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Free Lunch
Basler Doping für den Franken

harmaindustrie dominiert den Export: Verpackungsanlage bei Spirig in Egerkingen. Keystone

Die Schweizer Währung bleibt stark. Ein Grund dafür ist die Exportstärke des Landes – speziell eine Industrie dominiert alle Branchen.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 04.03.2016

Es ist ein Dämpfer: Nachdem der Franken zum Monatsbeginn schwächelte, wird er nun wieder stärker. Am Devisenmarkt kostet ein Euro inzwischen nur noch knapp 1.09 Franken. Vor drei Wochen waren es zeitweise über 1.11 Franken gewesen.

Was steckt dahinter? Gängige Kommentare verweisen auf gestiegene Unsicherheiten. Themen wie die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines britischen Austritts aus der EU haben den Druck auf die Schweizer Währung erhöht. Der mögliche Brexit hat das Pfund geschwächt und den Franken gestärkt.

Die fundamentalen Stärkefaktoren

Auf die langfristigen Treiber der Währungskurse wird in der Tagesdiskussion allerdings selten eingegangen. Das ist schade. Denn die Schweizer Volkswirtschaft steckt seit 15 Jahren in einem fundamentalen Ungleichgewicht: Auf der einen Seite werden zunehmende Exportüberschüsse erwirtschaftet – auf der anderen Seite werden die Exporteinnahmen immer weniger häufig im Ausland investiert.

So hält sich auf dem Devisenmarkt eine latente Dysbalance. Das Ausland fragt Franken nach, um Güter und Dienstleistungen aus der Schweiz zu kaufen – doch es fragt mehr Waren nach, als die Schweiz umgekehrt aus dem Ausland importiert. Es fragt auch mehr Franken nach, als von der Schweiz aus über den Finanzmarkt netto wieder ins Ausland geschleust werden.

Die Schere öffnet sich weiter

Eklatant wird dieser Gegensatz ab 2009. Ab diesem Moment brach der Mechanismus zusammen, der zuvor für das so genannte Recycling der Handelsüberschüsse gesorgt hatte. Die privaten, grenzüberschreitenden Transaktionen ins Ausland stagnierten. Fortan sprang die Nationalbank als Käuferin ausländischer Anlagen ein. Dies nicht zuletzt, um den Exportüberschuss der hiesigen Volkswirtschaft nicht zu gefährden.

Die folgende Grafik verdeutlicht, wie sich die Schere geöffnet hat. Sie zeigt die verschiedenen Komponenten der Zahlungsbilanz – und zwar aufsummiert seit der Jahrtausendwende. In der oberen Hälfte stehen die kumulierten Überschüsse aus dem Waren- und Dienstleistungshandel (blau, rot). Unten sind die kumulierten Kapitalflüsse des Privatsektors (violett) und der Notenbank (hellblau). Die beiden Hälften sind zwangsläufig symmetrisch (bis auf eine Restgrösse, die «statistische Differenz»).

Aus der Aufstellung wird klar: Die Überschüsse wachsen weiterhin mit einer konstanten Steigerungsrate an. Verantwortlich dafür ist heute weniger der Dienstleistungssektor, sondern vor allem der Warenhandel. Dort haben die Überschüsse zuletzt stärker zugenommen. Mit fast 37 Milliarden Franken erreichten die Warenexportüberschüsse 2015 sogar ein neues Rekordhoch.

Eine alles überragende Branche

Warum exportiert die Schweiz viel mehr Waren, als sie importiert? Eine Antwort lautet: Wegen der Pharmaindustrie. Sie war (nebst der Uhrenindustrie) über die letzten zwanzig Jahre diejenige Branche, in der die Ausfuhren am stärksten wuchsen. Zwischen 1996 und 2014 haben sich die Pharmaexporte von 14 auf 71 Milliarden Franken verfünffacht (Angaben aus einer Studie von Interpharma).

Das Wachstum hat zwei Gründe. Erstens: die zunehmende Nachfrage nach Medikamenten rund um den Globus. Zweitens: die Positionierung der Schweizer Pharmaindustrie, speziell im Bereich der Immunologie. Die hiesigen Pharmaprodukte sind nicht sensitiv auf Preis- und Wechselkursbewegungen: Wird der Franken stärker, so werden auch die Exportumsätze grösser – weil die exportierte Menge kaum sinkt.

Wie bedeutsam die Pharmaindustrie für die hiesige Import-Export-Bilanz ist, zeigt die folgende Grafik. Auf ihr sind die Nettoexporte (also Exporte minus Importe) von Pharmaprodukten abgebildet (blau), daneben stehen die Nettoexporte im restlichen Warenhandel (grün). Diese «Handelsbilanz der Restwirtschaft» wäre zum heutigen Zeitpunkt ausgeglichen – allein wegen der Pharma weist die Schweiz zurzeit aber Exportüberschüsse von fast 10 Milliarden Franken pro Quartal aus.

Fluch und Segen der Pharma

Der überragende Stellenwert der Pharmaindustrie hat zwiespältige Folgen. Pharma ist auf der einen Seite zwar eine wichtige Stütze für die Volkswirtschaft: Die Branche beschäftigt 40 000 Personen direkt und weitere 139 000 Personen indirekt; sie ist ein Zugpferd beim Wirtschaftswachstum; über 5 Prozent der nationalen Wertschöpfung gehen auf ihr Konto (Angaben ebenfalls von Interpharma).

Auf der anderen Seite ist die Pharma aber auch eine Last. Denn: Die vielen Medikamentenexporte machen den Franken stark. So stark, dass andere Branchen wie der Tourismus oder die Maschinenindustrie kaum Schritt halten können. Wegen der schlechteren Kosten-Ertragsstruktur stehen diese Branchen zurzeit stark unter Druck. Der Abbau von Stellen erweist sich als unvermeidlich.

Die Basler Krankheit

Übers Ganze gesehen bleibt die Pharmaindustrie ein Pluspunkt für die Schweiz – so, wie es jede erfolgreiche Branche letztlich ist. Trotzdem gibt es Schattenseiten. Die Pharmaindustrie generiert mit gerade einmal einem Prozent der Beschäftigten über einen Drittel der landesweiten Warenexporte. Sie übt so – über das Ventil des Wechselkurses – eine enorme Hebelwirkung auf das Preisgefüge in der Schweiz aus.

Eine solche Konstellation wird auch als holländische Krankheit bezeichnet. Dies in Anlehnung an eine Entwicklung der 1960er Jahre, als die zunehmenden Erdgasexporte der Niederlande den Industriesektor des Landes schwächten. Heute drängt sich ein ähnlicher Schluss auf: Die Schweiz leidet ein Stückweit an der Basler Krankheit. Die Pillen vom Rheinknie sind zwar ein Doping für den Wechselkurs – doch sie machen das Leben für andere Exportbranchen nicht einfacher.

Übrigens: Die SNB veröffentlicht am 21. März neue Zahlen zum Aussenhandel. Es würde nicht überraschen, wenn die Zahlungsbilanz fürs Jahr 2015 vom Ungleichgewicht zwischen Exportüberschuss und Kapitalexport geprägt bleibt.

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