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Digital Switzerland
Warum es riskant ist, Facebook einem Staat gleichzustellen

Weltweiter Einfluss: Braucht es für Tech-Riesen einen Botschafter? Keystone

Dänemark will einen digitalen Botschafter entsenden und behandelt damit Facebook, Google und Co., als wären sie Staaten. Diese Entscheidung ist riskant.

Kommentar  
Von Karen Merkel
am 07.02.2017

Das Silicon Valley ist das gelobte Land des digitalen Zeitalters. In Scharen pilgern die Gläubigen dorthin, die Strahlkraft von Facebook, Apple und Alphabet findet weltweit ihre Jünger.

Jetzt aber hat Dänemark den Tech-Hype auf die Spitze getrieben: Das nordeuropäische Land will einen «digitalen Botschafter» entsenden und verleiht den Tech-Riesen damit die Bedeutung von eigenen Nationen. Aussenminister Anders Samuelsen zieht diesen Vergleich sogar wörtlich. Er sagte vergangene Woche, dass Google, Apple, IBM und Microsoft Firmen seien, «die Dänemark so beeinflussen, wie es sonst Staaten tun: Es ist eine neue Realität».

Doch ist es sinnvoll und vertretbar, wenn Unternehmen den Rang eine Staates bekommen?

Pro: Tech-Konzerne sind grösser als viele Staaten

Keine Frage, Facebook, Microsoft und Co. sind Giganten. Apple hat in den zehn Jahren seit dem iPhone mehr Umsatz gemacht als das BIP der Schweiz beträgt, die Einnahmen von einem Quartal überrunden den Haushalt von Staaten wie Ungarn.

Der Marktwert von Apple und Google ist so gewichtig – wären sie Staaten, hätten sie ein Anrecht auf die Aufnahme in die Runde der G20. Auch wenn das Phänomen der Grosskonzerne bereits länger und in anderen Branchen besteht, haben die Dimensionen der Tech-Riesen eine neue Qualität. Diese Grösse, so könnte das Argument lauten, macht neue Massstäbe nötig – und damit einen eigenen Botschafter.

Pro: Ihre Entscheidungen betreffen uns alle

Die Prozesse unter anderem gegen Google («Recht auf Vergessen») haben es gezeigt: Die Vorgehensweise der Tech-Riesen determiniert in nicht unerheblichem Masse unsere Lebenswelt. Und die möglichen Geschäftsmodelle. Gerade für die Schweiz, die stark auf Datenzentren setzt, sind die Regelungen in punkto Privatsphäre und Sicherheit entscheidend.

Diese Punkte nennt auch der dänische Aussenminister als eine der Kernaufgaben des digitalen Botschafters – mit den Firmen über «Datensicherheit und Privatsphäre zu sprechen». Über den Umgang mit diesen heiklen, komplexen Themen in direkten Austausch mit den Unternehmen zu stehen – dafür würde ein digitaler Botschafter Sinn machen.

Pro: Bedeutende Investitionen

Als weitere Aufgabe soll der dänische Digitalbotschafter Geld einwerben. «Wir hoffen, wir können diese Unternehmen davon überzeugen, in Dänemark zu investieren», sagte Aussenminister Samuelsen bei der Präsentation der Idee. Laut Washington Post generieren die ausländischen Unternehmen in Dänemark – 1 Prozent der Firmen – ein Fünftel aller Konzerneinnahmen im Land.

Das Werben um die Tech-Riesen hat in Dänemark bereits Früchte getragen: Kürzlich hat Facebook dort den Bau eines neuen Datenzentrums beschlossen, Google hatte 2015 vorgelegt. Auch für die Schweiz ist diese Strategie nicht uninteressant. Immerhin sitzt in Zürich auch das grösste Forschungs- und Entwicklungszentrum von Google ausserhalb der USA mit mittlerweile 2000 Mitarbeitern, Tendenz steigend.

Kontra:  Konzerne sind keine Staaten

Auch wenn die Investitionen der Tech-Branche für ein Land bedeutsam sind und ihre Produkte die Lebenswelt der Bevölkerung prägen: Ihnen einen politischen Status zu verleihen, schafft ein Ungleichgewicht. Auch die Pharma-Branche, beispielsweise, ist ein Milliardengeschäft und berührt existenzielle Lebensbereiche. Warum also nicht dort auch auf diplomatischer Ebene verhandeln? Es wäre ungerechtfertigt, die Tech-Branche alleine derart hervorzuheben.

Derzeit kann Dänemark die genaue Aufgabenstellung für den Tech-Diplomaten noch nicht konkret benennen. Aussenminister Samuelsen betonte jedoch, dessen Aufgaben sollten nicht «rein symbolischer» Natur sein.

Allerdings ist die Verhandlungsebene von vorneherein schief, denn Unternehmen sind keine Staaten. Letzen Endes braucht es für die Verhandlungen mit Apple, Google, Facebook und Co. auch keinen Botschafter, sondern übliche Interessensvertreter der Wirtschaft, wie es sie seit jeher gibt. Es wird sich zeigen müssen, inwiefern der neu benannte Digitalbotschafter Aufgaben erfüllt, die davon abweichen. Sollte dem nicht so sein, ist der Titel ohnehin reines Marketing.

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