1. Home
  2. Blogs
  3. Free Lunch
  4. Bei den BIZ-Ökonomen ist Feuer im Haus

Free Lunch
Bei den BIZ-Ökonomen ist Feuer im Haus

Vertritt vehemeht ihre Hausmeinung: Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.Keystone

Die Forschungsabteilung der BIZ fordert vehement eine restriktivere Geldpolitik. Nun rüffelt ein externer Bericht die Falken von Basel.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 25.01.2017

«Flimsy» ist keines dieser diplomatischen Wörter, die normalerweise in Evaluationen stehen. Es bedeutet so viel wie: dünn, zweifelhaft, fadenscheinig. Dass es im Bericht dreier unabhängiger Ökonomen über die ökonomische Forschung bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel trotzdem vorkommt, ist ein deutliches Zeichen. Etwas liegt hier im Argen.

Dieses etwas, so der im Januar publizierte Bericht, ist offenbar die so genannte «Hausmeinung» bei der BIZ. Sie besagt, dass Zentralbanken in ihrer Geldpolitik nicht nur den Wirtschaftsoutput und die Inflation, sondern auch den Finanzmarkt berücksichtigen sollten. «Leaning against the wind» heisst diese Idee im Jargon. Die Empfehlung der BIZ, wonach sich Zentralbanken «gegen den Wind lehnen» sollten, sei aber nicht durch überzeugende Belege gestützt, kritisieren die Autoren des Berichts, Fanklin Allen, Charles Bean und José De Gregorio, drei Wirtschaftsprofessoren und Ex-Notenbanker. Selbst ein Teil der eigenen BIZ-Belegschaft fände die Theorie eher «flimsy», notieren sie.

Was tun gegen Finanzblasen?

Die Zinspolitik von Notenbanken ist ein ewiges Streitthema. Die Position der BIZ wurde in der «Handelszeitung» bereits vorgestellt. Billiges Geld fördere nicht automatisch die Wirtschaft, sagte der Forschungschef der Basler Institution, Hyun Song Shin, in einem Interview vom letzten Sommer. Zusammen mit Claudio Borio, dem Co-Leiter des Forschungsdepartements bei der BIZ, vertritt Shin die Ansicht, dass Zentralbanken grösseres Gewicht auf die Finanzstabilität legen sollten – sprich, mit höheren Zinsen gegen Börsenblasen vorgehen sollten. Dieselbe Idee propagierte bereits Bill White, einer der Vorgänger von Shin und Borio. White hatte bereits vor der Finanzkrise vor den Gefahren exzessiver Verschuldung und irrationalen Überschwangs gewarnt. In ihren Jahresberichten geht die BIZ stets ausführlich auf Risiken im Finanzsystem ein.

Die Forderung nach höheren Zinsen kommt bei vielen Investmentprofis und auch bei manchen Journalisten gut an. In den Notenbanken selbst ist «leaning against the wind» jedoch nicht der Standard. Praktisch alle wichtigen Zentralbanken stützen ihren Zinsentscheid primär auf der realwirtschaftlichen Entwicklung ab – also auf der beobachteten und prognostizierten Entwicklung des BIP, der Arbeitslosigkeit und der Inflation. Zinspolitik mit Blick auf die Börsenkurse zu betreiben, könne Turbulenzen hervorrufen, meinte die heutige Fed-Chefin Janet Yellen 2014. Ähnlich argumentiert der Internationale Währungsfonds. Heftig gegen die Idee der BIZ wehrt sich auch der Schwedische Ökonom Lars Svensson: Seiner Ansicht nach richten höhere Zinsen – höher, als es die realwirtschaftliche Lage rechtfertigt – mehr Schaden als Nutzen an.

Dass Verzerrungen auf dem Finanzmarkt eine Gefahr sind, bestreitet in den Wirtschaftswissenschaften eigentlich niemand. Im Gegenteil. Speziell seit der Finanzkrise wird etwa Immobilienblasen wieder grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Der konventionelle Ansatz von Zentralbanken sieht aber eine Aufgabenteilung vor: Für die Realwirtschaft ist die Zinspolitik zuständig, für Asset-Preis-Blasen gibt es makroprudenzielle Massnahmen. Auch in der Schweiz funktioniert das so. Die Nationalbank hält die Zinsen tief, um die Konjunktur angesichts des starken Wechselkurses nicht abzuwürgen. Gleichzeitig werden in Zusammenarbeit mit dem Bund neue Regeln aufgestellt, um die Immobilienblase abzufedern: Höhere Eigenkapitalanforderungen bei der Hypothekenvergabe, strengere Regeln für die Amortisierung.

Forschung mit Scheuklappen

Der Streit rund um «leaning against the wind» (LAW) dreht sich im wesentlichen um diese Zuständigkeitsfrage. Gegner von LAW argumentieren, dass die Trennung zwischen Zinspolitik und makroprudenziellen Massnahmen ein zielgerichtetes Vorgehen ermöglicht: Man kann mit unterschiedlichen Mitteln auf die jeweilige Situation in der Realwirtschaft und auf den Finanzmärkten reagieren. So werden Krisen nicht unnötig verlängert und am Ende wird gesamtwirtschaftlich ein besseres Ergebnis erzielt. Befürworter von LAW entgegnen, dass dieses Mikromanagement in der Praxis zu einem Rattenschwanz von Ausweichreaktionen und weiteren Regulierungen führt. Eine Theorie der BIZ besagt ausserdem, dass tiefe Zinsen auf die Dauer die Wirtschaft schwächen, was wiederum noch tiefere Zinsen nötig macht. 

Die Diskussion um LAW hat sich in letzter Zeit intensiviert. Mehrere Paper wurden veröffentlicht (etwa hier beim IWF, hier bei der Bank of Enland, hier bei der BIZ oder hier bei der norwegischen Zentralbank), mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Sie hängen unter anderem davon ab, mit welchen mathematischen Methoden und Parametern die Wahrscheinlichkeit und die Tiefe von Finanzkrisen modelliert wird, die durch das Platzen von Finanz- und Schuldenblasen entstehen können.

Peinlich für die BIZ in Basel ist, dass ihre Chefökonomen offenbar nicht unvoreingenommen an die Frage herangegangen sind. Die Forschung sei exzessiv darauf fokussiert worden, Beweise zugunsten von LAW zusammenzutragen. Anderen Optionen zur Finanzstabilisierung sei zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, heisst es in der Evaluation, die der Forschungsarbeit bei der BIZ ansonsten ein gutes Zeugnis attestiert. Gegenüber der FT sagte eine BIZ-Sprecherin, man «schätze die konstruktiven Vorschläge» des externen Evaluationsberichts. Man darf gespannt sein, wie die Kritik aufgenommen wird. Bis zum nächsten Jahresbericht bleibt noch ein knappes halbes Jahr Zeit.

Anzeige