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Mobile Illusion: Schweizer Recruiter im Rückstand

 

Schweizer Firmen glauben, sie seien bei der mobilen Rekrutierung vorne dabei. Eine Untersuchung beweist das Gegenteil.

Kommentar  
Von Stefan Mair
am 15.09.2016

Der Mobile-Trend hat längst auch die Personalabteilungen erfasst. Mit einem Klick auf dem Handy sollen sich potenzielle Mitar­beiter auf den Karriereseiten der ­Firmen bewerben. Ohne grossen Aufwand werden Daten aus LinkedIn und Xing inklusive Bewerbungsschreiben in das Recruitingsystem des potenziellen Arbeitgebers gebeamt. Der Trend, der sich seit Jahren abzeichnet, hat sich zuletzt noch verstärkt. Smartphones werden mittlerweile von 50 Prozent der Stellensuchenden bei ihrer Suche genutzt, zeigt die Trend-Spot-Mobile-Recruting-Studie 2016.

Die Nutzung von mobilen Geräten bei der Stellensuche verteilt sich sogar gleichmässig auf alle Altersgruppen. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer unter 25 wünscht sich zudem die Möglichkeit, sich auf eine Stelle mit einem Link zu ihren Social-Media-Profilen bewerben zu können. Wie bereit ist die Schweizer Wirtschaft aber, um diesen Bedürfnissen nachzukommen? Wie steht es um mobile Karriereseiten und wie können sich Stellensuchende überhaupt bewerben? Glaubt man den Selbstbeschreibungen vieler Firmen, könnte man annehmen, sie seien ganz vorne dabei, was die ­Mobile- oder Social-Media-Bewerbung betrifft.

Grosse Diskrepanz

Eine Studie des Internetdienstleisters Jacando zeigt allerdings auf, dass bei Schweizer Firmen noch einiges im Argen liegt. Befragt wurden 100 Schweizer HR-Fachleute und Geschäftsführer danach, wie sie ihr digitales Personalmanagement einschätzen. Gegenübergestellt wurden diese Aussagen einer Ana­lyse von 100 Karriere-Websites der Firmen. Soviel vorweg: Zwischen Vorstellung und Realität besteht eine enorme Diskrepanz. Das Problem zeigt sich schon bei der Ausschreibung der Stellen: Obwohl es inzwischen viele Möglichkeiten zur gezielten Ausschreibung, auch via ­Targeting gibt, findet zielgruppenspezifische Jobausschreibung in Online-Kanälen nur zögerlich statt. Die meisten Stellen landen auf der eigenen Karriereseite oder den grossen Jobportalen. Wenn überhaupt So­cial-Media-Kanäle zum Einsatz kommen, dann setzen Firmen hauptsächlich auf Xing und LinkedIn, ­jedoch selten mit einem eigenen Unternehmens-­Account. Meist werden die Kollegen aufgefordert, die Stelle im Facebook-Feed ihrer Freunde zu streuen.

Bei der Bewerbung der Kandidaten gehen viele Firmen wieder in die Steinzeit des Internets zurück. Eine One-Click-Bewerbung gibt es nur bei 12 der untersuchten 100 Firmen. Eine Bewerbung per Social-­Media-Profil ist nur bei 16 möglich. 60 setzen auf eine Postbewerbung. Bei 76 Firmen ist zusätzlich über die offizielle Recruiting-Adresse der Firma eine E-Mail-Bewerbung möglich. An die dürfen Mitarbeiter dann ihre PDF-Dokumente anhängen. 27 Prozent der befragten Firmen sagen, dass sie bereits auf den Mobile-Recruiting-Zug aufgesprungen sind. Bei der Art desselben zeigt sich aber, dass die Firmen darunter lediglich Mobile-optimierte Stellenanzeigen verstehen. Der eigene Stellenmarkt in der Firma ist aber nicht mal bei der Hälfte der Firmen Mobile-optimiert. Eine eigene Mobile-Recruiting-App besitzen nur 25 Prozent der untersuchten Firmen. Die Bewerbung per SMS ist nur bei sechs Firmen möglich.

Verbindung mit Karrierenetzwerken

«Viele Firmen halten sich für voll digitalisiert, wenn sie E-Mail-Bewerbungen zulassen. E-Mail hat mit der Digitalisierung von Rekrutierungsprozessen aber nicht viel zu tun, sondern ist nur die Fortführung der Postbewerbung», erklärt Dennis Teichmann von Jacando. Der Gründer von Jacando, einer Firma, die Talent-Management-Systeme und Matchmaking-Systeme anbietet, will durch die Studie natürlich auch den Bedarf nach seinen eigenen Dienstleistungen unterstreichen. Tatsächlich ist es aber bemerkenswert, dass im Jahr 2016 noch immer so viele Firmen auf die Postbewerbung setzen. «Es ist unfassbar, dass diese Bewerbungsform in der heutigen Zeit noch so verbreitet ist», sagt Teichmann. «Es gibt eine Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität, was die digitalen Rekrutierungsstrategien von Firmen angeht.»

Firmen verlieren durch ihre Pseudodigitalisierung bei der Rekrutierung auf jeden Fall viel Zeit. Für eine Vakanz treffen bei Firmen durchschnittlich etwa 50 Bewerbungen ein. Eine Postbewerbung benötigt etwa 36 Minuten, bis sie bearbeitet ist, eine Bewerbung per Mail 30. In einem One-Click-System oder Bewerbermanagement-System könne der Zeitbedarf auf sieben Minuten gesenkt werden, behaupten ­junge Startups. Jacando spricht sogar von drei Mil­lionen Arbeitsstunden, die nicht nötig wären, wenn der Rekrutierungsprozess besser digitalisiert wäre.

Videos im Kommen

Die ernüchternden Ergebnisse der Befragung ­belegt auch eine Studie, die im Fachblatt HR-Today veröffentlicht wurde. Nur 23 Prozent der Karriere­seiten von 173 untersuchten Firmen waren Mobile-optimiert. Nicht einmal jedes zehnte Unternehmen bietet Bewerbern Mobile-optimierte Bewerbungsformulare an. Auffällig sei zudem, dass die Mobile-optimierten Karriereseiten oftmals nur eine gekürzte Fassung des Karrierebereichs der Desktop-Version darstellen, heisst es in der Studie: «Auf dem Weg zur mobilen Bewerbung ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das jeweilige schweizerische Unternehmen durch mo­bile Nutzerfreundlichkeit auszeichnet, derzeit noch beunruhigend gering.» Das schadet den Firmen mehr als sie glauben – denn immerhin ist die Mobile-Optimierung ein wichtiger Faktor im Ranking bei Google.

Der rasante Aufstieg der sozialen Netzwerke LinkedIn und Xing könnte noch mehr Druck auf die ­Rekrutierungsstrategie der Firmen ausüben. Viele Bewerber stimmen zu, dass ihre CV-Daten direkt aus den Karriereportalen gesaugt werden. Sie sind gar nicht mehr bereit, für jeden Arbeitgeber einen neuen CV zu erstellen und dann vielleicht noch als PDF an eine E-Mail anzuhängen. Zudem werden auch So­cial-Matching-Angebote immer häufiger genutzt, bei denen ein Algorithmus interessante Stellen beziehungsweise interessante Bewerbergruppen herausfiltert. In ferner Zukunft wird man sich vielleicht ­sogar mit einem Video begnügen müssen, anstatt den CV des Bewebers vor sich liegen zu haben. LinkedIn erlaubt einigen Nutzern ja bereits, eigene ­Videos hochzuladen. In der Welt von immer mehr vernetzten, mit Videocontent und Targeting-Funk­tionen versehenen Karriereprofilen dürften die muffigen Karriereseiten Schweizer Firmen alt aussehen.

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