1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. «Die besten Startups kommen aus der Garage»

Digital Switzerland
«Die besten Startups kommen aus der Garage»

 

Er dreht Filme über Fintech und Blockchain: Handelszeitung.ch sprach mit Manuel Stagars über die Schweizer Innovationslandschaft.

Kommentar  
Von Caroline Freigang
am 29.03.2017

Er drehte den ersten Film über die Schweizer Fintech-Szene: Manuel Stagars ist eigentlich Ökonom, Unternehmer und Autor, widmete sich aber zuletzt der Filmemacherei. Er wolle die digitale Zukunft greifbar machen, so Stagars. Jetzt folgt sein Film über Blockchain. Dieser wird – ganz digital – auf Youtube veröffentlicht.

Für den Film hat der Schweizer Interviews mit Software-Entwicklern, Kryptologen, Forschern, Unternehmern, Politikern und Futuristen von den USA über Australien bis in der Schweiz geführt. Die Aussagen decken ein breites Spektrum ab: von Blockchain sei die «Chance einer Generation» bis hin zum «Ende des Kapitalismus» durch Blockchain.

Herr Stagars, ist das Thema Blockchain im Mainstream angekommen?
Manuel Stagars*: Blockchain wird alle Aspekte unseres Lebens beeinflussen. Ich wollte erforschen, was die Technologie für Auswirkungen hat: auf das Bruttoinlandsprodukt von Ländern, die Armut, die globalen Finanzmärkte. Die Kryptowährung Bitcoin etwa, basierend auf Blockchain-Technologie, macht es jedem Menschen möglich, ohne eine Bank und nur mit einem Smartphone an der Weltwirtschaft teilzunehmen – egal wo man sich befindet.

Die Schweiz hat das Crypto-Valley in Zug, die Fintechs in Zürich – wie schätzen Sie die Schweizer Innovationslandschaft ein?
Unternehmen, Politik und Universitäten unternehmen viel, um den Schweizer Standort aufzubauen. Was ich beim Drehen meiner Filme in der Schweiz immer wieder gehört habe ist: Es gibt gute Ideen, zu wenig Kapital und fast zu viele Förderungs-Initiativen. Es ist zwar gut, wenn der Staat Innovationen vorantreiben will – viele Startups schaffen es aber leider nie über die Schweizer Grenzen hinaus. Und: Die besten Startups kommen oft aus der Garage, nicht aus einem Inkubator. Die meisten Unternehmer, die ich kenne, haben noch nie einen Businessplan geschrieben.

Wieso nicht?
Eine gute Idee muss man testen, immer wieder hinterfragen und dem Markt anpassen. Dafür muss man sie nicht in einem Word-Dokument aufschreiben.

Braucht es den Businessplan nicht, um an Geld zu kommen?
Um ein Startup zu gründen und mit einer einfachen Idee loszulegen, braucht man zuerst kaum Kapital. Viel Geld gibt man oft nur für die Büromiete, Angestellte oder Werbemassnahmen aus. Hat das dem Testen der Idee gedient? Erfolgreiche Unternehmer brauchen kein Geld, um in die Gänge zu kommen. Sie finden Wege, ihre Projekte auch ohne Fremdkapital umzusetzen, setzen ihre Ideen schnell um, sind agil und selbstständig. Fremdkapital brauchen sie erst in der Wachstumsphase, wenn sie bereits Anfangserfolge vorweisen können. Investoren zieht man an, indem die Idee und deren Umsetzung gut ist. Zu viel Geld im Early-Stage-Startup-Markt verzerrt diesen sogar.

Oft wird bemängelt, unter Schweizer Unternehmern herrsche eine Wohlfühlkultur vor, die wahre Innovation verhindert.
Ich weiss nicht, ob man das allgemein so sagen kann. Dies ist aber schon verständlich, weil eben so viel Unterstützung da ist und deswegen einigen Jungunternehmern der Biss fehlt. Sie werden an der Hand genommen, erhalten Seed-Funding erhalten oder können geregelte Arbeitszeiten verlangen. Die Welt braucht mehr Tüftler, die mit Mut und Herzblut etwas wirklich Neues wagen.

Unter den Fintechs gibt es dennoch einige, die sehr erfolgreich wirtschaften – auch über die Schweizer Grenzen hinaus.
Ja, das sind oft jene, die früh Partnerschaften mit den Banken gesucht haben – wie beispielsweise Bexio oder Advanon – und dann zusammen dem Kunden einen wirklichen Mehrwert bieten konnten.

Ist Kollaboration die Lösung?
Im Fintech-Bereich hat Kollaboration sowohl für die Startups als auch für die Banken Vorteile. Beide behalten die Kundenschnittstelle. Diese ist entscheidend. An Orten wie London oder New York ist das anders: Dort wollen Startups im Finanzbereich disruptiv sein. Ich habe mit einem New Yorker Fintech im Lending-Bereich gesprochen, die sagten: «Wir würden den Banken raten, ins Kaffeebusiness überzugehen. Die besten Immobilien haben Sie ja.» Man will den Banken das Business ablaufen und geht auf Konfrontation. In der Schweiz kommt das weniger gut an.

Viele Unternehmen setzen mittlerweile auf interne Innovationshubs, um Entwicklungen am Markt abzugreifen oder selbst zu entwickeln. Was halten Sie davon?
Dass die UBS ein Blockchain-Research-Lab in London hat, ist clever. So bleibt die Bank am Puls der Zeit und positioniert sich ausgezeichnet. Innovationen, die sich selbstständig im Markt beweisen, werden aber auch in diesen Hubs selten entwickelt.

Sie haben ein Buch für Entrepreneure geschrieben. Was ist Ihr bester Rat für junge Unternehmer?
Wenn man ein Startup gründen möchte, muss man sich überlegen: Was will ich wirklich machen? Bin ich ein Vollblut-Unternehmer? Was interessiert mich an diesem Lifestyle? Bin ich bereit, meine gesamte Zeit dafür aufzuwenden?  Wenn man das Feuer hat, Unternehmer zu sein, ist man möglicherweise jahrelang 16 Stunden am Tag sieben Tage die Woche mit seiner Idee beschäftigt. Das ist alles andere als komfortabel und man muss sich darauf einlassen können. Entscheidet man sich für diesen Weg, sollte man sich auf das Testen der ursprünglichen Idee konzentrieren und diese in kleinen Schritten kontinuierlich mit Feedback vom Markt weiterentwickeln.

Wie sieht die Schweizer Bankenlandschaft in fünf bis zehn Jahren aus?
Es wird eine Konsolidierung stattfinden. Viele kleinere Banken können sich schon heute die Compliance nicht mehr leisten. Und wer weiss: Vielleicht kommt ein grosser Player von ausserhalb, der die Kundenschnittstelle hält: ein Google, Facebook oder Apple, Snapchat, oder etwas ganz Neues. Oder ein Netzwerkdienstleister wie die Swisscom schaltet sich ins Bankengeschäft ein – Telekommunikationsanbieter sind international höchst aktiv bei Fintech. All diese Firmen halten Unmengen an Nutzerdaten. Daten sind oft wichtiger als das Kerngeschäft der Firmen selbst. Es gibt in den USA und Grossbritannien Fintechmodelle, die Verlustgeschäfte mit ihrem Fintech-Business machen – aber Daten sammeln, um sich für später in eine Pole Position zu bringen. Für den Fall, dass es zu einer stärkeren Konsolidierung kommt und sie in den Markt vorpreschen können.

*Manuel Stagars ist Filmemacher, Autor, Ökonom und Serienunternehmer mit 20 Jahren Erfahrung in Startup-Gründung und -Beratung in der Schweiz, Amerika, Japan und Singapur. Stagars hat mehrere Finanzzertifikate (CFA, CAIA, ERP) und hat Bücher und wissenschaftliche Arbeiten über Startups, FinTech, Impact Investing und Open Data publiziert.

 

Bitcoin kurz erklärt:

 

 

Anzeige