind zum Beispiel sehr proaktiv, wenn es um Sicherheit geht. Und dann gibt es andere Orte, unter anderem in Europa, wo man zuerst die neue Technologie einführt, die Netzwerkarchitektur baut und erst dann über die Sicherheit nachdenkt. Unsere Empfehlung ist, vom ersten Tag an an die Sicherheit zu denken.

Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Alle Sitzungen die ich hier habe, bestätigen meinen Eindruck, dass die Unternehmen in der Schweiz in Sachen IT sehr innovativ und stark sind. Sie sind sehr proaktiv und denken betreffend Sicherheit immer einen Schritt voraus.

Haben Ihre Schweizer Kunden spezielle Wünsche?
Vor allem wenn es um die Cloud geht, erhalten wir hier ab und zu Spezialanfragen. Die Hauptfrage ist immer, wo die Daten hingehen. Ein Teil davon hat mit gesetzlichen Vorgaben und Compliance zu tun. Der andere Aspekt ist, dass die Schweiz die Daten im Land behalten möchte.

Was bedeutet Sicherheit für Sie persönlich?
Sicherheit ist elementar. Vor 23 Jahren, als Check Point gegründet wurde, war es nicht so einfach zu verstehen, was Sicherheit für einen Einfluss auf das Internet und unseren Alltag haben wird. Und heute, wenn Sie bedenken, was alles so im Internet passiert, dann wird Ihnen bewusst, dass jede Beeinträchtigung des Internets sofortige Konsequenzen hat. Das kann soweit gehen, dass es sogar unseren Lebensstil beeinträchtigt.

Wie denn zum Beispiel?
Meine Kinder sind 11 und 18 Jahre alt. Sie kennen eine Welt ohne Internet nicht mehr. Und wenn es ein Problem mit der Internetverbindung gibt, wenn sie nicht funktioniert, oder langsam ist, so fragen sie mich was los sei. Die Internetverbindung ist wichtig, um unser Leben zu meistern. Es geht um Transport, Information, um Unterhaltung und um Handel. Alles, was wir heute tun, hängt vom Internet ab. Denken Sie an die Spitäler: es kann auch um Leben und Tod gehen. In diesem Sinne ist Sicherheit ein wichtiges Gut, das erlaubt, Geschäfte zu tätigen, aber auch unser Leben zu führen.

Ihre Kinder sind verunsichert und bitten Sie um Hilfe, wenn die Internetverbindung langsam ist. Denken Sie, dass Geschwindigkeit automatisch auch Sicherheit bringt?
Heute haben die Leute null Toleranz. Sie wollen unmittelbare Reaktion auf alles, was sie machen. Ich erwarte, mit einem Klick die Information umgehend zu erhalten oder etwas zu kaufen, was auch immer es ist. Es geht um Performance, also Leistung, und sofortige Reaktion. Sicherheit ist Teil von all dem, da sie nicht nur garantiert, dass die Leute das erhalten, was sie wollen, sondern auch, dass die Serviceleistung den Erwartungen entspricht.

Aber Sicherheit hat nicht nur mit Erwartungen, sondern auch mit Vertrauen zu tun. Wie können Sie Vertrauen schaffen, wenn alles so schnell und unmittelbar ist?
Das ist eine grosse und sehr philosophische Frage. Ich denke, Vertrauen hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun. Wir haben uns soeben kennengelernt und vertrauen einander. Vielleicht weil Sie mir in die Augen schauen und ich zu Ihnen spreche. Aber Vertrauen schafft man über die Zeit. Und Glaubwürdigkeit schafft man, indem man guten Service leistet. Das heisst, ein Aspekt davon ist die Reputation. Was werden die Leute über mein Unternehmen denken, wenn ich meine Kundendaten nicht richtig schütze? Es gibt immer direkte und indirekte Auswirkungen, die von einem spezifischen Sicherheitsrisiko oder einer Bedrohung ausgehen. Wie geht das Unternehmen mit diesen Risiken um? Werde ich also mit dieser Firma zusammenarbeiten wollen oder nicht? Es geht darum, seine eigene Reputation zu schützen, um Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu schaffen.

Was weiss Check Point über die Benutzer Ihrer Sicherheitssoftware?
Check Point hat keine Informationen über die Benutzer. Wir sind sehr vorsichtig in dieser Hinsicht. Es gibt verschiedene Richtlinien, die vorgeben, was ein Unternehmen über seine Kunden wissen darf. Bei uns ist jede Information, die in die Cloud geschickt wird, verschlüsselt. Wir können sie also nicht lesen. Die Frage ist aber, was weiss unser Kunde über seine eigenen Mitarbeiter? Und hier sind wir ebenfalls sehr vorsichtig. Wir stellen den Kunden die Mittel zur Verfügung, um den verschiedenen regulatorischen Vorgaben zu entsprechen. Datenschutz hat bei uns hohe Priorität.

Was bringt die Zukunft?
Ich denke, ganz allgemein müssen wir den Entwicklungen und den Hackern immer einen Schritt voraus sein. Und wir sollten uns bewusst machen, dass jede unternehmerische Entscheidung, die wir treffen, immer auch Sicherheitsaspekte hat. Unternehmen sollten den Faktor Sicherheit nicht als etwas Restriktives, sondern vielmehr als Türöffner und treibende Kraft für ihr Geschäftsmodell sehen.

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