Das war deutlich: Ein EU-Austritt könnte für Grossbritanniens Wirtschaftswachstum eine erhebliche Schwächung darstellen und zu deutlich mehr Inflation führen, liess Marc Carney gestern verlauten. Auch das Pfund dürfte bei einem Brexit an Wert verlieren, «vielleicht sehr stark», so der Gouverneur der britischen Zentralbank im neuesten Vierteljahresbericht. Die Realwirtschaft wäre demnach direkt betroffen: Konsumenten dürften neue Anschaffungen aufschieben, Firmen Investitionen zurückstellen. Eine Rezession wäre die Folge.

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Nun wird es tatsächlich ernst: In gerade mal sechs Wochen stimmen die Briten über Verbleib oder Austritt aus der EU ab. Ein Brexit scheint durchaus realistisch. Der Ökonom Holger Schmieding beziffert die Gefahr immerhin auf 35 Prozent, für ihn ist der mögliche Austritt «das Risiko das Jahres». Der in Kiel ausgebildete Chefökonom der Berenberg Bank hat diese Woche eine ausführliche Analyse zum Thema verfasst. Ein Blick hinein lohnt sich.

Vor allem bei einer niedrigen Wahlbeteiligung von weniger als 50 Prozent sei die Gefahr gross, dass die Briten für einen Austritt votierten. Denn die EU-skeptischeren Rentner werden eher abstimmen, als die Europa wohlwollender gesinnten jungen Briten. Doch was wären die Folgen eines Brexits? Schmieding unterscheidet vier verschiedene Dimensionen:

1. Ein möglicher kurzfristiger Konjunkturschock

Ein Nein der Bevölkerung würde grosse politische und wirtschaftliche Unsicherheiten mit sich bringen. Die Frage stünde im Raum: Wie schnell können sich EU und Grossbritannien auf die Trennung einigen, zu welchen Konditionen und wie gütlich? An den Finanzmärkten, wo Unsicherheit naturgemäss schlecht ankommt, wären neue Turbulenzen zu erwarten.

Vor allem mit Blick auf die Landeswährung: Noch bis Anfang Dezember vergangenen Jahres kostete ein Pfund rund 1.40 Euro. Seitdem ging es stetig bergab bis auf heute rund 1.25 Euro – eine Abwertung von immerhin über 10 Prozent in den vergangenen sechs Monaten. Votieren die Briten gegen den EU-Verbleib, würde laut Berenberg-Prognose neben dem Pfund auch der Euro abwerten. Für die Schweiz hätte das Konsequenzen: Der Franken könnte aufwerten, neue Interventionen der Nationalbank wären wahrscheinlich.

2. Langfristige Folgen für die europäische Wirtschaft

Ein Nein zur EU dürfte die britische Wirtschaft deutlich stärker unter Zugzwang bringen, als die europäische: Denn für die Briten ist der Marktzugang nach Europa wichtiger als umgekehrt. Das gibt der Union eine starke Verhandlungsposition – vor allem mit Blick auf die Dienstleistungen, bei denen Grossbritannien gegenüber der EU einen Vorsprung hat, wie Schmieding schreibt.

Aus EU-Sicht werde London mit einmal von einem «Onshore» zu einem «Offshore» Finanzplatz, mit Folgen: «Sofern Grossbritannien nicht garantiert, auch bei Dienstleistungen künftig alle Regeln der EU voll zu beachten, ohne selbst diese Regeln beeinflussen zu können, dürfte die EU den britischen Zugang zum Gemeinsamen Markt für Dienstleistungen beschränken.» Langfristig kann das für die EU positive Folgen haben: Einige Dienstleister dürften ihren Standort in die EU verlagern.

3. Der liberale Gedanke in der EU

Grossbritannien gilt heute als liberale Stimme innerhalb der EU. Mit einem Austritt könnten sich verstärkt «etatistische Positionen» durchsetzen, räumt Schmieding ein. Sicher ist das aber keineswegs, der Effekt dürfte laut Analyse eher gering sein. Zum einen seien die Marktregeln bereits weitgehend festgezurrt. Zum anderen können selbst ohne grosse Regeländerungen Reformen angestrengt werden.

Schmieding nennt als Beispiel die «Agenda 2010» in Deutschland. «Das wirtschaftliche Schicksal eines Landes hängt weit mehr von der heimischen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ab, als von den Regeln für den Gemeinsamen Markt.» Mit einer durchgreifenden Reform könne auch Frankreichs Jobmark wieder auf die Beine kommen.

4. Das politische Risiko: Zerbricht die EU?

Die eigentliche Gefahr eines Brexits für die EU wäre jedoch, wenn der britische Entscheid Schule macht: Seit der Finanzkrise gewinnen Populisten zunehmend an Einfluss. Für Schmieding ist das aber nicht die Schuld der EU: Er verweist auf die Erfolge von Donald Trump in den USA.

In EU-Ländern wie Österreich, den Niederlanden und Frankreich erreichen die EU-Gegner mittlerweile 30 bis 35 Prozent der Stimmen. «Es ist damit zu rechnen, dass diese Populisten nach einem Brexit noch lautstarker als bisher für ihre Länder ebenfalls Volksabstimmungen über einen Verbleib in der EU und/oder dem Euro fordern würden.» Vor allem wenn die Briten bei einem Brexit weiter alle Vorteile des gemeinsamen Marktes geniessen dürfen. Entsprechend wahrscheinlich ist es, dass die EU bei einem Brexit gegenüber Grossbritannien eine harte Linie bei den Scheidungsverhandlungen einnehmen wird.