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Digital Switzerland
«Wenn man etwas anpackt, dann macht man es richtig»

 

Deutschlands ehemaliger Wirtschaftsminister und aktueller WEF-Direktor über die digitale Revolution in der Schweiz und seine Hobbyfliegerei.

Kommentar  
Von Stefan Barmettler
am 13.09.2016

Wie hoch schlägt Ihr Herz, wenn Sie US-Präsident Donald Trump 2017 in ­Davos begrüssen dürften?
Philipp Rösler*: Wir sind eine unpartei­ische Institution, deshalb kommentieren wir keine potenziellen Teilnehmer.

Trump will Importsteuern einführen, Mauern bauen lassen, Freihandelsabkommen aufkündigen. Sie persönlich, aber auch das Weltwirtschaftsforum gilt als ­liberaler Freihandelsverfechter.
Als ich Wirtschaftsminister Deutschlands war und auch für den Aussenhandel zuständig, war ich bei den ersten Verhandlungen in Sachen Transatlantisches Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU beteiligt. Nun habe ich eben gelesen, dass sich auch Hillary Clinton dezidiert kritisch zu TTIP äussert. Da gibt es also offenbar auf beiden Seiten ­Vorbehalte. Aber wie gesagt: Ich bin jetzt nicht mehr Politiker, sondern neutraler Beobachter – und halte mich politisch ­zurück.

Protektionismus ist nicht nur in den USA, sondern auch in Grossbritannien und ­anderswo auf dem Vormarsch. Das muss einen Liberalen wie Sie beunruhigen.
Früher wurde der multilaterale Ansatz verfolgt, der von der Freihandelsorgani­sation WTO vertreten wird. Offenbar hat man eingesehen, dass man mit interna­tionalen Vereinbarungen – siehe Doha-Runde – mit dem Freihandel nicht so arg ­vorankommt. Letztlich sind die bilateralen oder regionalen Verträge, die ausgehandelt werden, die zweitbeste Lösung im Vergleich zu multilateralen Abkommen.

Der Freihandel ist unter Druck.
Eines der Millennium Development Goals der Uno war die Halbierung der Armut, das ist gelungen. Diese Armutsbekämpfung haben wir zum schönen Teil dem ­globalen Welthandel zu verdanken. Wenn die Grundprinzipien – offene Märkte, ­freier Handel, fairer Wettbewerb – eingehalten werden, bringt Freihandel Wohlstandsgewinne. Aber auch nur dann.

Auch der Brexit ist letztlich eine Absage an den Freihandel.
Beim Brexit stand nicht der Freihandel im Vordergrund, vielmehr war die Immigra­tion das dominierende Thema. Das kann man schon daran erkennen, dass die britische Regierung jetzt alles daransetzt, den Freihandel – Stichwort Zugang zum europäischen Binnenmarkt – zu retten.

Das Forum, auch Gründer Klaus Schwab, machten sich stark gegen den Brexit.
Wir haben uns tatsächlich starkgemacht für ein Verbleiben Grossbritanniens in der EU. Wir sind der Meinung, dass eine politische Einigung Europas gut ist für die Menschen.

Das sieht eine wachsende Minderheit in der EU nicht so.
Professor Schwab stammt aus der Idee der europäischen Einigung. Er war engagiert in der deutsch-französischen Jugend­bewegung. Als er mit dem Forum 1971 ­anfing, hiess es zuerst European Management Forum – die Institution hat klar ­europäische Wurzeln und Überzeugungen.

Sie twittern und zeigen Bilder im Internet, die Sie im Motorsegler über Deutschland zeigen. Was bringts?
Ich bin seit dem 14. Lebensjahr Segelflieger. Nach der Politik habe ich meinen Flugschein reaktiviert, nun habe ich den internationalen Motorsegelflugschein in meiner Heimat gemacht.

Und weshalb twittern Sie?
Ich bin nicht auf Facebook und mache auch nicht bei Instagram, bei Snapchat mit. Hingegen benützte ich WhatsApp ­privat und dienstlich. Und dann twittere ich seit Jahren. Primär gehts um Dienst­liches. Auf Twitter habe ich mittlerweile 13 000 Follower, das sind mehr als damals als deutscher Wirtschaftsminister. Neue Technologien haben mich schon immer interessiert und mir vieles im Arbeitsalltag oder privat erleichtert.

Sie gelten als Computerfreak der ersten Stunde.
Nicht der ersten Stunde, ich gehöre zur 8-Bit-Generation, die auf Homecomputern mit Schwarzweiss-Monitoren und in Basic programmierte. Da war ich tatsächlich ein Early Adopter. Auch bei Mobilfunk und Smartphones war ich früh dabei. Ich hatte vor über zehn Jahren ein Sony Ericsson P900i, das man aufklappte. Das Gerät konnte jene Kontakte über ein Icon speichern, mit denen man am meisten tele­fonierte, mailte oder SMS verschickte. Das gibt es heute leider gar nicht mehr.

Ein Gamer waren Sie auch?
Von Pacman über The Seven Cities of Gold bis Strategiespiele habe ich vieles gemacht.

Und heute?
Ich habe zuhause ein paar Flugsimulatoren. Bei einem Simulator ist die Schweiz samt Bergen und Flugplätzen drauf. Da kann ich mit dem Segelflugzeug, mit dem Motorflieger oder mit dem Jet durch die Schweizer Alpen fliegen.

Neu macht das World Economic Forum bei Digital Zurich 2025 mit. Weshalb? Das Forum ist eine globale Plattform.
Professor Schwab hat das Thema Digitalisierung und ihre Auswirkungen schon sehr früh begleitet und mit seinem Buch «Die Vierte Industrielle Revolution» mitgeprägt. Auch mich haben Technik und die Digitalisierung stets fasziniert.

Aber weshalb gerade Digital Zurich 2025?
Die Schweiz hat in der Digitalisierung enorm viel zu bieten – viel mehr, als weltweit wahrgenommen wird. Und wenn es darum geht, das heimische unternehmerische Denken zu fördern und gleichzeitig gegen aussen bekannter zu machen, dann ist das ein Ziel, dem wir uns verpflichtet fühlen. Die Schweiz ist unser Gastgeberland, hier haben wir unsere Wurzeln, ergo sind wir mit dem Land sehr eng verbunden. Als Wirtschaftsminister Deutschlands habe ich die Technologie-Hubs in Tel Aviv, Berlin, London und im Silicon Valley besucht und habe auch die Schweizer Szene, gerade den Zurich Hub, kennengelernt. Die vielfältigen Aktivitäten ­haben mich beeindruckt.

Wie schneidet die Schweiz im inter­nationalen Vergleich ab?
Das Unternehmerische, das Kreative aus der digitalen Welt hier in der Schweiz braucht sich nicht zu verstecken. Den gros­sen Unterschied gibt es bei der Verfügbarkeit von Risikokapital, da ist der Pool im Silicon Valley oder in London grösser.

Was spricht dennoch für die Schweiz?
Die Vernetzung. Gerade im starken in­dustriellen Mittelstand in der Schweiz. Schauen Sie einmal, wie stark die Privatwirtschaft mit Spitzenhochschulen wie der ETH in Zürich oder der EPFL in Lausanne kooperiert. Allein diese Verbindung ist es wert, in der Welt bekannter zu ­machen und den globalen Investoren zu zeigen: Wenn du was Innovatives suchst, brauchst du dich nicht nur im Silicon ­Valley umzuschauen. Gehen Sie mal nach Zürich oder in die Schweiz.

Die Schweiz schneidet im globalen ­Digital-Report des Weltwirtschaftsforums auf Rang 7 ab, hinter Singapur, Finnland.
Das sollte Ansporn sein, sich untereinander noch stärker zu vernetzen. Die Stärke der Schweiz liegt in der klassischen mit­telständischen Industrie. Diesen starken Mittelstand gibt es so nur in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Wenn man diese mittelständischen Betriebe mit dem kreativen, dynamischen Jungunternehmertum der digitalen Szene verbinden kann und die beiden Stärken kombiniert, kann daraus richtig was werden. Klar, das Silicon Valley hat ganz viele Startup-­Unternehmer, aber was die Nähe zur ­klassischen Industrie wie etwa dem Maschinenbau angeht, braucht sich die Schweiz nicht zu verstecken.

Der Schwachpunkt ist gemäss Forum der Staat als Begleiter der Digitalisierung, in dieser Disziplin schneidet die Schweiz bloss auf Rang 43 ab – also im Mittelfeld.
Es kommt darauf an, welche Rolle man dem Staat zubilligt. Mit einer liberalen Grundhaltung setzt man eher auf die ­Innovationskraft der Unternehmer und weniger auf eine staatliche Lenkung. Aber was ich als Politiker gelernt und vertreten habe, sind zwei Dinge: Man kann die Stärken der Unternehmen bekannter machen und man kann dafür sorgen, dass diese beiden Welten – die klassische Welt und die digitale Welt – zusammenkommen. Da sehe ich schon auch eine Rolle des Staates.

Wie soll das gehen?
Es braucht ein gegenseitiges Verständnis: Das Verständnis der Politik für Unternehmer, aber auch das Verständnis der Unternehmer für die Politiker, die das Gemeinwohl im Blick haben müssen. Es gibt ja durchaus aktuelle Herausforderungen für Lokalpolitiker.

Welche?
Wenn innovative Unternehmen wie Uber oder Airbnb in eine Stadt kommen, kann die Politik vom einheimischen Gewerbe ganz schön unter Druck geraten. Da kollidieren ab und zu ganz unterschiedliche ­Interessen: Der Politiker hat vielleicht den Plan, die Innenstadt zu beleben. Wenn aber die schönsten Innenstadt-Immobilien gekauft und via Airbnb quasi zu Hotels ­umfunktioniert werden, ist das möglicherweise ein Zielkonflikt. Und wenn der alt eingesessene Hotelier oder der Taxibetreiber, der seit Jahren in der Stadt Steuern zahlt und Arbeitsplätze schafft, viel strengeren staatlichen Vorschriften unterworfen ist als die neue Konkurrenz, gibt es ebenfalls Konflikte. Diese unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen, ist wichtig. Wenn dies nicht geschieht, kann es sein, dass der Hotelier oder der Taxibetreiber politischen Widerstand aufbaut. Für Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls ist dieser Austausch, gegenseitiges Verständnis wichtig. Dazu können wir mit ­Digital Zurich 2025 eine Plattform bieten.

Steuerliche Anreize für Startups?
Das kann eine Möglichkeit sein, wobei ­tiefere Sätze für alle und weniger Ausnahmen ebenfalls überlegenswert ist. Ich sehe aber zuerst einmal Engagements, die gar nichts kosten.

Nämlich?
Indem zum Beispiel Bundespräsident und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann internationalen Investoren auf seinen Reisen erklärt: Klar gibt es im Silicon Valley gute Projekte, aber schaut euch auch mal die Schweiz an. Das tut Wirtschaftsminister Schneider-Ammann ja vielenorts. Ist die Schweiz weniger kreativ als die Leute in London oder im Silicon Valley? Lohnt es sich nicht, einen Teil des Risikokapitals in der Schweiz zu investieren? Und dann gibt es noch die Möglichkeiten, mit Spitzenhochschulen wie ETH oder EPFL und mit einer starken Industrie zusammenzuarbeiten. In meinen Gesprächen mit Politikern und Wirtschaftsakteuren rund um die Welt verweise ich gerne auf unser Wettbewerbs-Ranking, wo die Schweiz seit Jahren auf Rang eins steht. Digitalisierung heisst ja nicht nur, Schuhe via Internet zu verkaufen. Eine richtige ­industrielle Revolution ist es, wenn die ­gesamte Produktion aufgrund der Digitalisierung neu ausgerichtet wird. Das haben längst viele Unternehmer verstanden. Dieses tief verwurzelte mittelständische Denken hier in der Schweiz fasziniert mich: Wenn man etwas anpackt, dann macht man es richtig.

Der Staat kann also als Promotor und als Supporter wirken?
Für mich gilt in der digitalen Welt grundsätzlich: Nicht der grosse Fisch frisst den kleinen, sondern der schnelle den langsamen. Und da kann es Aufgabe des Staates und Regulierers sein, mit den Unternehmern zusammenzukommen und dafür zu sorgen, dass die gegenseitigen Bedürf­nisse besser verstanden werden – mit dem gemeinsamen Ziel, dass die Unternehmen noch schneller werden.

Im E-Government oder im E-Voting gibt es in der Schweiz viele Ansätze – nichts hat sich auf nationaler Ebene durchgesetzt.
Da gibt es international ein paar Beispiele, die es lohnt, näher anzuschauen, etwa in Singapur oder in Südkorea. Die baltischen Staaten, besonders Estland, sind ebenfalls vorne dabei. Ich halte Digital Governance für wichtig. Das macht vieles einfacher und schneller. Und vor allem hilft es, wenn der Staat Kontakte zu jungen Unternehmern hat, die zum Beispiel Apps programmieren. Das öffnet Augen. Man kann heute vieles digital machen – etwa bei der Autoimma­trikulation, beim Personalmeldeamt. Und es tut sich einiges: Von Genf habe ich eben eine persönliche Nummer gekriegt, mit der ich mich auf der Website des Kantons einloggen und darüber sämtliche Dienstleistungen erledigen kann.

Klaus Schwab ist auch ein Technologie-Promotor. Da haben sich zwei gefunden.
Professor Schwab hat an der ETH Zürich Ingenieurwissenschaften studiert, aber er hat den Blick über das Ökonomische ­hinaus. Sein Buch über die Digitalisierung wurde bereits in 15 Sprachen übersetzt – auch ins Chinesische, ins Türkische, ins Koreanische. Das Buch zeigt drei zentrale Aspekte: Es gibt keine Branche, die nicht von der Digitalisierung erfasst wird. Der Prozess läuft in einer unglaublichen Geschwindigkeit ab. Während wir hier diskutieren, ob der Taxibetrieb Uber zugelassen werden soll oder nicht, gibt es anderswo Diskussionen über selbstfahrende Taxis. Und drittens: Der digitale Wandel hat immensen Einfluss auf die Gesellschaft, die Kommunikation, die Bildung, die Arbeit.

Der Roboter, der immer mehr Arbeit übernimmt, ist für viele ein Schreckgespenst.
Es ist richtig, in der gesamten Wertschöpfungskette übernimmt der Computer immer mehr Aufgaben. Das heisst, dass die Qualifizierung, das Reskilling immer wichtiger wird. Nehmen Sie Foxconn: Da sind 1,3 Millionen Mitarbeiter damit beschäftigt, die Smartphones dieser Welt zusammenzubauen. Wenn wir das Smartphone mit dem 3D-Drucker demnächst zuhause produzieren können – und das wird nicht mehr Jahrzehnte dauern –, fragt man sich in China, was mit diesen 1,3 Millionen ­Arbeitern passieren soll. Diese und ähn­liche Fragen stellen sich viele asiatische Niedriglohnländer.

Die Gefahr besteht, dass Know-how und Funktionen wieder in die ­Industrie­länder zurückwandern.
Richtig, in Sri Lanka, Kambodscha, Vietnam oder Thailand sieht man diese Gefahr durchaus. Kürzlich hab ich Fernando Harin, den 37-jährigen Minister für Digitale Infrastruktur Sri Lankas, getroffen. Bislang hat das Land günstige Arbeitskräfte an­geboten, das war sein Wettbewerbsvorteil. Um der wachsenden Bevölkerung Arbeit anzubieten, setzt die Regierung jetzt auf Digitalisierung. Um in der digitalen Welt was zum Laufen zu bringen, braucht es am Anfang nicht sehr viel. Ein Schreibtisch, ein Computer, ein Breitbandzugang und vor allem eine gute Idee genügen. Dieser Schreibtisch kann überall stehen.

Klaus Schwab ist mittlerweile 78 Jahre alt. Mit 80 will er offenbar kürzertreten. Schlägt dann die Stunde von Philipp ­Rösler als neuer Präsident des Forums?
Ich hab noch nie gehört, dass Professor Schwab mit 80 aufhören will. In unserer Runde haben wir ein Durchschnittsalter von 35 Jahren und das Medianalter liegt bei 33 Jahren, wir sind also ein sehr junges Team. Auf der anderen Seite ist Professor Schwab derjenige, der von uns am meisten in der Welt unterwegs und in den ­Bergen ist. Kürzlich hatten wir eine ­Klausurtagung in Zermatt und gingen ­anschliessend auf eine Tour. Ich würde ja nicht behaupten, dass ich unsportlich sei, aber Professor Schwab lief vorne mit.

Und wenn Sie gefragt würden?
Brauchen wir uns gar nicht vorzustellen. Mit meiner Aufgabe beim WEF bin ich ­absolut glücklich – und so, wie es ist, sollte es möglichst lange bleiben. Vergessen wir nicht: Alles, was wir hier machen, ist nicht auf meinem Mist oder auf jenem meiner Kollegen gewachsen, das ist der Genius von Professor Schwab. Da können alle davon lernen, ob sie 33, 44 oder 55 Jahre alt sind.

Sie sind Mediziner und wissen um die Endlichkeit.
Ich habe meine Doktorarbeit in Herzchirurgie gemacht. Wenn ich mit 80, 85 Jahren ein fittes Herz habe, bin ich dem lieben Gott dreimal dankbar.

*Philipp Rösler ist Direktor des World Economic Forum WEF. Der 43-jährige absolvierte ein Medizinstudium in Hannover, war Präsident der FDP Niedersachsen und war Vorsitzender der FDP in Deutschland. Seit 2014 ist Rösler Managing Director und Mitglied des Managing Board WEF in Cologny.
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