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Free Lunch
24 Handelspartner und ihre Sicht auf den Franken

Der Schweizer Franken bleibt bis zu 20 Prozent überbewertet. Keystone

Wie stark ist der Schweizer Franken wirklich? Eine Statistik der SNB besagt: sehr stark. Teil eins eines Doppel-Posts zum Schweizer Franken nach dem Brexit.

Kommentar  
Von Stefan Gerlach
am 04.07.2016

Der Schweizer Franken gilt als überbewertet. Stimmt das wirklich? Wenn ja, wie ist es dazu gekommen? Und wann wird der Franken wieder schwächer?

Dazu eine Grafik. Sie stammt von der Website der Schweizerischen Nationalbank und zeigt zwei Datenreihen: den handelsgewichteten Wechselkurs des Schweizer Frankens (in blau) sowie den Preis eines Warenkorbs von 24 der wichtigsten Handelspartner gegenüber einem Korb von Schweizer Waren (in rot). 

Die rote Kurve steigt an, weil die Preise im Ausland in der Vergangenheit rascher gestiegen sind als in der Schweiz. Dies bedeutet, dass die anderen Länder wegen der dortigen, relativ hohen Inflation an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben, während die Schweiz an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen hat.

Die blaue Kurve zeigt den Wert des Schweizer Frankens in den Währungen derselben 24 Länder. Sie steigt ebenfalls an, weil der Schweizer Franken mit der Zeit an Wert gewonnen hat. Aufgrund dieses Aufwertungstrends hat die Schweiz an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst.

Eine Beziehung, die in beide Richtungen funktioniert

Dass die beiden Kurven ähnlich verlaufen, deutet darauf hin, dass sich die Inflationsdifferenzen und die Wechselkursveränderungen gegenseitig weitgehend aufgehoben haben. Das bedeutet, dass auf die lange Sicht die Kaufkraftparität gilt. Diese These besagt, dass sich der Wechselkurs im Laufe der Zeit an die Veränderungen der relativen Preise anpasst.

Diese Beziehung funktioniert in beide Richtungen: Durch einen stärkeren Wechselkurs sinken einerseits die Importpreise und die Inflation. Durch eine niedrigere Inflation wird die Volkswirtschaft im internationalen Handel andererseits wettbewerbsfähiger, wodurch Investitionen aus dem Ausland gefördert werden und der Wechselkurs fester wird.

Zwei historische Phasen, als die Gleichung nicht stimmte

In der Vergangenheit gab es zwei Phasen, in denen die beiden Kurven stark und langfristig auseinanderliefen. Die erste Phase war in den 1970er Jahren – nach dem Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems, mit dem die Länder feste Wechselkurse zum US-Dollar vereinbart hatten. Da die Inflation in der Schweiz tiefer gewesen war als in den anderen Ländern war der Franken-Wechselkurs zu niedrig und zog in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre sehr stark an.

Die zweite Phase begann mit dem Konkurs von Lehman Brothers im September 2008, der die globale Finanzkrise auslöste. Zu Beginn legte der Schweizer Franken nur leicht zu. 2010 und 2011 wertete er aber sehr stark auf, da in einigen Ländern des Euroraums Staatsschuldenkrisen ausbrachen und in der Folge viel Kapital in den sicheren Schweizer Franken floss. Diese Ströme verstärkten sich anschliessend aufgrund der ultralockeren Geldpolitik im Euroraum noch weiter. Zur Zeit des Mindestkurses zwischen September 2011 und Januar 2015 war der Wechselkurs zwar zwischenzeitlich stabil, danach wertete der Franken abermals auf. Seit dem Brexit notiert er zum Euro bei ungefähr 1.08 Franken.

Eine Anpassung über beide Seiten ist möglich

In der Gesamtschau über die letzten vierzig Jahre zeigt die obige Grafik, dass sich die relativen Preise im Laufe der Zeit gleichmässig entwickeln, der Wechselkurs aber stärker schwankt. Dies lässt vermuten, dass die künftige Anpassung bei der Kaufkraftparität grösstenteils über den Wechselkurs erfolgen wird.

Gleichzeitig hat der starke Wechselkurs in der Schweiz zuletzt aber zu einer Deflation geführt. Daher wird die Anpassung mit Sicherheit auch über die Inflationsdifferenzen vonstattengehen. Solange der Wechselkurs auf dem aktuellen Niveau verharrt, wird die Überbewertung allmählich durch die Deflation in der Schweiz abgebaut. Eine Anpassung des Wechselkurses wird mit der Zeit daher immer weniger erforderlich sein.

Der Abstand zwischen der roten und der blauen Kurve deutet darauf hin, dass der Franken bis zu 20 Prozent überbewertet sein könnte. Sollten die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten im Ausland ziemlich rasch schwinden und die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und anderer Zentralbanken relativ schnell eingestellt werden, würde die Anpassung weitgehend über den Wechselkurs erfolgen. Dass dies geschieht, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Irgendwann wird die Kaufkraftparität wieder gelten

Im Hinblick auf die Zukunft ist es überhaupt nicht sicher, dass die Überbewertung des Frankens nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Zum Beispiel führt ein rasches Wirtschaftswachstum in der Regel zu höherer Inflation, ohne dass sich der Wechselkurs verändern würde (dies, weil dass ein Grossteil des zusätzlich generierten Einkommens auf Dienstleistungen entfällt, wodurch ihre Preise steigen, da sie nur in begrenztem Ausmass international gehandelt werden). Ausserdem besteht die Gefahr, dass der Franken aufgrund neuer Schocks noch weiter aufwertet.

Andererseits ist die jetzige Aufwertung des Schweizer Frankens auf die wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten im Ausland zurückzuführen. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass der Schweizer Franken irgendwann abwerten wird, wenn diese Faktoren an Bedeutung verlieren.

Wie hoch die Überbewertung des Frankens unter dem Strich ist, inwieweit sie durch eine Abwertung abgebaut wird und wie schnell dies passieren wird, sind schwer zu beantwortende Fragen. Dennoch erhöht sich durch die Überbewertung des Frankens die Wahrscheinlichkeit einer Abwertung. Diese würde nicht zuletzt auch die Erträge von Anlagen beflügeln, die in anderen Währungen getätigt werden.

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