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Bitcoin oder SNB: Wer stellt das bessere Geld her?

Bitcoins vs. SNB: Wer bietet das bessere Geld an?
Geld als Clubgut: Bitcoin-Münze.Quelle: Keystone

Bitcoin bietet gegenüber normalem Geld keine Vorteile. Die einzigen, die von der Krypto-Währung profitieren, sind die Herausgeber.

Kommentar  
Von Werner Vontobel
am 18.12.2017

Um das Phänomen der Kryptowährungen einschätzen zu können, müsste man sich  erst einmal Gedanken darüber machen, welche Aufgaben Geld in einer Volkswirtschaft erfüllt. Das tut zurzeit fast niemand. Höchste Zeit also für eine Abwägung darüber, was unser aktuelles Geldsystem leistet – und wie es diesbezüglich bei Bitcoin & Co. steht.

Beginnen wir mit zwei grundsätzlichen Feststellungen.

  • Wir leben in einer extrem arbeitsteiligen Wirtschaft. Da sind alle darauf angewiesen, dass sie das, was die produzieren gegen das eintauschen können, was sie konsumieren. Dazu braucht es Geld. Geld hat also eine Tauschfunktion.
  • Doch nicht nur. Zwischen Produktion und Konsum vergeht oft Jahrzehnte. Auch Rentner konsumieren obwohl sie schon lange nicht mehr produziert haben. Geld hat also auch noch die Funktion der Wertaufbewahrung.

Kurz: Ohne Geld keine arbeitsteilige Wirtschaft. Das Geld ist also ein Clubgut aller, die sich an der betreffenden Volkswirtschaft beteiligen.

Geld als Clubgut

Nächste Frage: Wie macht man Geld?

Üblicherweise geschieht das so, dass ein Staat eine Zentralbank gründet.

  • Die kauft Gold und Wertpapiere und gibt dafür eigene, zinslos und sofort fällige Schuldscheine aus. Diese zirkulieren dann als Geld in der Wirtschaft.Die Zentralbank sorgt dafür, dass immer genügend, aber nicht zu viel Geld in der Wirtschaft zirkuliert. In der Schweiz sind das zurzeit etwa 630 Milliarden Franken und die Goldbestände und Devisenreserven auf der Aktivseite der SNB-Bilanz belaufen sich auf gut 820 Milliarden.
  • Die Zentralbanken unterscheiden sich allerdings in einem wichtigen Punkt von anderen Banken: Ihre Schuldschein können nicht eingelöst werden, weder gegen Gold noch gegen Devisen. In diesem Sinn haben Zentralbanken keine echten Schulden. Sie könnten theoretisch auch funktionieren, wenn auf der Aktivseite ihrer Bilanz gar nichts steht. Der Zweck einer Zentralbank besteht ja gerade darin, dass ihre Schulden ewig zirkulieren.

Der Staat, bzw. die Zentralbank  könnte sein Geld auch in Umlauf bringen, indem er seine Angestellten damit bezahlt, oder seine Investitionen finanziert. Er müsste allerdings darauf achten, dass im Verhältnis zur Konsumnachfrage (Tauschfunktion) und zum Sparbedarf (Wertaufbewahrung) nicht zu viel Geld in Umlauf gerät. Der Staat müsste seine Ausgaben also auch durch Steuern finanzieren.

Die Rolle der Geldmenge

Hier hakt nun die Krypto-Szene ein.

  • Staatliches Geld sei viel zu gefährlich. Es könne (wegen der nicht vorhandenen Einlösungspflicht) in beliebigen Mengen dem Nichts geschöpft werden und so jederzeit von der Inflation weggefressen werden. Siehe Venezuela, siehe die Grosse Inflation von 1914 bis 1923.
  • Doch zum Glück gebe es jetzt die Blockchain, damit können man privates Geld schaffen, dessen Menge verbindlich begrenzt sei und von niemandem willkürlich manipuliert werden könne. Dass dieses Geld durch nichts gedeckt sei, spiele keine Rolle, das sei staatliches Geld ja faktisch auch nicht.

Stimmt das? Das müssen letztlich die Clubmitglieder entscheiden.

Wollen wir unser Geld weiterhin von unserer Zentralbank verwalten lassen, oder wollen wir den Privatanbietern eine Chance lassen? Wer bietet welche Vorteile?

Das Pro und Contra von Kryptowährungen

Hören wir uns einmal an, wie die Diskussion an der Clubversammlung laufen könnte.

  • Die  Fans der Kryptowährungen argumentieren vor allem mit dem Inflationsschutz. Das mag für jede einzelne Kryptowährung zutreffen, aber deren Zahl ist nicht beschränkt. Aktuell gibt es davon weit über tausend. Die Zahl der Coins pro Währung mag garantiert endlich sein, aber was bringt das bei beliebig vielen Privatwährungen? Und selbst wenn irgendwann mal nur noch eine Privatwährung überlebt, dann bleibt immer noch das Problem, dass unser Club eine Geldversorgung braucht, die sich den veränderten Umständen anpasst und wilde Kursschwankungen vermeidet – notfalls mit gezielten Interventionen. Mit einer dank Kryptlowährungen fixierten Geldmenge kann man eine offene Volkswirtschaft nicht steuern. Man kann weder Inflation noch Deflation vermeiden und riskiert zerstörerische Schwankungen der Devisenkurse.
  • Und dann wäre da noch die Sache mit der Clubkasse. Der Betrieb einer Währung ist grundsätzlich rentabel. Man verschuldet sich zinslos und ohne Rückzahlungspflicht und kassiert erst noch Zinsen. Der Nationalbank hat dies bisher rund 830 Milliarden Franken eingebracht. Selbst wenn wir unterstellen, dass diese Summe nicht aus dem Nichts geschöpft, sondern mit Schulden finanziert sind, bleiben immer noch ein Nettoguthaben von 133 Milliarden plus jährliche Zinsgewinne von jährlich rund 12 Milliarden Franken. Und wenn die Nationalbank dazu überginge, das  neu zu schaffende Geld gratis dem Bund zu überweisen, könnten wir wenigstens Steuern sparen und staatliche Dienstleistungen finanzieren. Wollen wir darauf wirklich zu zugunsten der private Bitocoin-Vereinigung verzichten?
  • Kommen wir nun noch zu den eigentlichen Kosten der Geldschöpfung. Der Betrieb der SNB kostet uns pro Jahr etwa 320 Millionen Franken oder etwa 0,05 Rappen pro umlaufenden Franken. Die aktuellen Schürfkosten pro Bitcoin werden auf 4300 Dollar geschätzt, wovon je etwa die Hälfte für Strom und für Hardware. Bis 2020 sollen die Kosten auf 16 000 Dollar steigen. Das ist der Preis der garantierten Limitierung. Einverstanden, diese hohen Kosten werden vermutlich dazu führen, dass der Bitcoin von effizienteren Kryptowährungen verdrängt wird. Doch können wir uns wirklich darauf verlassen, dass denen irgendwann doch noch eine vernünftige Lösung einfällt?

Spätestens an diesem Punkt wird sich die Diskussion nicht mehr darum drehen, ob man den Privatanbietern das Feld überlassen soll, sondern ob man Krypto-Coins zum Schutz der offiziellen Währung und der nativen Anleger nicht sogar verbieten soll.

Anlegerschutz beim Bitcoin ist gefordert

Ist Krypto ein Fall für die Kripo?

Tatsache ist, dass man sich mit der Lancierung einer Kryptowährung massiv bereichern kann. Tatsache ist jedenfalls, dass mit solchen Spekulationen ohne produktive Arbeit enorme Vermögen umverteilt werden. Mal angenommen, der Bitcoin erreicht mit 20 000 Dollar seinen Höchstkurs und läuft sich bei 20 Millionen Stück in Anbetracht der hohen Münzkosten und weil effizientere Coins auf dem Markt sind.

Dann sieht die Endabrechnung in etwa so aus: Alle, die rechtzeitig ein- und ausgestiegen sind, haben per Saldo 300 Milliarden Dollar gewonnen. Alle anderen Marktteilnehmer haben 400 Milliarden verloren und weitere 100 Milliarden sind für Strom und Hardware verbrannt worden. Dazu kommen noch ein paar Millionen Stunden vertrödelte Zeit und rund 2000 andere Krypto-Coins.

Einverstanden. Man kann das auch unter Forschung und Entwicklung zur Verbesserung der Distributed-Ledger-Technologie abbuchen. Davon werden vermutlich auch mal die offiziellen Währungen profitieren. Doch muss das wirklich so extrem teuer sein?

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