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Free Lunch
Das Ende des chinesischen Wirtschaftswahns

Wachstum auf Pump: Arbeiterin in einer Textilfabrik. Keystone

Warum gerät Chinas Wirtschaft ins Trudeln? Der renommierte Ökonom Michael Pettis kennt die fundamentalen Gründe. Seine Erklärung ist ebenso einfach, wie einleuchtend.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 16.03.2016

Wenige erinnern sich heute an Alexander Gerschenkron: einen jüdischen, in Russland geborenen, in Harvard lehrenden und sich selbst der österreichischen Schule zurechnenden Ökonomen, der von 1904 bis 1978 lebte und Theorien zur Entwicklung der Sowjetunion aufstellte.

Dabei sind die Ideen dieses internationalistischen Wirtschaftsgelehrten hoch aktuell. Denn: Sie erklären, warum die Wirtschaft in China nicht ewig weiterwachsen kann – jedenfalls nicht nach Ansicht von Michael Pettis, einem profunden Kenner der dortigen Verhältnisse.

Wachstum nach Gerschenkron

Ökonom Michael Pettis.

Pettis lebt und arbeitet in China. Kürzlich hat der Ökonom auf seinem Blog einen Beitrag verfasst, in dem er seine Wirtschaftstheorie über das Reich der Mitte darlegt. Der Text ist ziemlich überzeugend, aber auch ziemlich lang. Deshalb fassen wir ihn hier bei Free Lunch zusammen, und zwar in zwei Teilen. Teil eins handelt von der Wachstumsstrategie, die China in der Vergangenheit verfolgt hat. Pettis schreibt darüber in einer Fusnote seines Textes. Er sieht darin eine Variation der typischen «Gerschenkron»-Strategie, die bereits viele Länder, darunter etwa Japan, angewandt haben. Das Modell funktioniert stets nach dem selben Muster:

  • Zunächst wird wie wild investiert, um das Wachstum anzutreiben. Massive Investitionen sind erforderlich, deshalb braucht der Staat die Kontrolle über das Finanzsystem. Kredite werden von allem in die Infrastruktur und in die industrielle Fertigung gelenkt.
  • Erforderlich für die hohe Investitionsrate ist eine hohe Sparquote: Der relative Anteil des Konsums am BIP muss niedrig bleiben. Der Staat schafft dies über direkte und indirekte Steuern. Im Idealfall steigt der absolute Konsum der Haushalte aufgrund des schnellen Wirtschaftswachstums trotzdem.
  • Im Fall von China wurde der Konsum hauptsächlich gedrückt, indem die Löhne tief gehalten wurden – die Löhne wuchsen weniger schnell als die Produktivität. Weitere Mittel waren unter anderem: eine unterbewertete Währung...
  • ... und finanzielle Repression. Die Banken zahlten den Sparern bloss Zinsen von 3,5 Prozent, während die (Staats-)firmen Kredite zu 7 Prozent erhielten. Beide Zinssätze lagen unterhalb der Inflationsrate von 8-10 Prozent und der nominalen BIP-Wachstumsrate von 16-20 Prozent und waren somit viel niedriger, als sie eigentlich sein sollten.

Verharren im selben Muster

Laut Michael Pettis führt die Gerschenkron-Strategie im Anfangsstadium zu spektakulären Wachstumsraten. Überall, wo sie angewandt wurde, tauchten aber früher oder später zwei Probleme auf: Die Länder waren erstens mit einem Schuldenproblem konfrontiert und mussten zweitens einen schwierigen Anpassungsprozess durchlaufen.

Modellhaft spielt sich dieser Wandel nach Pettis so ab:

  • Am Anfang ist es für den Staat einfach, produktive Investments zu identifizieren. Der Wohlstand steigt nachhaltig.
  • Nach einiger Zeit wird jedoch eine Sättigung erreicht. Produktive Investments lassen sich im bisherigen Modus nicht mehr realisieren. Arme Länder erreichen diesen Punkt recht schnell, weil Institutionen und Zivilgesellschaft noch nicht so weit sind.
  • Eigentlich wären in diesem Stadium Reformen nötig: Reformen, die oft als «Öffnung» oder «Liberalisierung» beschrieben werden und die das Bildungs-, Finanz- und Justizsystem betreffen. An diesem Punkt müssten auch die Steuern und Beschränkungen wegfallen, die das Lohn- und Konsumwachstum hemmen.
  • Die Reformen werden jedoch blockiert durch eine Schicht von Eliten, die vom bisherigen Modell profitieren. Sie sorgen dafür, dass die Gerschenkron-Strategie weitergeführt wird – mit dem Resultat, dass weiterhin viel Kredit in unproduktive Sektoren fliesst: Kredit, der im Endeffekt nicht zurückbezahlt werden kann.
  • Je länger dieser Zustand andauert, desto gefährlicher wird das Ungleichgewicht, das sich aufbaut. Die Summe der Kredite an den privaten und parastaatlichen Sektor wird im Vergleich zur effektiven Wirtschaftsleistung immer grösser.
  • Irgendwann wird die Spannung zu gross – ein Reformprozess setzt trotz Widerstand der Eliten ein. Den Anlass dafür bildet vielfach eine Schuldenkrise. Die Anpassung ans neue Gleichgewicht erfolgt nun aber nicht mehr graduell, sondern disruptiv.

China befindet sich momentan im vorletzten Stadium dieses Wandels. Die Zeit für Reformen drängt, wie Pettis betont: Je länger das Land versucht, mit den bisherigen Mitteln ein hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen, desto mühseliger und verlustreicher wird die nötige Anpassung.

Daten unter umgekehrten Vorzeichen

Wie stark sich die Schere zwischen Kredit- und Wirtschaftswachstum bereits geöffnet hat, zeigt folgende Grafik. Es handelt sich dabei um eine aktualisierte Version eines Charts, der bei Ineteconomics im letzten Sommer erschienen ist:

Eine wichtige Einsicht, die Michael Pettis seinen Lesern vermitteln will, ist die folgende: Die chinesischen BIP-Wachstumszahlen sind trügerisch. Nicht bloss, weil sie von der Regierung in Peking frisiert sind. Sondern, weil man sie – zumindest im Kontext des Geschenkron-Modells – unter umgekehrten Vorzeichen deuten muss. Weniger ist mehr, wenn es um China geht.

Das heisst: Je höher das aktuelle Wachstum ausfällt, desto stärker wurde dieses Wachstum möglicherweise durch nicht nachhaltige Kredite getrieben. Je mehr dieser Kredite aber vergeben werden, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung.

Im nächsten Teil geht es darum, wie die chinesische Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht finden kann, und mit welchen Nebenwirkungen diese Ausbalancierung verbunden ist.

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