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Free Lunch
Bei ihrem wichtigsten Ziel schwächelt die Nationalbank

SNB in Bern: Die Nationalbanker sehen den Franken noch immer «deutlich überbewertet». Keystone

Die Chancen stehen gut, dass der grosse Währungssturm für die Nationalbank vorerst vorüber ist. Bei ihrem primären Mandat strauchelt die Mannschaft um Präsident Thomas Jordan jedoch gewaltig.

Kommentar  
Von Mathias Ohanian
am 22.03.2016

Hat die Nationalbank (SNB) den grössten Währungssturm vorerst überstanden? Nach dem Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) und der heutigen vierteljährlichen Lagebeurteilung der SNB drängt sich diese Frage auf. Und es scheint, als könne die Mannschaft um Präsident Thomas Jordan mit Blick auf den Franken vorerst aufatmen. Doch das wichtigste Ziel – die Preisstabilität – erreicht die SNB weiterhin nicht, zeigt die heutige Veröffentlichung.

Die EZB verkündete in der vergangenen Woche ein Bündel an Massnahmen: Sowohl den Einlagezins als auch den Hauptrefinanzierungssatz senkte Präsident Mario Draghi. Das Volumen der monatlichen Anleihekäufe wurde deutlich erhöht. Künftig kaufen Europas Währungshüter nicht mehr nur Papiere aus dem Finanzsektor.

Manisches Auf und Ab an den Märkten

Für sich allein genommen hätte die EZB-Ankündigung das Potenzial gehabt, den Euro signifikant zu schwächen und vice versa den Aufwertungsdruck auf den Franken zu erhöhen. Die SNB hätte das unter Zugzwang setzen können. Doch nichts davon ist passiert: Weder gewann der Franken an Wert, noch reagierte die Nationalbank heute.

Zwar sieht man den Franken noch immer «deutlich überbewertet», doch im Gegensatz zu den Kollegen in Frankfurt sich selbst nicht in der Bringschuld. Möglich machte das in der vergangenen Woche auch eine Äusserung von EZB-Präsident Draghi, der an der Medienkonferenz ausschloss, die Zinsen noch weiter in den negativen Bereich zu drücken. Sogleich stürzte die Stimmung an den manischen Finanzmärkten nach einem kurzen Höhenflug in den Keller.

Grösste Herausforderung sind stabile Preise

Hält der Italiener am Ende Wort, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Nationalbank weniger am Devisenmarkt aktiv ist – und sogar vorerst überhaupt nicht mehr eingreifen muss. Doch zu Recht betonte die Nationalbank heute einmal mehr die Risiken, die vor allem in China lauern. Die mittlerweile zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt macht einen «komplexen Strukturwandel» (SNB-Statement) durch. Das birgt Gefahren für die globale Nachfrage.

Die grösste Herausforderung für die SNB jedoch wird weiter darin liegen, ihr primäres Mandat einzuhalten: Sie muss wieder für eine zumindest kleine Inflation sorgen, um das Risiko einer für die Wirtschaft gefährlichen Spirale aus sinkenden Löhnen und Preisen zu verhindern. Zur Erinnerung: Eigentlich peilt die Nationalbank eine positive Inflation von unter 2 Prozent an.

2016 sinken die Preise stärker als bislang erwartet

Davon ist man jedoch seit Jahren weit entfernt. Seit der Zeit um die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre gab es keine so lange Phase mehr, in der die Konsumentenpreise in der Schweiz nicht stiegen. Nun senkte die SNB einmal mehr ihre Inflationsprognose für dieses und das kommende Jahr: 2016 fallen die Konsumentenpreise demnach um 0,8 Prozent, erst für 2017 veranschlagen die SNB-Ökonomen ein Mini-Plus von 0,1 Prozent.

Es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass die SNB einmal mehr vertrösten muss bei ihrem wichtigsten Auftrag: In den vergangenen Lagebeurteilungen musste man angesichts des starken Frankens, schwächelnder Konjunktur und/oder der gesunkenen Ölpreise regelmässig die Inflationsprognose nach unten korrigieren.

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