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«Industrie 4.0 ist vor allem eine Chance»

Ein per App gesteuerter Roboter welcher Kaffee produziert und serviert.

Der Präsident des Branchenverbandes Swissmem über den Zustand der hiesigen Betriebe, die Digitalisierung der Produktion – und die Bedeutung des Lehrplans 21 für den Fachkräftemangel.

Kommentar  
Von Roberto Stefano
am 13.09.2016

Wie geht es der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, kurz MEM? 
Hans Hess*: Das vergangene Jahr war für die Schweizer MEM-Industrie schwierig. Der starke Franken und die schwächere Konjunktur in den BRIC-Ländern haben dazu geführt, dass der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent und der Umsatz um 7 Prozent eingebrochen ist. Laut unseren Mitgliederfirmen ist die operative Gewinnmarge schätzungsweise um 6 Basispunkte zurückgegangen. Das hat dazu geführt, dass rund ein Drittel der ­Betriebe, vor allem die kleinen und mittelgrossen Zulieferer, Verluste schrieb. Um wieder konkurrenzfähig zu werden, haben die Schweizer Firmen allerdings ihre Effizienz verbessert sowie in Innovationen und die Internationalisierung investiert. 

Wie ist der Rückgang der Gewinnmarge zustande gekommen? 
Um international konkurrenzfähig zu ­bleiben, mussten viele Firmen aufgrund der Frankenstärke ihre Preise um rund 10 Prozent senken. Dank Effizienzsteigerungen und günstigeren Einkaufskonditionen konnte der Rückgang etwas eingedämmt werden. 

Wie voll sind nun die Auftragsbücher? 
Die Auslastung in den Betrieben ist mit 87 Prozent immer noch recht gut. Das Umsatzminus ist auf Währungsverschiebungen zurückzuführen. Das Volumen dagegen konnte weitgehend gehalten werden. Im Verlaufe des vergangenen Jahres hat sich die Kapazitätsauslastung aber negativ entwickelt. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend im laufenden Jahr fortsetzt. 

Die Branche ist optimistisch, dass 2016 der Tiefpunkt erreicht wird. Weshalb? 
Diejenigen Firmen, die rasch und entschlossen Massnahmen gegen den starken Franken umgesetzt haben, konnten bereits gegen Ende 2015 davon profitieren und die Ertragslage wieder verbessern. Das erlaubt ihnen, auch 2016 zusätzlich in ihre Konkurrenzfähigkeit zu investieren. Rund ein Drittel der Firmen rechnet derzeit mit einem Wachstum im Ausland in den kommenden zwölf Monaten, fast die Hälfte geht zumindest von einer Stabilisierung der Ertragslage aus. Voraussetzung ist, dass der Franken nicht wieder erstarkt und sich die Weltmärkte nicht deutlich ­abschwächen. Die Visibilität ist aber vielerorts sehr schlecht und die Unsicherheit bleibt damit hoch. 

Mit welchem Wechselkurs kann die MEM-Industrie leben? 
Die Kaufkraftparität des Frankens zum Euro liegt heute bei rund 1.25. Mit einem Wechselkurs von 1.10 sind die Schweizer Exporteure zwar immer noch mehr als 10 Prozent teurer als ihre Konkurrenten in Europa. Doch mit 1.10 oder besser können viele der grösseren Firmen heute einigermassen leben. Der Druck auf den Margen bleibt aber sehr hoch, insbesondere bei den KMU. Der dadurch entstandene ­beschleunigte Strukturwandel hinterlässt seine Spuren in den Bilanzen der Firmen und im Arbeitsmarkt. Entscheidend für die weitere Entwicklung werden die ­poli­tischen Rahmenbedingungen für die ­Exportfirmen in der Schweiz. 

Woran denken Sie? 
Mehrere politische Dossiers sind für die hiesige Industrie von grosser Bedeutung. Zu denken ist an die Umsetzung der ­Masseneinwanderungsinitiative und unser Verhältnis zu Europa. Sollte sich die Beziehung weiter abkühlen, so könnte dies die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland beschleunigen. Ebenfalls wichtig für die Branche sind die Unternehmens­steuerreform III oder die Revision der ­Altersvorsorge. Entscheidend ist, dass das Parlament nicht noch mehr Regulierungen beschliesst.  

Und sollte der Franken wieder zulegen? 
Die Firmen haben sich auf einen Kurs ­zwischen 1.05 und 1.10 Franken zum Euro eingestellt. Sollte diese Grenze nach unten durchbrochen werden, würde der Strukturwandel nochmals beschleunigt. 

Wie zeigt sich dieser? 
Um die verlorenen 6 Prozent Ebit-Marge zurückzugewinnen, brauchen die Firmen normalerweise mehrere Jahre. 2015 haben die Unternehmen in erster Linie ihre ­Kosten reduziert und die Effizienz erhöht. ­Viele Unternehmen versuchen zudem, den Wechselkurs natürlich abzusichern. Sie geben die Euros, die sie von ihren Kunden einnehmen, wieder für Material und Löhne in Euro aus. Dennoch kamen verschiedene Betriebe nicht darum herum, Teile ihrer Produktion in der Schweiz zu schliessen und ins Ausland zu verlagern. 

Welche Branchen sind speziell betroffen? 
Alle Subbranchen der MEM-Industrie leiden. Dramatisch ist die Situation bei den kleinen KMU, die als Zulieferer in der Schweiz stationiert sind. Bei den börsenkotierten Firmen sind die Auswirkungen weniger gravierend, wie die Zahlen zum Geschäftsjahr 2015 zeigen.  

Unterstützen die Effizienzprogramme die Digitalisierung der Industrie? 
Industrie 4.0 ist ein kontinuierlicher Prozess, den viele Firmen in den letzten Jahren eingeläutet haben. Es ist eine Chance, ihre Effizienz zu verbessern oder die eigenen Produkte dadurch attraktiver zu machen, indem sie die Kunden auf dem Weg zu Industrie 4.0 unterstützen. Zu denken ist an Artikel, die mit Sensoren ausgerüstet und digital vernetzt sind. Ein Teil der Firmen hat auch neue Geschäftsmodelle entwickelt. Die Umsetzung von Industrie 4.0 wird aber noch viele Jahre andauern. 

Verhindert der Spardruck nicht nötige Investitionen im Hinblick auf Industrie 4.0? 
Die Gefahr besteht, insbesondere bei ­Unternehmen, die Verluste machen oder negative Cashflows erwirtschaftet haben. In einem ersten Schritt geht es dort darum, «die Blutung zu stoppen». Aber die Unternehmer wissen, dass sie längerfristig nur erfolgreich sind, wenn sie in ihre ­Zukunft und Konkurrenzfähigkeit investieren. Bereits 2016 werden wieder mehr Firmen dazu in der Lage sein. Dabei spielt eine gute Versorgung mit Wachstumskrediten zu günstigen Bedingungen eine wichtige Rolle. Wir erwarten von den Schweizer Banken, dass sie ihre Mitverantwortung wahrnehmen und die Firmen mit genügend und attraktiven Krediten versorgen. 

Wie sieht es diesbezüglich aus? 
Wir beobachten die Situation sorgfältig. Das Zinsumfeld ist sehr positiv, jedoch verteuern zusätzliche Regulierungen bei den Banken die Kredite. Bisher ist die Kreditversorgung aber ausreichend, die Bedingungen für Fremdkapital sind attraktiv. 

Die Schweizer Industrie sei grundsätzlich gut aufgestellt, um bei Industrie 4.0 einen Spitzenplatz einzunehmen. Weshalb? 
Wir gehören zusammen mit Deutschland, Schweden und Österreich laut mehreren Studien innerhalb Europas zu den füh­renden Ländern im Bereich Industrie 4.0. Dies vor allem, weil unsere Betriebe in den vergangenen Jahren, insbesondere seit 2011, sehr viel in schlanke und effiziente Prozesse investiert haben. Zudem weisen sie schon heute einen hohen Grad an Automation auf, was eine Vernetzung vereinfacht. Schliesslich verfügen die Betriebe über eine gute ICT-Infrastruktur und nicht zuletzt über kompetente und auch im Bereich ICT gut ausgebildete Mitarbeitende. 

Wo steht die Schweiz heute bezüglich Industrie 4.0 im weltweiten Vergleich? 
Gegenüber den USA müssen wir in den nächsten Jahren noch zulegen und auch in den asiatischen Länder haben die Unternehmen die Chance erkannt und investieren in die Digitalisierung der Industrie. Als Lieferanten hochwertiger industrieller Maschinen und Anlagen können wir davon auch profitieren. Aber andere Länder sind uns auf den Fersen, wir müssen ­unbedingt am Ball bleiben. 

Wie wird Industrie 4.0 die Schweizer verändern? 
Industrie 4.0 wird nicht nur die Industrie, sondern alle Branchen und eigentlich auch die gesamte Gesellschaft verändern. Wenn sie der Generation unserer Kinder zusehen, ist dieser Prozess bereits in vollem Gang. Daher ist es besonders wichtig, dass wir die Kinder schon in der Schule auf die Anforderungen der Digitalisierung vorbereiten. Wir setzen uns für den Lehrplan 21 und damit dafür ein, dass die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) mehr ­gefördert werden. Denn Industrie 4.0 ist für die Schweiz in erster Linie eine Chance und viel weniger ein Risiko. 

Welche Auswirkungen hat Industrie 4.0 auf die hiesigen Arbeitskräfte? 
Das wird je nach Branche unterschiedlich sein. In der MEM-Industrie rechnen wir eher mit bescheidenen Auswirkungen. Sie ist schon heute stark automatisiert. Der Wertschöpfungsanteil von daten­basierten Dienstleistungen wird aber sicher zunehmen. Wenn wir unsere Strategien zu Industrie 4.0 rasch und erfolgreich umsetzen, können wir vielleicht eher mehr als weniger Arbeitsplätze anbieten. Das gilt jedoch primär für qualifizierte Stellen, die auf einer abgeschlossenen ­Berufslehre basieren. Jobs mit geringerer Qualifikation kommen bereits heute stärker unter Druck, und dies wird sich in ­Zukunft akzentuieren. Die Bildung ist ­einmal mehr entscheidend, um die ­Menschen in unserem Land auf die steigenden Anforderungen ihrer beruflichen Qualifikation vorzubereiten. 

Wo sehen Sie weitere Gefahren der vierten indus­triellen Revolution? 
Die Datensicherheit wird ein immer wichtigeres Thema. Zudem braucht es eine funktionierende und leistungsfähige Informatikinfrastruktur. Industrie 4.0 muss einfach bleiben, damit sich der Mensch in der digitalisierten Welt zurechtfindet. 

Wie wird die Schweizer MEM-Industrie in fünf Jahren aussehen? 
Ich bin überzeugt, dass – wenn die Politik weiterhin günstige Rahmenbedingungen für die Industrie schafft – der Werkplatz Schweiz in fünf Jahren gestärkt aus den heutigen Herausforderungen hervorgehen und gut dastehen wird. Wichtig ist, dass wir Firmen die Chancen der digitalen Revolution mutig und unternehmerisch anpacken. Wenn sich die Rahmenbedingungen dagegen weiter verschlechtern, wenn wir beispielsweise die bilateralen Verträge verlieren würden, dann wird es für die Industrie in der Schweiz eng. 

*Hans Hess ist Präsident Swissmem, Verwaltungsrat bei Burckhardt Compression, Kaba und Comet. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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