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«Wir werden viel mehr unheilige Allianzen sehen»

Jonas Kjellberg: «Wir werden noch viel mehr unheilige Allianzen sehen.» Youtube

Jonas Kjellberg gehört zu den schillerndsten Startup-Persönlichkeiten. Der Skype-Mitgründer über die Lehren aus Rückschlägen, die Schweiz und den Marktplatz der Zukunft.

Kommentar  
Von Mathias Ohanian
am 22.03.2017

Welche Fehler begehen Jungunternehmer immer wieder, obwohl sie leicht zu vermeiden sind?
Jonas Kjellberg: Oft arbeiten sie hart an ihrem Produkt, kümmern sich aber nur wenig um dessen Anziehungskraft. Es ist aber so wichtig, schnell die Bestätigung zu bekommen, dass die Menschen das Produkt verstehen. Wenn du dein Produkt nicht mit Powerpoint verkaufen kannst, entwickle es erst gar nicht.

Angenommen, ich bin eher der Technik-Freak und habe Probleme, mein Produkt zu verkaufen.
Such dir jemanden, der es kann. Gute Unternehmer erkennen ihre Stärken und komplementieren ihre Schwächen.

Was ist für Sie als Investor am wichtigsten: die Idee, die Gründer oder die Verkaufsstory?
Am ehesten ist es die Idee. Ich versuche, Dinge zu erkennen, die andere Menschen nicht sehen – oder noch nicht.

Sie haben unter anderem in den Online-Händler Zalando investiert. Wohin steuert E-Commerce in Zukunft?
Das bestehende, lineare Modell des 
E-Commerce wird herausgefordert und wir werden ein Revival des alten Marktplatzes erleben – aber auf eine ganz neue Art. Wie die neue Form des Online-Handels aussehen wird, ist schwer vorherzusehen, weil sie noch nicht erfunden wurde. Aber ich halte danach Ausschau.

Was war Ihr grösster Fehlgriff?
Ich habe so viele Firmen gestartet, die am Ende nicht erfolgreich waren. Da gab es Lycos, die von einer Firma namens Google überrannt wurde. Ganz generell ist es leicht, Startups zu unterschätzen und die Schnelligkeit, mit der sie Märkte auf den Kopf stellen können. Schauen Sie sich Firmen wie Blockbuster oder Nokia an, die enorm unter den Veränderungen gelitten haben.

Was haben Sie aus Ihren Rückschlägen gelernt?
Ich habe immer mehr die Dynamik von Startups und dem Geschäftemachen verstanden. Vor allem aber habe ich drei entscheidende Sichtweisen hinzugewonnen, welche für mich heute noch sehr bedeutend sind. Zunächst habe ich gelernt, wie man Kunden für sich gewinnen kann. Ebenfalls entscheidend: Du brauchst ein Produkt, das die Menschen wirklich lieben. Und drittens musst du bestehende Geschäftsmodelle verändern wollen.

Was treibt Sie persönlich jeden Tag an?
Es ist grossartig, Dinge aufzubauen und Produkte zu entwickeln, welche die Menschen mögen. Das fasziniert mich.

Wie entstehen Startup-Ökosysteme wie das Silicon Valley, Tel-Aviv oder Berlin?
Das hängt von so vielen Faktoren ab. Ganz sicher gilt: Erfolg treibt Erfolg. Häufen sich bestimmte Fähigkeiten an einem Ort, können Cluster entstehen. Und natürlich braucht es etwas Glück.

Wie schlägt sich die Schweiz?
Die Schweiz ist heute nicht der Super-Tech-Hub in Europa. Aber es gibt einige wichtige Faktoren, welche die Ent­wicklung treiben – und die Möglichkeiten sind gewaltig. Die Schweiz ist auch in der glücklichen Position, dass Google eine so grosse Rolle spielt. Das kann ein Treiber für Innovation sein: Immer mehr Spin-offs entstehen von Menschen, die bei Google gearbeitet haben und jetzt ihre eigene Firma gründen. Das ist der erste Schritt zu einem Ökosystem.

Wo kann die Schweiz Erfolg haben?
Aus der Schweiz kommen einige inter­essante Dinge zur Datenanalyse. Vor dem Hintergrund der grossen Bankentradition in der Schweiz wäre auch Fintech interessant. Aber auf diesem Gebiet ist es sehr schwer, bestehende Ideen herauszufordern.

Die Schweizer Bezahl-App Twint misst sich mit Apple Pay. Beide Angebote sind noch relativ jung. Wie weit ist Skandinavien bei dem Thema?
Ich habe niemals Bargeld in meinem Portemonnaie – nicht mal, wenn ich am Wochenende das Fussballspiel meiner Kinder besuche. In Schweden und Dänemark haben die bestehenden Bezahllösungen bereits eine sehr hohe Durchdringung. Viele Menschen verdienen gutes Geld mit Geldtransaktionen – warum sollte man das also nicht ändern wollen? Bargeldloses ­Bezahlen ist viel angenehmer für Menschen. Mein Tipp ist also, dass auch die Schweiz diesen Weg beschreiten wird.

Wie verändert die Digitalisierung unser Leben?
Grundsätzlich gibt es immer Veränderungen. Aber heute arbeiten Firmen nicht mehr an einer Elektrizitätsstrategie wie vor 100 Jahren, sondern an Mobile-First-Lösungen. Über die ständigen Veränderungen sollten wir glücklich sein, weil sie im Sinne der Konsumenten sind. Und wenn sie es nicht sind, dann verschwinden Produkte einfach wieder.

Und was ist das nächste grosse Ding?
Wir werden noch viel mehr unheilige Allianzen zwischen Jungunternehmen und den grossen Playern sehen, weil es immer schwieriger für Startups wird ohne starke Finanzierung. Du startest nicht so einfach eine Bezahl-App, wenn du gegen grosse Firmen wie Apple oder Google kämpfst, wo ohnehin schon eine Startup-Mentalität herrscht.

Skype-Mitgründer Jonas Kjellberg wird am 4. April am «Business-Summit» im Rahmen des zweitägigen SAP Forum 2017 in Basel auftreten.

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