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Free Lunch
Das Ende des Frankenschocks

Thomas Jordan: Verbrachte die letzten zehn Jahre mit dem Kampf gegen die Frankenstärke. Keystone

Der Euro wird stärker, der Franken wird schwächer. Warum dies für die Wirtschaft und für die Nationalbank nur beschränkt neue Perspektiven öffnet.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 30.07.2017

Die Bewegung kam unverhofft. Doch sie war heftig. Letzte Woche verlor die Schweizer Währung gegenüber dem Euro fast vier Rappen. Gemessen an der jüngeren Vergangenheit kommt dies einem Erdbeben gleich. Der Euro wird nunmehr zu fast 1.14 Franken gehandelt. Europas Währung ist gegenüber dem Schweizer Franken so stark wie seit drei Jahren nicht mehr.

Bleibt es dabei? Ist dies das Ende vom Frankenschock? Wird nun alles anders in der hiesigen Wirtschaft?

Um die neue Ausgangslage zu verstehen, lohnt sich der Blick zurück auf die Zeit vor dem Januar 2015. Damals wurde der Euro zu 1.20 Franken gehandelt, später fielen die Kurse in die Gegend von 1.05 Franken. Im Vergleich dazu hat sich die Lage nun deutlich entspannt. Als der Frankenschock kam, kostete die Schweizer Währung plötzlich 10 bis 15 Prozent mehr. Heute bleiben von der Aufwertung noch gut 5 Prozent übrig.

Noch deutlicher wird das Bild, wenn man nicht in nominalen, sondern in realen, also um die Teuerung bereinigten Zahlen rechnet. Wegen den höheren Inflationsraten im Euroraum reduziert sich die Differenz dann weiter, auf gerade noch 2-3 Prozent. Bringt man handelstechnisch dazu noch den Dollar ins Spiel, der sich am Devisenmarkt in den letzten Jahren besser gehalten hat, so wird klar: Der Frankenschock ist Geschichte.

Entwarnung bei den Gewinnmargen

Die Frage ist, welchen Unterschied dies für die hiesige Wirtschaft ausmacht. Für einige Branchen, darunter auch Exportschwergewichte wie die Pharmaindustrie, dürfte sich jedenfalls nicht viel ändern. Hier kam man bereits mit der Franken-Aufwertung relativ gut zurecht. Firmen konnten ihre Preise am Markt durchsetzen, der Absatz reagierte wenig sensibel. Analog dazu wird auch der günstigere Franken hier keinen plötzlichen Boom entfachen.

Für den Tourismus und die weniger marktmächtige Maschinenindustrie kommt der schwächere Franken jedoch gelegen. Die Abwertung hilft, das Margenproblem zu entschärfen, das sich viele Firmen in den letzten zwei Jahren eingehandelt haben, indem sie den Kunden aus Europa Rabatte gewährten, um nicht aus dem Markt gedrängt zu werden. Der neue Eurokurs wird zwar auch hier keine Umsatzrekorde bescheren. Doch er dürfte es manchen Unternehmen leichter machen, Investitionsentscheide zugunsten des Heimstandorts zu fällen.

Wie wichtig solche Entscheide sein könnten, wird klar, wenn man auf die anderen Faktoren blickt, von denen die wirtschaftliche Grosswetterlage in der Schweiz abhängt: die Binnenkonjunktur, der Immobilienmarkt. In diesen Bereichen dürfte in nächster Zeit kaum mit grossen Impulsen zu rechnen sein. Der Bauboom hat seinen Zenit überschritten, und auch die Immigration fällt als Wachstumstreiber weit weniger ins Gewicht als auch schon.

Der lange Weg zurück zur Normalität

Ein schwächerer Franken hilft - doch an der grundsätzlichen Lage ändert sich wenig. Das gilt auch für die SNB. Thomas Jordan wird sich freuen, dass sein Argument, wonach der Franken in den letzten Jahren deutlich überbewertet war, an den Devisenmärkten endlich ein Stück weit honoriert wurde. Doch der SNB-Präsident wird sich davor hüten, nun einen Kurswechsel vorzunehmen, geschweige denn einen solchen auch nur anzudeuten.

Verständlich wird dies, wenn man sich die jüngere Vergangenheit noch einmal vor Augen führt. Die Nationalbank hat seit fast einem Jahrzehnt keine konventionelle Geldpolitik mehr betrieben, sondern nur noch im Notfallmodus operiert: mit Interventionen, mit einem Mindestkurs, mit Negativzinsen. Die Schwächung des Frankens hatte oberste Priorität. Jetzt, wo die Taktik endlich aufgeht, wird die SNB ihre Stossrichtung sicher nicht ändern.

Massnahmen wie eine baldige Abschaffung der Negativzinsen sind vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich. Zumal in Europa nach wie vor keine restriktive Geldpolitik betrieben wird. Einschränkungen im Quantitative Easing werden frühestens Anfangs 2018 erwartet. Bis EZB-Präsident Mario Draghi an höhere Zinsen denken kann, können leicht noch zwei Jahre vergehen. Die Erfahrungen der Federal Reserve aus den USA zeigen, dass sich die geldpolitische Normalisierung nach einer tiefen Krise über alle Erwartungen hinaus hinziehen kann.

Das Ende vom Frankenschock verheisst für die Schweiz noch keinen volkswirtschaftlichen Neuanfang.

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