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«Traditionelle Kreise begegneten uns mit Skepsis»

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Anfang der Woche wurde das 20. Jubiläum des Startup-Wettbewerbs «Venture» gefeiert. Initiator Thomas Knecht erinnert sich an die Anfänge, als Startups noch kein Trendthema waren.

Stefan Mair
Kommentar  
Von Stefan Mair
2017-06-21

Bundesrat Schneider-Ammann fand am Montag nur lobende Worte für das Startup-Förderprogramm «Venture». In der Anfangszeit war die Unterstützung noch nicht so gross. Wie erlebten Sie die Gründerzeit des Programms?

Thomas Knecht*: Traditionelle Kreise begegneten uns mit einiger Skepsis, gleichzeitig gab es bereits ein reges Interesse der jungen Gründerinnen und Gründer. Gleich in der ersten Austragung nahmen Firmen teil, die heute gestandene KMU sind, wie der Sensoren-Hersteller Sensirion, die vegetarische Restaurantkette Tibits oder die Biotech-Firma ESBAtech, die später an Novartis verkauft wurde.

Wie hat sich die Gründer-Szene seither entwickelt?

Eine regelrechte Startup-Industrie ist in der Schweiz herangewachsen. Wenn jemand eine Firma gründen will, wird er oder sie breit unterstützt. Auch Risikokapital ist vorhanden, zumindest für die Anfangsphase. Selbst in einer breiten Öffentlichkeit ist dieser Weg heute sozial akzeptiert und unter den Studierenden gilt er als aufregende Alternative zu klassischen Karrierepfaden. Viele Studierende und Absolventen denken, dass eine Startup-Erfahrung durchaus den Stellenwert eines MBA’s erreichen kann. Und in der Corporate World gewinnt diese Sichtweise an Stellenwert. Früher galt das Mantra, dass Research prinzipiell in house betrieben werden müsse. Heute haben  gestandene Firmen erkannt, was für eine enorme Chance es ist, wenn die Startups 1000 Ideen ausprobieren, und sie dann diejenige Firma akquirieren können, die sich durchgesetzt hat. Dieser Weg ist oft kostengünstiger und schneller als Eigenentwicklung.

Viele Schweizer Startups kommen in der Anfangsphase, oft auch durch Business Angels, schnell zu Geld. Bei grösseren Runden verlassen sie dann aber die Schweiz. Warum?

Die Schweiz hat gleich viele Einwohner wie Israel, doch die dortige Startups-Szene ist um einiges aktiver. In Tel Aviv sind einige grosse Risikokapitalfirmen ansässig, die auch late stage Finanzierungsrunden über 20 Millionen stemmen können, auch dank israelischen Pensionskassen, die substantiell in Startups investieren – wie übrigens auch in den USA. Bei uns beginnt das erst zögerlich. Wir haben eine Lücke bei late stage Finanzierungen.

Wo müsste die Schweiz ansetzten, damit die hiesige Startup-Szene ihr Potential besser ausschöpfen kann?

Unser Steuersystem hat in Bezug auf die Besteuerung des Aktienwertes Nachteile für Gründerinnen und Gründer und es ist für die Startups schwer, ausländisches Talent in der Schweiz anzustellen. Diese zwei Punkte höre ich am meisten, neben dem fehlenden Kapital für die Wachstumsphase. Bei der Besteuerung sind wir schon am weitesten. Der Kanton Zürich hat diese angepasst. Ich meine, weitere Kantone sollten folgen. Es ist wahrscheinlich wirksamer und günstiger, die Besteuerung anzupassen, als Steuergelder in die Jungunternehmerförderung zu investieren. Auf Bundesebene wurde ein Vorstoss kürzlich abgelehnt.

Und bei den zwei anderen Themen?

Bei der Talentfrage gibt es interessante Ansätze, wie das «Startup Visum» nach kanadischem Vorbild, dass Ständerat Ruedi Noser  kürzlich präsentierte. Dieser Vorstoss kam nicht durch, aber das Problem scheint erkannt. Und bei Wachstums-Finanzierung hat eine erste Sammelstiftung Anfang Jahr begonnen, direkt in Startups zu investieren. Ich bin gespannt auf die Resultate.

In der Szene hört man immer wieder vom Problem, dass Schweizer Gründerinnen und Gründer zu schnell verkaufen. Ist das richtig?

Man sollte nie vergessen, wie klein die Schweiz ist. CB Insights, die renommierte Risikokapital-Datenbank, listet zwei «Unicorns» für die Schweiz auf, während in den USA 106 Firmen gezählt werden, die mit Wagniskapital finanziert sind und mit über einer Milliarde Dollar bewertet werden. Doch pro Einwohner sind wir fast gleichauf mit Amerika. Länder wie die UK mit 9 Unicorns, Deutschland mit 4 oder Frankreich mit 2 haben nach dieser Sicht mehr Aufholbedarf als wir.

Wo sehen Sie die Schweizer Startup-Welt in zehn Jahren?

Je schneller sich das Innovations-Rad dreht, desto mehr ist die Schweiz auf Startups angewiesen. Wenn ich Ihnen einen Wunsch mitgeben darf, dann den, dass die Medien unsere Gründer-Helden ähnlich feiern sollten wie unsere Sportstars. Über Fussballer erscheinen grosse Portraits aus der Reha, aber sind Ihnen die Namen Patrick Amstutz von Molecular Partners, Julian Bertschinger von Covagen oder Giovanni Leo von Endosense geläufig, alles erfolgreiche hiesige Biotech-Unternehmer?

In den letzten 20 Jahren des Wettbewerbs haben 3500 Teams teilgenommen und 700 Firmen wurden gegründet. Wissen Sie, wie viele Firmen noch bestehen?

Eine frühere Untersuchung ergab, dass 85 Prozent der Venture-Gründungen die magische 5-Jahres-Marke überlebte. Das ist sehr hoch, nach gängigen Massstäben. Nach unserer Hochrechnung haben Venture-Alumni über 7000 Arbeitsstellen in der Schweiz geschaffen.

Was waren für Sie die beeindruckenden Erfolgsgeschichten?

Es gibt unzählige, aber die Geschichte der Biotech-Firma GlycArt zeigt sehr gut, wie Venture funktioniert: Die Gründer entwickelten an der ETH eine innovative Technologie, die sich auf Krebszellen anwenden lässt, realisierten aber nicht, welches wirtschaftliche Potential darin schlummerte. Zum Glück kamen sie in Kontakt mit Venture, wo sie ein ehemaliger Ciba-Geigy Forschungsleiter coachte und mit ihnen die Kommerzialisierung der Technologie ausarbeitete. Fünf Jahre später verkauften sie GlycArt für 235 Millionen Franken an Roche.

Geben erfolgreiche Gründer ihr Wissen in Coachings im Rahmen des Programms weiter?

Ja, denn viele machten eine ähnliche Erfahrung wie GlycArt: Venture spielte eine wichtige Rolle in der Entstehung ihres Startups, sie fühlen sich dem Wettbewerb verbunden und möchten anderen jungen Menschen helfen, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.

Sie kamen bei der Gründung von Venture aus der Beratungswelt. Engagieren sich die grossen Beratungsfirmen genug für die Startup-Szene, oder interessieren diese sich nur für die Big Player? Wäre eine Art Startup-Rabatt bei Beratungsmandaten denkbar?

Viele der grossen Beratungsfirmen engagieren sich heute stark in der hiesigen Startup-Szene. McKinsey & Co ist ein Stiftungsrat von Venture und die Gewinner erhalten ein Gratis-Coaching von ihnen, das ist ein Teil des Preises. Generell bemerkt man eher, dass zwar kein Startup-Rabatt gewährt wird, aber dass Beratungsfirmen teilweise Aktien statt Geldvergütungen akzeptieren und damit einen Teil des Risikos übernehmen.

Sie führen die Knecht Holding, ein traditionsreiches Schweizer Reise und Logistik-Unternehmen. Was haben Traditionsfirmen und Startups eigentlich gemeinsam?

Diese Grenzen verschwinden mehr und mehr. Gestandene Firmen kaufen und integrieren Startups, unsere hundertjährige Banken stehen im Wettbewerb mit jungen Fintechs, und auch die Karrieren sind heute durchlässiger: einer der GlycArt-Gründer leitet heute eine grosse Forschungsabteilung von Roche, der andere ist weiterhin in vielen Startups involviert. Wer in etablierten Unternehmen nicht in einzelnen Themen und Bereichen eine Startup-Mentalität etablieren kann, wird Schwierigkeiten haben. Die erforderlichen Anpassungen sind heute extrem herausfordernd.

Gibt es neue Schwerpunkte, die das Programm in den nächsten Jahren setzen möchte?

Die Schweiz ist traditionell sehr stark in den Life Sciences, das spiegelt sich bei unseren Teilnehmern. Doch wir wären eigentlich auch für IT getriebene Felder wie Big Data, künstliche Intelligenz oder dem Internet of Things prädestiniert. Und natürlich aufgrund des Finanzplatzes für Fintech. Ich hoffe, dass wir mehr Teilnehmer aus diesen zukunftsweisenden Bereichen rekrutieren können. Ein zweites Ziel lautet, mehr Startup-Vorbilder zu schaffen. Dafür haben wir verschiedene Projekte gestartet. Ich hoffe, dass Ihnen und einem breiten Publikum die Namen der Schweizer Zuckerbergs in zehn Jahren vertraut sind. Drittens sind wir überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Firmen verbessert werden kann. Hier gibt es unnötige Reibungsverluste. Dafür «best practice» zu etablieren, ist ein weiteres Ziel.

*Thomas Knecht entstammt einer Aargauer Unternehmerfamilie und leitet die Knecht Holding. Zuvor arbeitete er 30 Jahre für McKinsey & Co, er war Chef der Schweizer Niederlassung und sass im internationalen Verwaltungsrat der Beratungsfirma. Er gehört zu den Initiatoren des Startup-Förderprogramms "Venture".

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